Schrödingers Gott

Priester werden – Zeitgenössisches Theater in Moskau

http://teatrdoc.ru/events.php?id=245

Manche Menschen mögen Hunde, andere mögen Katzen. Manche fahren lieber nach Petersburg, die anderen sind lieber in Moskau. Ich habe Moskau schon immer gemocht. Das ist inzwischen die Geschichte einer längeren Zuneigung: Meine erste Reise fand 1974 statt, damals pilgerten wir noch in das GUM, wo es Schallplatten von den Beatles gab und das berühmte russische Parfüm „Krasnaja Moskwa“ umgab unsere Lehrerinnen wie ein luxuriöser Mantel. Moskau hat seitdem unendlich viele Metamorphosen erlebt. Die alten, klassischen Parfüms kann man inzwischen wieder kaufen. Da ich jetzt selbst eine Lehrerin bin, benutze ich eins davon, und das macht mich ausgesprochen glücklich.

https://www.fragrantica.com/news/Krasnaya-Moskva-or-Red-Moscow-by-Novaya-Zarya-504.html

Als Teenager war ich von der Stadt erschlagen. Es war die größte Stadt, die ich kannte und riesiger, als alles, was in meinem Kinderkopf Platz fand. Inzwischen habe ich in Schanghai gearbeitet, aber Moskau ist noch immer das, was ich mir unter einer echten Großstadt vorstelle. Vielleicht auch, weil niemand wirklich weiß, wie viele Leute dort eigentlich leben. Weil alles flüchtig ist, und es dennoch Ecken und Winkel gibt, in denen die Zeit eingefroren ist und dieselben Großväter im Unterhemd mit ihren alten Katzen aus den Fenstern schauen.

Der Bundestag hat in Berlin für seine Ausschüsse ein Gebäude errichtet, in dem ohne Probleme mehrere Hubschrauber gleichzeitig herumfliegen können. Vielleicht kann man dort in näherer Zukunft eine Zeltstadt für die inzwischen obdachlos gewordenen Familien einrichten. Dann müssen sich die Miethaie der Stadt nicht mehr anhören, dass sie Menschenfresser sind. Und die bedürftige Mittelschicht kann Heizkosten sparen, denn der Bundestag lässt seinen überdachten Repräsentationsacker ohnehin klimatisieren. In Moskau denkt man sich die Metro als Parallele. Aber anders als in den überwiegend leeren Hallen unserer einheimischen Demokratie schieben sich täglich und stündlich endlos viele Menschen durch das unterirdische Paradies der Moskauer Metro. Das ist vielleicht der Grund, warum man Moskau immer wieder Rastlosigkeit bescheinigt. Im Gedränge der Moskauer Umsteigebahnhöfe einfach stehen zu bleiben, ist gefährlich und vielleicht auch schlicht unmöglich. Gluchowski beschreibt die Metro als unterirdisches Reich, zerfallen in Einzelterritorien rivalisierender Stämme. Tatsächlich fließt sie und mischt die Ströme der Stadt zu einer unüberschaubaren Suppe. Aber Gluchowskis Romane spielen auch erst nach dem Ende der uns bekannten Welt.

In diesem Beitrag geht es eigentlich um Theater. Das wirklich Irrsinnige, das ich tatsächlich nicht verarbeiten kann, besteht im Auseinanderfallen der Zeit an ein und demselben Ort. In Berlin schützen die Wände aus Waschbeton die Parlamentarier vor der Wirklichkeit, die hinter dem Bahnhof Friedrichstraße beginnt. Was da in dem als „demokratisch“ und „transparent“ konzipierten Gebäude stattfindet, gehört vielleicht tatsächlich eher in das Reich der Romane von Gluchowski.

https://www.wired.de/article/der-science-fiction-autor-dmitri-gluchowski-glaubt-nicht-dass-wir-2029-chips-im-kopf-haben

Dort gibt es mehr Wände als Brücken und alle hängen sie in einem Spinnennetz aus Machthunger und kaum einer schafft es, den eigenen Egoismus zu überwinden. Das reale Moskau bietet als Bezugspunkt riesige Einkaufszentren, die so ebenso leer sind, wie das „Paul-Löbe-Haus“. In einem davon, hat sich das Dokumentartheater von Jurij Schechvatov eingenistet, als Gast von NOL Project/Moskau.

Ich stelle mir das in Berlin vor: Oben neben dem Raum für Staubsauger und Klopapier gibt es eine Bühne. Jeden Abend betreten etwa fünfzig Personen das gesicherte Gelände, um gemeinsam über die ausgesperrte Gegenwart nachzudenken und tatsächlich darüber zu sprechen, wie man mit ihr umgeht. Aber hier hakt es aus. Das wird so nicht passieren, es sei denn, sie öffnen das Gebäude tatsächlich für die wohnungslose Durchschnittsbevölkerung der Stadt.

https://www.bundestag.de/besuche/architektur/loebehaus/nutzung/nutzung/198898

https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/volksinitiative-in-berlin-der-mann-der-die-deutsche-wohnen-enteignen-will/23897432.html

In Moskau streife ich notgedrungen an Luxusgeschäften und merkwürdigen Sporteinrichtungen vorbei, verliere die Orientierung in einem kostenlosen Toilettenpalast, blicke ratlos über endlose Reihen von sinnlosen Läden in mehreren fast menschenleeren Etagen. Der Weg war erstaunlich kurz, ich habe es gut gefunden. Nun schlage ich die Zeit tot. Vor wenigen Minuten bin ich durch ein Wohnviertel aus den 70ern gerutscht, eisiger Wind, alte Frauen mit Einkaufstasche und Hündchen. Aus kleinen Lebensmittelläden sickert warmes Licht, rauchende Verkäuferinnen stehen im Schnee. Wenn ich nach dem Einkaufszentrum frage, stöhnen sie und zucken mit den Schultern. Aber als es im Zwielicht auftaucht, ist es ganz nah. Riesig, strahlend und fremd. Eingeflogen von sonstwoher, aber sie haben guten Kaffee. Und der Kellner ist sympathisch und sehr freundlich.

Wie bei einer Matrjoschka schält sich aus dem Inneren des minimalistischen Theaters eine weitere Welt, diesmal jedoch nur noch flüchtig, virtuell, im Spiel verankert. Es ist der innerste Kern in der vielschichtigen Täuschung von Baba Yaga: Realität ist nur noch eine Behauptung. Außen der Umkreis des sozialistischen Wohnungsbaus (natürlich längst privatisiert), dazwischen eingepflanzt das Raumschiff des Konsums, in dessen oberster Schicht das kleine zeitgenössische Theater und in dessen Herz (wie im Herz des Hasen) die Welt von vier jungen Männern, deren persönliches Ziel darin besteht, orthodoxer Priester zu werden. Das spielt das Kollektiv im modernen Moskau, in einer der größten Städte der Welt. Es ist extrem sympathisch. Es gibt die Bekundung von Solidarität mit den Kolleginnen und Kollegen, die in Schwierigkeiten stecken. Es gibt ein junges, absolut aufgeschlossenes Publikum. Es hat einen Anflug von Existentialismus. Tatsächlich erblicke ich in den Händen einer Frau einen Band von Sartre.

https://www.facebook.com/pg/N0LProject/posts/

Es ist weniger ein Drama und eher eine Performance. Die Priesterschüler werden von Frauen dargestellt, sehr gute Performerinnen (oder doch eher Schauspielrinnen? Stanislawskischule?) Warum will ein junger Mann in dieser Gegenwart in der Welt von Kirche und Glauben leben? Es gibt keine sensationellen, zitierfähigen Sprüche. Es gibt ein langsames, sich immer neu erfindendes Fließen von Möglichkeiten, von Abweichung und Rückkehr in Hauptstrom. Es ist eine Beobachtung und keine Bewertung, verfremdet durch das Vortragsform der Frauen. Vielleicht ähnelt es der tatsächlichen Lebensweise des Priesters irgendwo draußen in der Provinz: Kinder taufen, Texte vortragen, Tote begleiten, auf Familienfeiern sitzen und zum Essen genötigt werden. Vodka trinken und zuhören, bis es nicht mehr geht. Die Litanei als Lebensgerüst und als weitere Schale zur Abwehr des immer weniger kontrollierbaren Außen. Einmal wird es demonstrativ gesagt: Es geht um den Wunsch nach einem System, das stark genug ist, um zu schützen. Der schwarze Priestermantel als Symbol: Wieder und wieder zusammengefaltet wird er im Ritual die Haut sein, die das Innen vom Außen trennt, das Normale abschneidet und das Innere isoliert. Eine persönliche Echokammer aus Stoff. Wenn sie dann zusammensitzen und gemeinsam trinken, öffnet sich das Kleidungsstück ein wenig, aber nicht genug, damit es abfällt.

