Untot

Nachhaltige Verstörung
The Returned (Les revenants)
Regie: Robin Campillo (Frankreich 2004)
http://www.imdb.com/title/tt0378661/

Es ist Sommer. Die Einwohner der Stadt baden im nahegelegenen See. Es ist eine helle Zeit, eine Zeit der leichten Farben. Daran ändert sich nichts, als die Toten zurückkehren und niemand weiß, was sie dazu veranlasst. Sie bewegen sich in einer ruhigen, geordneten Formation über die breite Hauptstraße der kleinen Stadt. Man kann sie aufsammeln und in Busse setzen. Irgendwo steht eine Turnhalle, die aussieht, wie die Turnhallen in deutschen Städten: Stahlbetten, gerade ausgerichtet, funktionelle Bettwäsche, kein Platz für ein Minimum an Privatheit.

Die Toten ticken anders als die Menschen. Sind es Menschen? Niemand hat die geringste Ahnung, wie es dort war, woher sie kommen. Sie haben seltsame Angewohnheiten. Stundenlang klopfen sie gegen eine Wand, klettern über Mauern, sind nachtaktiv wie die Fledermäuse. Obwohl sie sich Mühe geben, zerstören sie das Gleichgewicht in den Familien. Eltern treiben durch den Abgrund der Verzweiflung, weil das zurückgekehrte Kind unerreichbar vor ihnen steht, auf die Tür einschlägt und niemals spricht. Die zurückgekehrte Oma lobt in freundlichem Ton die Enkelkinder, aber ganz offensichtlich sind sie ihr vollkommen egal. Der Geliebte umarmt seine Freundin. Aber ist er das wirklich selbst?

Keine Ahnung, warum es diese DVD gerade jetzt gibt, zwölf Jahre nachdem der Film in die Kinos kam und Preise gewonnen hat. Es ist vielleicht der passende Moment: Untote wandern aus ihrem eingezäunten Ghetto aus. Sie spazieren durch Parkanlagen, die ihnen in normalen Zeiten keineswegs offenstehen. Man trifft sie im engagierten Bürgertheater (Schaubühne Berlin: „Fear“) und in einem dicken, routiniert verrückten Roman aus der russischen Experimentierfabrik (Victor Jerojejew: „Die Akimuden“). Es passt, es passt absolut. Das, was in unserer Wirklichkeit passiert, ist nicht von dieser Welt. Die Stimmen, die sich dazu äußern, sind der Widerhall des Untoten, des Nichtlebendigen. Man kann nicht einmal sagen, des noch nie Dagewesenen, denn es war alles schon einmal da, genauer gesagt, viele Male. Es war schon da und es kommt immer wieder.

http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/fear.html
https://www.perlentaucher.de/buch/viktor-jerofejew/die-akimuden.html

Bei „Fear“ sind es wahrhaftige Zombies, die uns Angst einjagen, mit SS-Stiefeln und ohne. Da kann man sich wenigstens noch einreden, dass man weiß, was genau die Panik auslöst. Das Bildge­dächt­nis, ein unbestimmter, abstoßender Geruch. Bei Jerofejew ziehen die Toten wieder in die Zimmer ein, in denen sie früher ihr Wesen trieben. Man muss sich an sie gewöhnen, sie sitzen ungezwungen am Früh­stückstisch, sie fahren mit der Metro. Es gibt keinen Grund, darauf zu hoffen, dass sie wieder verschwinden. Sie haben das demokratische Recht, das Leben mitzubestimmen. Eigentlich ist es ihnen komplett egal. Auch ohne Recht tauchen sie ihren Messinglöffel in unseren Milch­kaffee. Zu ihrer Zeit gab es keine Rechte. Angesichts ihrer bloßen Präsenz verfault unser Alltag zu einem strukturlosen Schlamm aus permanenter Bedrohung. Ohne Angst, ohne Sicherheit, ohne Unter­schei-dung zwischen „Das da kann ich sehen, das verstehe ich.“ und „Das da kommt direkt aus dem unterirdischen Vorratsspeicher des Wahnsinns.“

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