Können Maschinen lügen? Lügt Claas Relotius?

Ist die Lüge etwas, das der Mensch dem Algorithmus voraus hat?

Auch die Wahrheit eignet sich zum Lügen. Automatische Nachrichtenerzeugung generiert den Text ausnahmslos aus den sogenannten Fakten. Literatur lügt immer und transportiert doch oft genug die erlebte oder gefühlte Wahrheit. Und die professionellen Journalisten? Schreiben die im Gegensatz zu den Schriftstellern normalerweise über die Wahrheit? Ist so etwas überhaupt zu leisten? Auch Journalisten treffen gezwungener Maßen eine Auswahl. Ohne das Prinzip der Verdichtung entsteht in keiner Umgebung ein lesbarer Text. Die Einfügungen, die aus der normgerecht amputierten Anordnung wieder lebendige Ereignisse werden lassen, gehen im Regelfall auf das Konto der Leser. Wenn es dann knirscht, weiß der Leser möglicherweise mehr als der Autor. Aber worüber eigentlich? Über eine selbst geleistete Forschungsarbeit oder über die eigene Krankheit oder über das Vorkommen früheisenzeitlicher Schwerter, die man selbst im Nebel der sächsisch-brandenburgischen Moore illegal ausgräbt?

Claas Relotius hat so getan, als ob er neben einer äußerst seltsamen Frau im Bus fuhr, als diese ihrer Lebenserfahrung einen weiteren Todestrakt hinzufügen wollte. Und später hat er den Eindruck erweckt, dass er mit ihr gemeinsam diese fragwürdige Reise bis zum Ende geteilt hat. Er hat uns das Erlebnis einer Hinrichtung vorgegaukelt, ohne das Gebäude selbst auch nur betreten zu haben. Es gibt ein Problem mit der Authentizität. Es gibt eine Lücke zwischen dem „das hätte so passieren können“ und dem „das ist tatsächlich so passiert“. Und weiter? Ist das, was ich sonst so lese, in irgend einer Hinsicht realer? Wenn ich den Spiegel in die Hand nehme, fesselt mich der Teil über die Wissenschaft. Von Physik oder von Endokrinologie habe ich nicht die geringste Ahnung. Ich lese und denke, dass ich etwas lerne. Aber wenn es um Sprache geht oder gar um mittelalterliche Geschichte, dann verlässt mich das Vergnügen. Diese Fächer habe ich studiert. Dann knirsche ich mit den Zähnen. Tiefer Ärger erfasst mich bei oberflächlichen, dem Klischee verhafteten Beiträgen über Länder, in denen ich gelebt habe: Serbien, Litauen, Russland. Ist das, was der Spiegel hier immer wieder verbreitet, eine Form von Wahrheit?

Geht es möglicherweise gar nicht anders? Was mache ich denn selbst, wenn ich an meinem neuen Wohnort (Irkutsk am Baikalsee) die Kamera auf Dinge und Situationen richte, von denen ich glaube, dass sie bei meinen Freunden Interesse wecken? Fotografiere ich die großzügig ausgestatteten Räume im Sprachenzentrum oder das mehr als zeitgemäße Kundenmanagement in der Bank? Ich fotografiere die Straßenbahn, die seit neunzig Jahren unverändert durch den Schnee fährt und die alten Frauen, die aussehen, als wären sie von Anfang an dabei. Das schafft Aufmerksamkeit. Das mit der Bank ist unmarkierter Alltag, denkbar in Barcelona, Schanghai oder Belgrad.

Wäre Claas Relotius ein Schriftsteller, hätte er möglicherweise ebenso viele Preise gewonnen und könnte sie nun ohne Schwierigkeiten behalten. Das Problem sind nicht die Texte, das Problem ist das Etikett. Ehrlich gesagt beruhigt mich die Information, dass es im Spiegel eine sogenannte Dokumentation gibt, überhaupt nicht. Wenn dort professionelle Mitarbeiter die Farbe der Steine in irgendwelchen Gebirgen überprüfen, wird der allgemeine Unsinn dadurch zwar unangreifbarer, aber keineswegs richtig. Ein wenig erhebt sich die Frage, ob es überhaupt noch Leute gibt, die von einem Artikel in den führenden Medien „Wahrheit“ erwarten. Was ist diese Wahrheit anderes, als das Zusammentreffen mit dem, was man vorher bereits gewusst hat?

Ist Relotius vielleicht trotz allem ein ziemlich guter Autor? Für meinen Geschmack ganz sicher ein wenig zu grell, aber in jeder Hinsicht erfolgsberechtigt? Man könnte seine Reportagen sammeln und als Band von Kurzgeschichten veröffentlichen oder als Band von etwas, was sie tatsächlich sind: fiktive Texte im Textformat der politischen Dokumentation. Wenn ich einen Verlag besitzen würde, dann wäre das für mich ein Anlass, Geld zu investieren. Ich würde die Texte kaufen. Das mit der Frau, die regelmäßig zu Hinrichtungen reist, wäre die Vorlage für ein spektakuläres Drehbuch. Vielleicht passiert das noch. Die Erfindung der Idee und die Recherche der möglichen Wirklichkeitsverankerung einer solchen Idee hätten den Erfolg verdient. Auch wenn sich das hier wie Spott liest, meine ich es zumindest teilweise ernst. Ein guter Text unter der falschen Überschrift wird in unseren Augen zum Bastard. Aber es bleibt ein guter Text.

Was der Spiegel gerade vorführt, ist die Vorlage für eine Doku, die wir uns in zehn Jahren ansehen werden. Mir stehen die Haare zu Berge, wenn ich mir vorstelle, wie es ist, in der Zukunft dort zu arbeiten. Es muss reißerisch sein, es muss faktisch richtig wirken, es muss als Ware verkäuflich bleiben und es muss in einer Atmosphäre aus Misstrauen und Kontrolle zu seiner Reife finden. Das ist für mich der komplette Alptraum. Mein Institut hat den Spiegel abonniert. Ich nehme an, dass der Umschlag in Zukunft deutlich nach Schweiß riecht.

 

 

Geisterstunde am Alexanderplatz

Verschwundene Mönche und vergessener Sozialismus: „Rot oder Tot“ in der Klosterstraße

https://www.theaterdiscounter.de/stuecke/rot-oder-tot

http://www.caromillner.com/eleganz-aus-reflex/

Wenn man sich in der Klosterstraße mit dem Rücken an die Betonwand lehnt, hinter der es zum Theaterdiscounter und auch zu den Studios von Constanza Macras geht, blickt man auf die zugebaute Rückwand der ehemaligen Einkaufspassage in der Spandauer Straße. Dort befand sich das Traumland der DDR. Englischer Tee und trockener Weißwein aus Frankreich. Hemden, Röcke, Stiefel. Dort habe ich als junge Frau in den winddurchwehten Durchgängen Schlange gestanden, um einen Blick auf die Objekte meiner Begierde zu werfen. Und hin und wieder habe ich ein Fünftel meines Monatgehaltes als Krankenschwester dorthin getragen, um mit einem Paar italienischer Sandalen herauszuspazieren. Heute rasen die Autos vorbei und die Einkaufsströme fließen von Saturn zu Alexa. Damals, in dieser anderen Galaxie, hatte der einzelne Gegenstand einen nahezu rituellen Wert. Das eine Hemd aus dem Jahr 1974, bei dem dann eines Tages der rechte Ärmel abriss. Die unbezahlbaren Schuhe, in die der eifersüchtige Kater gepinkelt hat, sodass man sie auf die Straße stellen musste, bis sie irgendjemand geklaut hat.

War das schlimm? War das ein Grund, die verdammte DDR zu verlassen und nach Westberlin zu ziehen? War das der Grund für den Abbruch all meiner Beziehungen aus der Jugend? Nein. Auf keinen Fall. Obwohl mir Hemden, Röcke, Stiefel wichtig waren und ich lange darüber nachgedacht habe, wie sie aufgetrieben werden konnten, gab das nicht den Ausschlag. Wäre ich in einem bettelarmen, aber offenen Land dabei geblieben und bereit gewesen, einen Job in irgendeiner entfernten Provinzschule anzutreten? Vielleicht, vermutlich ja. Gestern stand ich zwischen den Ruinenwänden der Klosterkirche, wo natürlich nicht die geringste Spur der Bettelmönche zurückblieb, und starrte durch den Nachthimmel auf die mutierten Machtsymbole aus der Zeit von Walter Ulbricht. Fernsehturm, Hotel Stadt Berlin, der Alexanderplatz mit seinen inzwischen verbauten Achsen. Ich kam aus einem für mein Verständnis verstörenden Stück. Die DDR als spieltheoretischer Ansatz, als Projektionsfläche für einen Gegenentwurf zu dem Jetzt, in dem wir leben. Das ist für mich nicht selbstverständlich. Daran habe ich hart zu nagen.

Es hat mir als Theater gefallen. Sehr reduziert, auch an die siebziger Jahre angepasst, an den Stil der Bühne als Labor und an den strengen, kontrollierenden Blick von Bertolt Brecht aus dem Himmel der theatertheoretischen Autorität. Es riecht ein wenig nach Grotowski. Ausgerichtet auf das Thema, ohne Firlefanz, ohne Spiegelfläche für irgendein subjektives Hineingleiten in die Abgründe von Persönlichkeit oder Seele. Absolut spaßfrei, kein Video, keine bunten Lampen, Musik ausschließlich als zeitgenössisches Dokument. Und das war schlimm genug. Ich habe die traurigen Opfergesänge von Bettina Wegner noch nie ertragen, und wenn ich damals aus Pflichtbewusstsein mit in diesen Kirchen gestanden habe, ging es mir gar nicht gut. Kirche, Kerzen und Bettina Wegner und draußen die Stasitypen – daraus errechnet mein Kopf Stagnation und komplette Beschränkung des Denkens. Das war das eigentliche Problem: die Unfähigkeit, das intellektuelle Rattenloch zu verlassen.

Das Stück beginnt damit, dass die Figuren darüber diskutieren, ob es Sinn macht, eine Mauer zu errichten. Es war ein seltsames Erlebnis. Das hätte tatsächlich zu einem authentischen Reenactment gepasst, vorausgesetzt, es hätte jemals eine Diskussion im Vorfeld des Mauerbaus gegeben. Wo genau gab es die? Oder gab es keine und Ulbricht hatte einen Traum, den er dann von Honecker umsetzen ließ? Haben die in ihren mehrfach versiegelten Geheimnisräumen die Frage des Mauerbaus diskutiert? Hat es unter der Hand Hinweise gegeben? Ich weiß, dass mein Vater tief in der Nacht auf einen Lastwagen stieg, um irgendwo in eine Kaserne einzuziehen und später eine Straße zu sperren – aber welche Straße? Und mit welchen Vorstellungen in seinem Kopf, der ja immerhin nicht zum ersten Mal einen Helm trug. Ich habe keine Ahnung.

Es ging um Brasch und um Wegner. Es ging um Generationenzerwürfnisse innerhalb der Führungsschicht der DDR. Man liest es später nach: Ja, es gab einen bewaffneten Putsch. Honecker hat Ulbricht mit Waffengewalt aus dem Amt entfernt. Die Auffassungen von der Zukunft waren nicht dieselben. Entwickelte sozialistische Gesellschaft als reales Ziel oder Weitermarsch in eine leuchtende Fata Morgana von Kommunismus? Es wirkt so unfassbar absurd aus der heutigen Perspektive. Gleichzeitig ist es aktuell, denn es spielt wie in einem Uhrwerk die Varianten der inneren Zersetzung durch, die jede Machtstruktur am Ende auflöst. Am Ende war es dann völlig egal, weil es absolut niemanden interessierte. Nachdem 4,5 Millionen an Wahlhilfe aus der CDU an die von ihr unterstützte „Allianz für Deutschland“ geflossen waren (Resultat: 48 Prozent), kommen einem die 2,9 Prozent für das Neue Forum wie ein unpassendes Gewürz in der Suppe der deutschen Zukunft vor, sei es nun West oder Ost.

http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/202873/letzte-volkskammerwahl

Bin ich inzwischen eine alte Frau, eine Zeitzeugin mit einem Erinnerungsapparat, der den Status der Bewahrungswürdigkeit verdient? Was bewegt ein Kollektiv von jungen Theaterleuten, diesen Erinnerungspilz als eigene Vergangenheit zu simulieren? Macht das nun eher Hoffnung oder ist es ganz einfach gespenstig? Neben mir saßen zwei Frauen, denen wurde zwischendurch ganz offensichtlich übel: „Diesen selben Mist habe ich auf der Parteischule hundert Mal gehört. Das bringt mich ganz einfach zum Kotzen.“ Sie irren sich. Es ist nicht derselbe Mist, wenn man ihn auf der Parteischule hört und wenn er fünfzig Jahre später in einem Theaterexperiment erklingt. Es ist nicht die gleiche Zukunft.

http://www.nd-archiv.de/ausgabe/1971-05-04

Kein Baum hier

Zu altmodisch für den Zeitgeist

Derevo in Potsdam, aber demnächst vielleicht nicht mehr im Hellerau und überhaupt in Dresden

http://www.derevo.org/live/tag/video

„Derevo“ heißt Baum. Sie wurden gefeiert und die Bilder, die sie auf der Bühne erfinden konnten, hatten den Status kreativer Wunder. Sie bespielten den Müll, die Natur, die Straße. Die Figuren wohnten irgendwo zwischen dieser Erde und der Welt der Geister oder Chimären, vielleicht auch der Roboter. So richtig klar ist das bis heute nicht. Sie trugen überwiegend Schwarz, wehende, lange Gewänder oder zerschlissene Lumpen. Die aus Petersburg stammende Company brachte den unheimlichen Nebel des alten, halb verrotteten Leningrads nach Dresden, ehe Petersburg modern wurde und die Stadt Dresden zu einem Zentrum des christlichen Abendlandes.

In Dresden residierten sie im Hellerau, wo zeitgenössisches Tanztheater stattfindet, das normalerweise nicht mit Theatergeschichte assoziiert wird. Dort hatten sie ein Studio, konnten ihre Arbeiten entwickeln, fanden ihr Publikum. Wenn sie es nicht unter freiem Himmel trafen, wo ihre symbolistische Figurensprache irgendwie mit dem Wind, dem Schrott und den Krähen kommunizierte. Wie ein Baum besaßen sie Wurzeln und eine Krone, die manchmal schwankte. Ihre Vorbilder waren der russische Symbolismus, ich denke an Meyerhold und Wachtangow, wenn ich zusehe, was sie machen. Ich kann nicht sagen, dass ich das mag. Mir ist das zu viel Verpackungsmaterial um eine weder vage, noch offene Botschaft. Zu viel Übersetzung aus der Sprache des Symbolismus in das, was wirklich gemeint ist. Ich schätze es, wenn man ohne ein Wörterbuch auskommt.

Irgendetwas derartiges muss die Stadt Dresden gedacht haben, als sie dem Projekt die Förderung zunächst kürzte und später (2018) ganz einfach strich. In der Folge zog sich auch Hellerau zurück. Das Tanztheater um Anton Adasinskiy schrieb Petitionen und viele Menschen unterzeichneten.

https://www.change.org/p/kulturausschuss-für-erhalt-der-förderung-für-derevo-in-dresden/u/22422466

Noch kann man Derevo in Dresden ansehen (7.April) und es gibt Gastspiele in Petersburg, Warschau, Woronesch. Würde ich da hingehen? Vermutlich nicht, der Eindruck in Potsdam war für mich ausreichend. Trotzdem stellt sich die Frage, worin der Auftrag von Kulturförderung besteht. Die Potsdamer Vorstellung war komplett ausverkauft. Es handelt sich um anspruchsvolles Theater, das untergründig einen schwarzen Humor pflegt, der das Lebensgefühl der Zuschauerinnen/Zuschauer trifft. Ich habe mich gelangweilt, aber ich habe mich auch schon bei Tadeusz Kantor gelangweilt, der nun wirklich weder altmodisch, noch ungenügend engagiert war. Aber er war ebenfalls ein Erfinder übersetzbarer Bilder, obwohl Kantor in Bildern immer noch besser zu ertragen war, als die Wirklichkeit die er damals kodiert hat. Auch wer das ästhetisch ablehnt, wird es nicht schaffen, den Chor der Geige spielenden SS-Uniform tragenden Klezmerfiguren jemals wieder loszuwerden.

https://www.youtube.com/watch?v=VYNi_s5gymM

In Potsdam war das Publikum mit Abstand nicht so cool wie in unseren Berliner Vorführungssälen. Es war viel zu gesprächig, schon im Vorfeld irgendwie provinziell kommunikativ und gut gelaunt. Weil es so voll war, saßen die Leute einander fast auf dem Schoß. Ich habe viel Russisch gehört. Manche hatten die Kinder mitgebracht, obwohl es für die Kinder wahrscheinlich sehr viel zu fragen gab. Nach der Vorstellung (Standing Ovations) verließ die Menge den Saal in einer Wolke aus Geschwätz und Nacherleben. Die Presse war so freundlich gestimmt wie der Saal: „Tanztheater – Ungeheuer Zärtlich“.

http://www.pnn.de/potsdam-kultur/1269895/

Was macht man damit, wenn man ein Festspielhaus leitet oder Kulturförderung verteilt? Der Vorwurf gegenüber der Company lautet Mangel an Innovation. Das kann ich gut verstehen. Aber außer mir hatte in Potsdam jeder/jede im Zuschauerraum einen ausgezeichneten Abend. Und wer bestimmt, was am Ende produziert wird? Das Geld gibt den Ausschlag. Aber wer soll es erhalten? Diejenigen, die den Trend bestimmen oder auch die abwegigen, altertümlichen, sturen Projekte, die sich dem Zeitgeist genauso unbeweglich verweigern wie ein Baum inmitten der Großstadt?

Algorithmen und Redaktion: Maschinengesteuerte Zensur beim „Freitag“?

Das Bild zeigt ein paar Sicherungskästen im Stasigefängnis in Hohenschönhausen. Manchmal versuche ich mir vorzustellen, wie es in einem Zensurbüro unter Stalin/Hitler aussah oder auch nur in der entsprechenden Abteilung bei der Staatssicherheit. Bei Telepolis gibt es so ein Bild, es sieht nicht schön aus. Es geht um das neue Netzwerkdurchsetzungsgesetz, ein hässliches Monstrum. Man mag es gar nicht fassen:

https://www.heise.de/tp/features/Bundestag-winkt-Zensurgesetz-durch-3760024.html

Was haben die menschlichen Zensoren in der Vergangenheit getan, während sie in den Büchern blätterten, die andere später nicht lesen durften? Geraucht und Kaffee getrunken? Darüber nachgegrübelt, warum es immer so stinkt, wenn eine ganze Abteilung in der Pause Kohlsuppe löffelt? Was ist da drin im Wirsingkohl, dass man später am eigenen Gestank erstickt? Ich kenne keine Fotos der Schreibtische im KGB, aber ich denke, dass es sie gibt. Bücher gibt es. Zensurbehörden schreiben Kulturgeschichte: Literaturgeschichte, Theatergeschichte, Geschichte der Presse. Der Gegenentwurf heißt Meinungsfreiheit: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstatttung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“ (Grundgesetz, Artikel 5)

Wir wissen, dass es für die Freiheit der Berichterstattung kommerzielle Beschränkungen gibt, die seit jeher dazu geführt haben, dass der Verkaufswert auf den Stellenwert von Nachrichten Einfluss ausübt. Große Nachrichtenagenturen berichten nicht ohne Grund seltener über die Innenpolitik in Afrika als über europäische und amerikanische Angelegenheiten. Hat sich hier durch die Mitwirkung von Algorithmen sehr viel geändert? Prinzipiell eher nicht, in der Durchführung sicher doch. Machen Algorithmen beim Zensieren das Gleiche wie Menschen oder gibt es tatsächlich eine neue Qualität? Ist ein „Fehler“ bei der Arbeit eines Texterkennungs/Textbewertungsdienstes wie „Deep Text“ von Facebook ein notwendiger Schritt auf dem Weg zu einer größeren Sicherheit unserer Persönlichkeitssphäre oder ein Hinweis auf einen unsichtbaren gotischen Schacht in eine Gruft mit unseren eigenen Gebeinen?

https://www.heise.de/tr/artikel/Ins-NetzDG-gegangen-3966586.html

https://www.wired.com/story/instagram-launches-ai-system-to-blast-nasty-comments/

https://code.facebook.com/posts/181565595577955/introducing-deeptext-facebook-s-text-understanding-engine/

Mich selbst hat es auf wirklich lächerliche Weise erwischt. Meine letzte Kritik aus der Berliner Volksbühne hat es nicht an den digitalen Wächtern des „Freitag“ vorbei geschafft und wurde kurzzeitig in den Arrest gesperrt. Inzwischen ist der Blogeintrag freigeschaltet, aber es bleibt die Frage, was da los war. Mir setzt die Verunsicherung zu. Ich schreibe schon eine Weile in der Community beim „Freitag“ mit, hielt das Blatt für ein linkes Presseorgan, das mir hilft, abseits vom Mainstream wichtige Impulse zu finden. Gerade jetzt steht dort das Thema Digitalisierung im Mittelpunkt und wird einer kritischen Betrachtung unterzogen. Aber was geschieht bei der Beobachtung der Bewegungen innerhalb der dem eigenen Blatt angeschlossenen Blogs? Gibt es hier eine maschinengesteuerte Vorzensur, die technisch nicht weit genug vorangetrieben ist, um eine (nicht relevante, nur ästhetisch motivierte) Theaterkritik von echter Hassrede oder hasserfülltem Kommentar zu trennen? Was eigentlich ist das? Nicht zu publizierender Inhalt innerhalb der Blogs?

Meine Kritik befasste sich mit einer Inszenierung von Susanne Kennedy. Das Stück heißt „Die Selbstmordschwestern“. Meine Vermutung war, dass eine Häufung von selbstmordbezogener Lexik zum Auslösen einer Sicherheitswarnung geführt hat. Es war wirklich keine gute Nachricht, dass im „Freitag“ so etwas zum Einsatz kommen könnte. Ein paar übermüdete Praktikanten wären mir sympathischer gewesen. Heißt das vielleicht, dass es im „Freitag“ keinerlei Berührungsängste gibt und dass man dort auch Nachrichten von Systemen verfassen lässt? Ich habe nachgefragt und sehr schnell eine Antwort erhalten. Aber meine Verunsicherung ist nicht zurückgegangen: Am Ende der Nachricht steht der Vermerk, dass der Inhalt vertraulich sei, vermutlich ebenfalls ein anonymes Formular, maschinengeneriert wie ein Serienbrief. Damit darf ich jedoch nicht posten, was mir geantwortet wurde. Und warum nicht? Wünscht die Redaktion keine Diskussion über die Digitalisierung der eigenen Kontrollmechanismen für eingereichte Texte? Benutzt man maschinelle Vorzensur, möchte jedoch vermeiden, dass es öffentlich bekannt ist?

Ich habe Semiotik studiert und maschinelle Spracherkennung gehört für mich zu den ganz großen Herausforderungen meiner Fachrichtung. Ein Teil meiner Persönlichkeit beneidet die Leute, die bei Facebook und anderswo mit so etwas befasst sind. Das ist der technische Aspekt der Sache. Zensur empfinde ich jedoch als Angriff und stufe sie als abscheulich ein. Und das sehe ich uneingeschränkt als Grundsatz. Maschinengesteuerte Zensur verzerrt das Ganze ins Absurde. Es ist lächerlich, solange man mit einer Theaterkritik hängen bleibt und nicht wirklich etwas zu sagen hat, das innerhalb kürzester Zeit kommuniziert werden soll.

https://netzpolitik.org/2018/algorithmen-regulierung-im-kontext-aktueller-gesetzgebung/#

Farbenkitsch mit Konsequenz

Suicide Sisters“ von Susanne Kennedy an der Voklsbühne

https://www.volksbuehne.berlin/de/programm/792/die-selbstmord-schwestern/3057

Für Susanne Kennedy beginnt das Problem in dem Moment, wenn eine Person die Bühne betritt und „Ich“ sagt. Hier findet sie eine Gemeinsamkeit für sich selbst und Ersan Mondtag. Beide weigern sich die Grundvoraussetzung der Verkörperung (Inkarnation) der Rolle durch den lebendigen Schauspieler/die lebendige Schauspielerin hinzunehmen. Das Theater begibt sich auf eine Zeitreise in die längst verlassene Welt der Tempel und Rituale. So etwas kann ich als Zuschauerin durchaus auch in der Umgebung einer sogenannten postdramatischen Inszenierung antreffen: In einem Restaurant werden Übergangsriten für tote Tagesküken vollzogen, Orpheus organisiert die Bewegung durch eine grenzzerstückelte Oberfläche, man erinnert sich an sich selbst, als wäre man gerade gestorben und betrachtet das eigene Ableben im Rückblick.

https://www.youtube.com/watch?v=DlwCfG4FQMg

Die postdramatische Repräsentation lebt von der Semantik der Dinge. Die Akteure weigern sich, das zu tun, was das Lehrpersonal in der Schule von Stanislawski oder Brook von einem Schauspielschüler/einer Schauspielschülerin verlangt. Entweder können sie es ganz einfach nicht, weil ihnen das entsprechende Studium fehlt oder sie verkörpern niemanden und werden in ihrer natürlichen Persönlichkeit herangezogen, vorgestellt, eingebunden, denunziert. Je nachdem, ob es um die eigene Person des jeweiligen Kollektivmitglieds geht oder um eine von außen importierte Person, empfinde ich Respekt vor der Ausstellung eines inneren Zustandes, mit dem man souverän auf der Ebene des Materials umspringt, oder winde mich in verzweifeltem Fremdschämen für einerseits schockierenden Narzismus oder andererseits enthemmte Ausnutzung einer fremden Lebenswirklichkeit für den eigenen künstlerischen Erfolg.

Weder Mondtag, noch Kennedy arbeiten mit Experten/Zeitzeugen von der Straße. Beide haben jedoch eine Gemeinsamkeit mit der performativen Szene: die unglaublich hohe Bewertung von Bühnenbild und Ausstattung. Bei Mondtag wird diese oft atemberaubende Installation im wahrsten Sinne des Wortes bespielt. Durch Masken und choreografierte Bewegungsabläufe wird jede Form von Naturalismus oder „Verkörperung“ unterdrückt, dabei jedoch keineswegs wirklich erledigt. Es bricht in den Zwischenräumen durch, dann entsteht eine (für mich) geradezu atemberaubende Spannung zwischen der Konzeption und dem physisch präsenten, menschlichen Akteur. Bei Susanne Kennedy ist der schmale Korridor dieser Konfrontation verlassen. Sie setzt auf die Verschiebung in Richtung Avatar. Gestern im Publikumsgespräch nach den „Suicide Sisters“ wurde sie nach ihrer Einstellung zur Arbeit mit Puppen gefragt. Das lehnt sie ab. Sie denkt in Richtung „Roboter“. Was hat man sich da vorzustellen? Der Unterschied liegt wohl im Grad der Formalisierung. Puppen werden bewegt oder die Installation bewegt sich um die Puppen herum. Wenn dies „Puppenspieler“ tun, ergibt sich das alte Problem der Repräsentation. Wenn es durch ein technisch vermitteltes Regelsystem geschieht, haben wir ein Programm. Dann entfällt Verkörperung als Kategorie. Der Algorithmus hat das Theater erreicht.

Das ist absolut zeitgemäß. Wenn man einen besonders böswilligen Blick auf Stanislawski wirft, entdeckt man in seinen Studienbüchern auch nichts anderes als einen Algorithmus, der lebendige Menschen in Darsteller verwandelt. Wenn ich als Zuschauerin „Die Arbeit des Schauspielers an der Rolle“ gelesen habe, komme ich auch am Deutschen Theater nicht mehr auf die Idee, dass dort echte Charaktere auf der Bühne ihre Angelegenheiten austragen. Es braucht einen Schlüssel, eine Gebrauchsanweisung. Der Unterschied besteht vielleicht darin, dass ich mir zu einem naturalistisch gespielten Theaterstück irgendwie irgendeine Meinung bilden kann, immerhin habe ich in meinem Leben schon einige Seifenopern oder Tatortfolgen gesehen. Bei Ersan Mondtag bleibt mir ganz einfach die Luft weg. Bei Susanne Kennedy war ich gestern zunächst vollkommen ratlos. Die erste Stunde war wie ein Schwimmausflug über den Atlantik. Es gab die starke Motivation, den Ort zu verlassen. Ich hätte mich wesentlich wohler gefühlt, hätte ich an einem öffentlichen Ort gestanden, jederzeit frei, mich davonzumachen. Dann wäre ich vermutlich geblieben. So gab es ganz einfach keinen Ausweg. Das Haus war ausverkauft. Achthundert Personen verfolgten in absoluter Stille das farbenprächtige Treiben vorn am zeitgenössisch überladenen Medientempel. Keine Bewegung, keine Gespräche, kein Lachen. Ein heiliges Ritual mit einem nicht besonders sympathischen Avatar als Reiseleiter. Man kann das bei der Kritik nachlesen. Das kann negativ klingen.

https://www.berliner-zeitung.de/kultur/theater/-selbstmordschwestern–das-altar-theater-der-susanne-kennedy-in-der-volksbuehne-29879128

Ich mag keine übermächtigen Bilder. Es passt mir nicht, wenn am Ende ein rotes Licht flackert, das irgendwie das Herz/die Seele/das ewige Licht symbolisieren soll. Ich mag keine Musik, die mich wie Bühnenrauch umnebelt. Ich mag keine Farbenspiele, die mir wie ein Trip vorkommen. Ich habe eine starke Abneigung gegen Totenbücher: Tibet, Isis, Mayas, egal. Ich will nicht, dass mir irgendeine verzerrte Stimme vorschreibt, was ich auf meiner letzten Reise alles zu unterlassen habe. Wer weiß, vielleicht verunglücke ich auf dem Rückweg mit dem Fahrrad, dann habe ich ein Problem. Ich mag keine Youtube Videos. Ich mag keine visuelle Reise durch den Wald, wenn der Wald die Ewigkeit ersetzen soll. Für die Ewigkeit gibt es keine Bilder. Ich habe dagesessen und nicht mitgeklatscht. Wenn es eine Installation gewesen wäre, wäre ich nach einigen Stunden zurückgekehrt. So war es erst einmal vorbei.

Dann kam das Gespräch. Vielleicht ist das für ein Theaterlaboratorium normal. Bei Boris Charmatz gab es das Gespräch vor der Vorstellung, so wusste man, warum dort das Requiem von Mozart zu hören war. Es hatte einen Sinn und ohne diesen Sinn wäre es Kitsch gewesen. Mit dem Schlüssel im Kopf war es großartig und aufregend. Die „Suicide Sisters“ liefern den Schlüssel erst im Anschluss. Ich war nicht darauf vorbereitet, dass sich die menschlichen Figuren auf der Altarbühne am Ende als Männer präsentieren. Der Abspann gehörte semantisch zwingend zum Stück. Ich hatte zwar die Einführung gelesen, nicht jedoch den Roman von Eugenides. Im Gespräch stellte Johanna Höhmann als Dramaturgin den Kontext zur Verfügung. Und Susanne Kennedy erklärte ein wenig die Grundprinzipien ihrer Arbeit: Zunächst entwickelt sie eine Art Maschine, dann wird die Maschine während der Proben getestet. So macht das alles Sinn. Auch der Kitsch, den eine Maschine wahrscheinlich in der Art von Yandex oder Google genau in dieser Qualität zusammengefiltert hätte. Mit der gleichen Unausweichlichkeit, mit dem gleichen Defizit an Alternativen oder Notausgang. Gegen dieses Prinzip gab es eigentlich nur zwei Verstöße: die kotzende Figur, die dem Sterben den Glorienschein abnimmt und die zaghafte, fast ungewollte Liebkosung mit einer Bürste. Daran werde ich mich wohl auch nach einigen Jahren noch erinnern.

Schubot/Gradinger: Yew

Beifuß rauchen – bis der Alltag mit dem Nebel fortzieht: Kritik

 

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/spielplan/2018-01/angela-schubot-jared-gradinger-yew/3648/

Wie wäre das, wenn wir Bäume wären und keine Menschen? Könnten wir friedlich oben über dem Rosengarten mit den Blättern rauschen, bis nach etwa 700 Jahren der Wind die Erlaubnis bekäme, uns sanft in den Schlamm zu schieben? Dann würden die Eichhörnchen ihren roten Schwanz wie einen Besen in die Höhe halten und Späne und Staub aus der Luft auf den Waldboden fegen, wo von irgendwelchen Rosenblüten schon längst jede Spur ausgewaschen und gelöscht wäre. Es bliebe die Familie der Pflanzen: Birke, Beifuß, Brennnessel, Eibe. Die Welt ohne uns, das leere Raunen des Wetters.

Vielleicht. 1967 schrieb Renate Rasp einen Roman, in dem die Eltern versuchen, den Sohn zu umzuerziehen, bis er ein Baum ist. Das war eher schrecklich. Ich habe nächtelang davon geträumt. Sie haben ihn ausgezogen und eingepflanzt, Wind und Regen sollten den Rest besorgen. Und es hat nicht einmal funktioniert: Am Ende hängt ein willenloser Fettkloß in einem Sessel, keine Natur, aber auch keine Menschlichkeit.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46196255.html

Von Berbeli Wanning gibt es einen klugen Essay zu diesem Text:

http://www.komparatistik-online.de/index.php/komparatistik_online/article/view/162/122

Schubot/Gradinger benennen ihr Stück nach dem ältesten Nadelbaum Europas. Die Eibe, das Relikt aus der Eiszeit, steht in der Landschaft und um sie herum wächst und vergeht das verschiedenartige Grünzeug aus den unterschiedlichsten Jahrhunderten und Jahrtausenden. Ich habe das nicht gewusst. Während der Vorstellung habe ich mir einen großen, Schatten spendenden Baum gedacht, nicht dieses lebensgefährlich giftige Nadelgehölz mit seinen knallroten Beeren. Die Eibe, der Totenbaum der Kelten, symbolisiert in der Mythologie den Wahrnehmungsverlust für Grenzen und den Übergang in die Anderwelt. Das passt eher zu einem Ethnobotaniker wie Wolf Dieter Storl und weniger zum Erwartungshorizont des zeitgenössischen Theaters.

https://archive.org/stream/WolfDieterStorlPflanzenDerKeltenATVerlagDeutschDINA5/Wolf-Dieter Storl_Pflanzen der Kelten_AT-Verlag_deutsch_DIN A5_djvu.txt

Gesehen habe ich sowohl den Baum aus meiner Phantasie als auch den Giftbaum, der unsere Wahrnehmungsfähigkeit verschiebt. Elisabeth Nehring charakterisiert die Arbeiten von Schubot/Gradinger auf den Seiten des Goethe Instituts als Experimente mit der Entgrenzung des Körpers. Es geht um den Versuch des Unmöglichen, um eine Bilderreihe aus einer nahezu biologischen Entwicklungssequenz.

http://www.goethe.de/kue/tut/cho/cho/sz/gra/deindex.htm

Es war wie in einem Park, wenn man nur noch die Wolken sieht und die Zeit beginnt, sich auszudehnen. Wie sieht man in einem abgeschlossenen Theaterstudio die Bewegungsmuster des Himmels? Darin bestand die Magie des Abends. Keinerlei Dekoration, ein paar Lautsprecher. Das Publikum füllt den Raum und verteilt sich wie die Gehölze in einem Wald. Einige treffen die Entscheidung, lieber ein Tier zu sein. Die Pflanzen verzweigen sich,kriechen über den Boden, wachsen. Die Tiere lauern. Die Performer entwickeln sich in ihrer gegenseitigen Verklammerung zu einem vagabundierenden, bipolaren Gebüsch. Mal macht es halt, dann rollt es weiter. Es lehnt sich an fremde Stämme, lagert im Schatten fremder Blätter. Es erstaunt mich selbst, wie gelassen ich dieser Art von Annäherung entgegensah. Es war tatsächlich wie im Wald: ohne dramatische Spannung, aber dennoch absolut intensiv. „Sehr atmosphärisch und auch angenehm, das Alles.“ Um es mit den Worten eines anderen Bloggers (Andre Sokolowski) zusammenzufassen.

https://www.freitag.de/autoren/andre-sokolowski/yew-von-angela-schubot-jared-gradinger

Und dann war da noch der Beifuß. Das habe ich vorher nicht einmal geahnt. Dieses Straßenkraut, das auch in der Großstadt den Rinnstein bewohnt wie Tauben, Stadtratten und wir selbst, gehört zu interessantesten Pflanzen, über die unsere traditionelle Pflanzenmedizin verfügt. Man kann es in die Badewanne schütten, man kann die Linsensuppe damit würzen, man kann es rauchen. Wahrscheinlich genügt es schon, sich nach dem Regen darin zu wälzen und die unerträgliche Last der hundertfach vermittelten Existenz zwischen den Pflastersteinen zu zerreiben.

http://magischepflanzen.de/beifuss/

Und was passiert? Man entwickelt Stücke wie dieses „Yew“ (Eibe). Sehr empfehlenswert, in jeder Hinsicht.

Showcase Beat Le Mot im HAU Blasphemie in der Zeitmaschine

http://www.showcasebeatlemot.de/de/ueber-das-stueck_32.html

Wenn ich es für Geld machen würde, wäre ich verloren. Es gäbe nichts zu essen, kein Brot, kein Fleisch, keinen Wein. Es fehlt das Blut. Blut gäbe es auch nicht, höchstens Taubenblut oder Fischblut, wenn man so etwas selbst aus dem Wasser ziehen könnte. Vor vier Tagen habe ich im HAU (aus Versehen) zum zweiten Mal das Stück über die Nazi-Supermenschen von Showcase gesehen und seitdem läuft bei mir im Hintergrund ein äußerst seltsamer Film ab. Keine Ahnung, wie man dieses Netz aus Irrsinn und Spielerei zusammenfassen könnte. Zeitmaschine, Quantenschaum, Alfred Hitler, Caesar und der völkische Gruß. Naziunsinn in sauberem Latein. Und nicht zu vergessen, dass sie die Ursuppe mit Bärlauch kontaminiert haben,was mir eigentlich fast jede Scheußlichkeit erklärt, die gegenwärtig so vorfällt. Die einzige Irritation wäre die Ungereimtheit, dass dies alles in einem Paralleluniversum stattfinden soll, wo es doch so gut zu unserem eigenen Abfallhaufen passt.

Die erste Stunde der Performance verfliegt bei leichten Magenkrämpfen unter Lachanfällen. Doch dann wird es plötzlich ernst: Der Herr erscheint und trägt sein Kreuz. Das Abendmahl gibt es auch: leuchtend blaues Plastik für die Hostie und zahlreiche Flaschen Blut. In meiner näheren Umgebung beginnen einige Zuschauer damit, sich volllaufen zu lassen. Unter diesem Aspekt ist die Performance kaum mit einer anderen Gelegenheit vergleichbar: Niemand sieht dir ins Gesicht, Jesus autorisiert das Geschehen, kostenloser Rotwein. Dazu eine genial dekonstruktive Publikumsverarsche, zum Wandern in weit entfernte Welten sehr geeignet. Für meinen Geschmack eine Winzigkeit zu viel an Nebel, aber noch im Rahmen.

Sehr gelungene Visualisierungen der hundertfach gehörten, gelesenen und im Kino gesehenen Monstrositäten von gekrümmter Raumzeit, Wurmlöchern, Fehlern im Baukastensystem des Egos bei Fehllandungen im falschen Kontext. Alles zerwabert im Schaum. Die Raumanzüge sind genau so abgeranzt und zerfleddert, dass man an die ganz großen Namen des Genres denkt, ohne den üblichen Würgereiz, ganz sanft und achtsam. Die brutale Version der harten Science Fiction würde zu lange dauern: Röhrenknochen verwesen niemals, Endzeit, Moleküle vereinigen sich nach dem Zeitsprung zu sonstwas, aber niemals zum ursprünglichen,von Gott in der Prädestination gesegneten Ich.

Es ist Zeit für den Leerlauf eingeplant (siehe sich betrinken), Langeweile als mit dem Ticket gekaufter Luxus. Sehr akzeptabel, bei mir wanderten die Gedanken in das Mercien des achten Jahrhunderts. Das liegt an der BBC-Serie „The Last Kingdom“ nach Bernard Cornwell, da gibt es auch den Wechsel von Nebel, Bärlauch und Blumenwiesen. Und viele untote Königinnen, so ähnlich wie zum Beispiel Kleopatra. Das alles hat mir sehr gefallen. Ich würde ohne jede Ironie auch ein drittes Mal reingehen. Mir gefällt es, wenn die Struktur vorgeführt wird. Hier passiert es in einer intelligenten Art und Weise, bei der man auch noch vor sich hin grinst. Das fühlt sich gut an.

Was mir immer noch irgendwie Probleme macht, ist die Sache mit der Blasphemie. Und jetzt kommt das, was ich eigentlich nicht aufschreiben kann, weil ich für meine eigenen Gedanken kein Konzept habe. Ärgert es mich, wenn in einer ganz und gar akzeptablen Performance Jesus die Kreuze schleppt, weil er Probe hängen muss? (Mit Monthy Python hatte ich keine Probleme.) Was ist da in meinem Kopf los? Ich bin im harten Sinne ungläubig, ich halte die kanonischen Evangelien für das, was sie sind: eine der Macht des spätantiken Kaisertums angepasste Konstruktion. Für das, was übrig blieb, als eine vielstimmige Diskussion der Zentralmacht geopfert wurde. Oder doch nicht? Wenn die Kirche seit mindestens 1700 Jahren die Anmaßung besitzt, das Narrativ von Opfer und Verweigerung zu steuern, so gibt es doch ebenso lange – oder eigentlich sogar noch länger – das Gegennarrativ, das als ewiger Sand im Getriebe der Wahrheit knirscht. Das alles finde ich verwirrend. Es löst sich nicht, wenn ich über eine Blasphemie lachen kann. Es ist seinerseits ein wenig wie das Saufen: Es tut gut, aber später ist der Anlass immer noch der gleiche, auch wenn die Flasche inzwischen leer im Fluss schwimmt.

Volksbühne Berlin:„The show must go on“ Theaterkritik

Fotografieren während der Vorstellung nicht erlaubt

https://www.volksbuehne.berlin/de/programm/32/the-show-must-go-on

Der Start ist das Fotografierverbot. Pünktlich: in beiden Sprachen, in Deutsch und Englisch. Wie im Kino, wenn man Hollywoodfilme anschaut. Dann beginnt es zu knirschen und verweigert den Fortgang. Der große Saal der Volksbühne wird mit Popmusik geflutet (Oder war es Musical? Die Reihenfolge habe ich nicht behalten.) Es bleibt dunkel. Man ist der grässlichen Musik ausgeliefert, wie bei einer Ouvertüre von Henry Purcell, nur dass es nicht Purcell ist. Dieser Anfang sorgte bei mir für Verspannung. Gerade hatte ich das falsche Buch gelesen. Dort stirbt ein Schauspieler auf der Bühne. Es ist grandios erzählter Gesellschaftskitsch, so detailgetreu und gefühlvoll, dass es sich in die eigene Wahrnehmung einschleicht.

https://www.piper.de/buecher/das-licht-der-letzten-tage-isbn-978-3-492-06022-6

Ich habe mir Sorgen gemacht. Ich habe gedacht, etwas ist nicht in Ordnung. Fast hätte ich eine Nachricht geschrieben: Seid ihr alle gesund? Ist bei euch da hinten alles gut? Doch glücklicherweise war es nur das Konzept. Das dritte Musikstück brachte schließlich die Akteure auf die Bühne.

Es gibt einen ganz speziellen Kunstschick. Ich habe keine Ahnung, wie lange es dauert, bis man das wirklich kann, aber wenn man es einmal beherrscht, dann hält es vermutlich lebenslang. Jérôme Bel sagt im Interview, dass in seinem Konzept die Menschen unten die gleichen sind, wie die Akteure oben auf der Bühne. Tatsächlich hatte ich nicht den Eindruck, dass unten im Saal zahlreiche Oberärztinnen oder Krankenpfleger saßen. Oben herrschte das gleiche Bild: Jeder sah anders aus. So individuell wie sie alle waren, gab es jedoch ganz sicher keine Straßenbahnfahrer oder Mathematiklehrerinnen. (Später zeigte der Blick ins Programmheft, dass einer tatsächlich Arzt ist. Das Haus hat einen Theaterarzt. Ich finde es großartig und wusste gar nicht, dass es so etwas gibt.) Auf der Bühne spielen die Leute für ein Publikum, das ihnen sowohl ästhetisch, als auch statistisch in etwa gleicht. In Berlin ist das der gewöhnliche Zustand. Etwas anderes erlebt man vielleicht in der Deutschen Oper und ganz sicher im Friedrichstadtpalast. Aber dort gehe ich selten hin.

Das Stück versteht sich als Konzeptkunst. Es geht um das gegenseitige Sehen. Die alte Theaterdefinition von Peter Brook (Wenn einer auf dem Stuhl sitzt und ein anderer zusieht, dann ist das Theater.) wird aufgelöst, hinterfragt, umgekehrt – was auch immer. Es geht um die Abwanderung des Theaters aus den kulturellen Räumen des Rituals. Da oben agiert keine Priesterschaft, es gibt keine Einweihungszeremonie für die Akteure und keinen Schutz im Halbdunkel der Anonymität für die, die der Prozedur beiwohnen. Zitiert werden Cage und Wilson, die Revolutionäre der Vergangenheit, die heute selbst Versatzstücke für die Regale der großen Supermärkte beisteuern müssen. Kunstrevolten verlaufen in Wellen und das allerkonservativste Zeug kann eines schönen Tages plötzlich der Träger von Innovation sein.

„The Show must go on“ entstand in den Nullerjahren. Zu diesem Zeitpunkt waren die Prinzipien von Wilson bereits am Ural angekommen. Ich habe eine Adaption seiner Arbeit in Ufa gesehen. Und an dieser Stelle beginn für mich das Unbehagen: Der Abend war entspannend und unterhaltsam. Es war Silvester, gerade der richtige Spaß für den Einstieg in so eine Nacht. Früher haben sie in der Volksbühne zu Silvester die Abläufe etwas durcheinander gebracht, auf der Bühne (und vermutlich auch hinter der Bühne) getrunken, das Theater als das gezeigt, was es auch ist: ein Job für hochqualifizierte Leute, die an besonderen Tagen nicht ganz so genau wie eine Marspilotin funktionieren müssen, das Schiff aber ohne Zweifel auffangen können, wenn es zeitweise auf Abwegen unterwegs ist. Da ich anfangs dachte, ich sei in einem improvisationsgestützten Stück, hat mich die Starrheit der unspezifischen Abläufe etwas erstaunt. Aber dennoch: Es gab Spaß. Es gab Gelächter. Manchmal war es schräg und überschritt die Grenze der Denunziation, was für Profis in Ordnung ist, bei Laien empfinde ich so etwas als Übergriff durch die Regie. Aber im Widerspruch zu der vorgeschalteten Information im Fernsehen standen ziemlich viele Profis auf der Bühne.

Mein Unbehagen begann bei der anschließenden Recherche. Ich wusste nicht, dass es sich um eine Franchise-Produktion handelt, mit einer gewissen Parallele zu Riverdance oder „König der Löwen“. Nun ist das der Performanceszene nicht grundsätzlich fremd, Rimini Protokoll lassen ihre Ideen ebenfalls in nahezu endlosen Wiederholungsschleifen laufen. Und manche wirklich großartigen Formate wie „X-Wohnen“ leben geradezu von dem Spiel zwischen Vorgabe und individueller, abweichender Verwirklichung. Wenn man sich die Videos zu Jérôme Bel im Netz anschaut, dann mangelt es gerade hier: Wie reizvoll wäre es doch, die Unterschiede zwischen Wien, Warschau, Madrid zu erleben. Dazu lässt die Produktion zu wenig Raum. Die offensichtlich als „Flagschiff“ intendierte Sequenz, bei der die Akteure (ihre individuell gewählte?) Musik, die ihnen über Kopfhörer eingespielt wird, durch eigenen Gesang unterbrechen, gleicht sich in der Aufstellung und in den Abfolgen unabhängig davon, wo das Ganze produziert ist.

Bel sagt nicht ohne Zufriedenheit, dass er das Stück allein schrieb und die Musik von ihm gewählt ist. Die Wiederaufführung ist dann eher trivial. Es handelt sich nicht um ein Reenactment mit einer forschenden Dimension. Wie bei den großen kommerziellen Wanderproduktionen kann ein Stab von Assistenten hier neue Darsteller rekrutieren und sie in ihre Aufgaben einweisen. Ich möchte da ehrlich gesagt niemals dabei sein. Aber es war doch ein wenig schmerzvoll, so etwas gerade im Haus der Volksbühne zu erleben. Hier hat sich der Geschmack oft gesträubt, das Geschehen oben auf der Bühne zu akzeptieren. Ob das nun in der grauen Vorzeit Karge war, der als Hamlet auf der Degenspitze herumlungerte und einfach nicht zum Schluss kam, oder Castorf mit seiner genialen Publikumsquälerei, es hatte etwas, und wenn man durchhielt, hatte man hinterher irgendwie mitgearbeitet und war auf dem nächtlichen Weg nach Hause sogar stolz.

Davon ist überhaupt gar nichts geblieben. Ich habe mir die ganze Zeit gesagt, dass die Dinge im Fluss bleiben müssen und dass es normal ist, wenn ein Haus sein Gesicht verändert. Niemand lebt Jahrzehnte lang in derselben Stadt. Niemand geht Jahrzehnte lang in dasselbe Theater. Man braucht Neugier, sonst stagniert es. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Meiner Neugier wurde an diesem Abend nichts geboten und selbst das, was vielleicht ganz nett war, erwies sich im Nachhinein als Nummer in einer Serie, in der ich mich nun auch selbst als Zuschauerin wiederfinde.

Proton Theater: Winterreise (Kritik)

Kein Eingang: Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten

Hebbel am Ufer Dezember 2017

https://protontheatre.hu/performance/winterreise

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/spielplan/kornel-mundruczo-winterreise/

Irgendwo dort in Ungarn steht ein abgeschabtes Haus in der Nähe der Autobahn. Vor einigen Monaten oder inzwischen vielleicht sogar Jahren schliefen da junge und alte Männer auf durchgelegenen Matratzen unter einem niedrigen, nahezu erdrückenden Dach. Zwischen ihnen lebte eine alte Frau. Sie war die einzige Frau, deren Bild im Kunstprojekt auftaucht. Wir sehen, wie sie unendlich müde, und doch ebenso unendlich weit von jeder erlösenden Entspannung entfernt auf einem Kopfkissen liegt. Sie trägt ihr Kopftuch wie einen Schal, der sie wenigstens etwas schützen könnte. Wenn es denn noch Schutz gibt auf diesem letzten Wegstück, das ihr bevorsteht.

http://www.mousonturm.de/web/de/veranstaltung/die-andere-winterreise

So gern wüsste ich mehr über diese Frau. Das ist das Manko an dieser sonst sehr starken Performace – oder vielleicht besser Aufführung, denn es ist mehr als ein weiterer Mosaikstein im Gesamtkunstwerk des nichttheatralischen Theaters – diejenigen, um die es geht, bleiben in der Namenlosigkeit verloren. Wir sehen ihre Körper, wir sehen Ausschnitte ihres Lebens unter dem hyperrealistischen Brennglas der wirklich ausgezeichneten Videosequenzen, doch es fehlt die Zuordnung zu ihrer individuellen Persönlichkeit. Es gibt keinen Rollenzettel und keinen Abspann, der sie als Unterstützer festhält. Es leuchtet mir ein, wenn ich es als Element des Gesamtkonzeptes begreife. Aber es zerstört die Balance. Gesang, Regie und Musiker haben einen Namen. Die, um die es geht, verschwimmen zu den anonymen Trägern eines erst durch die Kunst in die Sichtbarkeit gebrachten Materials.

Wenn ich damit beginne, dann liegt es an meinem Wunsch nach der Teilhabe an dem perfekten Kunstwerk. Das, was ich gestern gesehen habe, kommt einem solchen Ereignis in meiner Wahrnehmung sehr, sehr nahe. Eigentlich würde es mir niemals einfallen, mich in einen Konzertsaal zu setzen und dort die „Winterreise“ von Schubert anzuhören. In der Produktion des Proton Theaters hat sich jedoch diese Musik (1827) und mit ihr der Text von Müller (1826) auf ganz unerwartete Art erschlossen. Tatsächlich gibt es im Werk von Schubert immer wieder einen Bezug zu Ungarn. Somit ist es folgerichtig, den Durchzug der von der Flucht in die Heimatlosigkeit getriebenen „Reisenden“ an der „Winterreise“ zu spiegeln und künstlerisch zu verdichten. Es entsteht ein Energietransfer, ein geradezu unglaublicher Lichtbogen der Bedeutung. Die ohnehin schwer zu ertragenden Bilder der Wanderungsströme fallen in Müllers Texten einer Vereinfachung anheim, die sie letztlich verständlicher macht, als jede analytische Erklärung.

http://www.gopera.com/winterreise/songs/cycle.mv

Die Musik von Schubert unterwandert die konstruierte Sinnumgebung der einfachen Bilder, eine Nervosität breitet sich aus, die jenseits des rationalen Zugangs auch am nächsten Tag und wahrscheinlich auch noch in der nächsten Woche weiterbesteht und die Anmaßung besitzt, von der Alltagsroutine Besitz zu ergreifen: Weihnachtsirrsinn, Straßenbahnen, Krähenschwärme, der eigene Kühlschrank. Was, wenn es uns allen über Nacht genommen wäre? Was, wenn wir irgendwo auf der Autobahn im ungarischen Niemandsland unsere Kinder an den Kilometerzählern vorüber schleppen müssten? Das fremde Dorf in der Nacht zu durchqueren ist gefährlich („Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten“), schlimmer ist jedoch, welchen Schmerz es hervorbringt: Nicht dazuzugehören, niemals einzukehren, zu wissen, dass es weder Rückkehr, noch Ankunft geben kann. Und bei aller Bitterkeit und Wut über die Anordnung der Wirklichkeit, die hinter einem solchen Absturz in die Katastrophe steht, bildet sich ein hauchdünner, farbenfroher Film von Ironie. Die Verfremdung durch den Bruch an der frühromantischen Musik wirkt wie die schwache Polarisierung, mit der eine Käferpopulation einen Leuchtstrom hervorbringt: sichtbar in der Finsternis, nicht nur für das eigene Auge oder für die Augen der mitgewanderten Verwandten.

So großartig das Konzept ist, war es doch vor allem ein Abend der Akteure. János Szemenyei agiert vor der durchgesessenen, abgehäuteten Leiche eines Kunsledersofas in einem persönlichen Reenactment die Stationen durch, an denen das Ich des Wanderers jeweils eine weitere Schicht der Schutzhülle der eigenen Identität verliert. Es wird alles abgenommen und ausgemessen. Es gibt einen einzigen Moment, da eine zweite Person auf der Bühne steht: Der Polizist, dem der Wanderer während der erkennungsdienstlichen Erfassung ausgeliefert ist. Wenn Szemenyei dennoch nie allein bleibt – auch das ist Realität der Flucht – dann liegt das am Fluss der Bilder im Hintergrund. Das namenlose Ensemble der Bewohner des Flüchtlingslagers agiert minutiös die Einzelsequenzen der täglichen Existenz aus: Fitness, Essen, Sprachunterricht (als tödliches Spiel der Galgenmännchen), Verzweiflung, Kraftlosigkeit, Schlafen. Die Videosequenzen sind genial. Die Spannung zwischen der nicht gewährten Ankunft und der besinnungslosen Routine der Eingesessenen, die sich ihrerseits bei jeder Annäherung verflüchtigen und den Kontakt verweigern, findet ein lächerliches, in der Trivialität erschütterndes Bild im Verhalten der schwarzen Katzen. Die Katzen leben in diesem Lager. Wenn die Lagerkinder den Versuch unternehmen, mit ihnen zu spielen, verschwinden sie im Dschungel des Mülls. Nur mit großer Mühe kann man sie einkreisen und unter einer verrosteten Badewanne in Augenschein nehmen. Die Kinder starren sie an. Auf der Bühne ersäuft der Sänger einen Plastikkater im Klo. Das erscheint als akzeptable Konsequenz.

Selten habe ich das Gefühl, dass das, was ich hier aufschreibe, so ganz und gar unangemessen bleibt, denn es ist hoffnungslos flach. Ich meine das als uneingeschränktes Kompliment. Es gab einen Moment, den konnte ich kaum ertragen: Aus der Verzweiflung heraus die Geste des Fingers an der eigenen Schläfe, der Finger ein Pistolenlauf, die Faust der Abzug. Das auf der Videowand von allen mitagierenden Männern nachgestellt: Jedes einzelne Gesicht, jede einzelne Art, die Fassung zu verlieren oder eben doch bis zum letzten Moment zu halten. Und sich damit einem unbekannten Publikum zu stellen, zu dem es im Moment dieser Offenbarung nicht den geringsten Kontakt gibt.