Moskau: TEATR DOC und heimlicher Messwein

Unser Garten sieht ein wenig wie eine russische Datscha aus.

Der Wind wütet im unbeschnittenen Pflaumenbaum. Es war ein sonniger Tag, es gab Überfluss: sehr viele Himbeeren, bergeweise Kirschen. Vorstadtkitsch zwischen Kletterrose und Johanneskraut, abgeschirmt von der Autobahn, die hoch hinauf in den grimmigen ostdeutschen Norden führt.

Es gießt. Das ist mein Lieblingswetter. Ich hocke auf dem Klappstuhl und halte die Füße in den Re­gen. Es ist wie eine billige Metapher: Ich werde genauso nass,wie ich es haben möchte. Es ist das Unwetter vor der Tür. Es ist wie der Arbeitsalltag, den wir in den 90ern hatten, als wir in der zer­fallenden CCCP (Union der sozialistischen Sowjetrepubliken) den Hunger und die Kälte der unge­heizten Konzertsäle teilten, den Rückzug der verhassten Staatsmacht und die Auflösung jeder Art von Ordnung. Heute ist das ein ferner Schatten am Horizont. Die Weite der Moskauer Auto­bahn, auf der man an brennenden Lastwagen vorüberfuhr, ohne sich umzusehen. Die Passage durch eine Flughafeninstallation, die weder die Strugatzkis, noch Ian Banks erfunden hatten. Aber am Ende hatte man einen Sitzplatz in einem Flugzeug. Das Flugzeug landete und auf einmal gab es: Badi­schen Weißwein, ButterLindner, italienischen Espresso und diese Schließfächer in der Schau­bühne im Untergeschoss, wo man die Winterjacke lassen konnte, weil der Saal selbstver­ständlich gut geheizt war.

Seit dem 23. Juni gibt es eine neue Anordnung in meinem Kopf. Das Gartenhäuschen hinter dem Pflau­men­baum hat kein Dach. Es regnet in meinen Rechner, die Ameisen wärmen sich am Prozessor. Der nächste Bahnhof besteht aus einer Ruine ohne Gleise. Nachts kommt ein Mann in Jogginghosen und kassiert für irgendwelche Dienste irgendeine Summe in Dollar oder Yen. Wenn man nicht be­zahlt, rücken sie an und zertrampeln das Spielzeug der Kinder. Polizei ist ein Ausdruck aus dem Märchenbuch. Damit meint man die grauen Ungeheuer aus dem Sumpf, die Rehe fressen oder junge Frauen an die Teufel in der Unterwelt vermieten.

Als es in Russland soweit war, gab es in der Science Fiction Literatur eine Richtung, die zwar die Namen der Dinge beibehielt, sie jedoch mit völlig aberwitzigen Beschreibungen verknüpfte. Du liest einen Text und es scheint, als ob du alles kennst: Bäume, Blätter, Frösche Pilze. Die Pilze musst du vor dem Kochen töten. Die Frösche zerstören deine Sehkraft. Die Blätter muss du außer­halb des Hauses wegschließen. Die Bäume solltest du am besten meiden. Wenn sie sich einer Sied­lung nähern, treibt man das Vieh in den Keller und betäubt die Kinder.

https://www.perlentaucher.de/buch/tatjana-tolstaja/kys.html

Heute herrscht in Moskau Ordnung. In den U-Bahnhöfen patrouilliert eine sehr reale, bis an die Zähne bewaffnete Polizei. Wer im Historischen Museum den Wunsch hat, die Ausstellung von Stalins Hofmaler Gerassimow zu besuchen, muss sich in eine Schlange einreihen und die Tasche durchsuchen lassen. Zweifelhafte Subjekte sind aus dem Straßenbild verschwunden. Niemand ver­kauft handgestopfte Strumphosen oder abgelagertes Konfekt auf den großen Plätzen. Einmal habe ich ein paar Trinker gesehen. Sie saßen in einem verfallenen Innenhof vor einer zer­bro­che­nen Riesenskulptur aus der Stalinzeit und verkrochen sich unter den Grashalmen. Keine Spur von grenzenlosem Herumassoziieren vor, während und nach dem Delirium. Kein Wenedikt Jerofejew, eher streunende Hunde von Bulgakow. Und einmal erging es mir selbst wie diesen Hunden: Als ich schlecht ange­zogen in ein Restaurant kam, brachte mir der Kellner die Rechnung vor der Suppe.

Wer heute zwischen 30 und 40 ist, war in der Jelzin-Zeit schon alt genug, um sich jetzt zu erinnern. Er/Sie hat damals eine Berufsentscheidung getroffen, für die man heute entweder geradestehen muss oder über die er/sie ungezwungen lacht, weil es so absurd ist. Warum ist man Schauspielerin geworden? Warum hat man die Chance verpasst und steht heute immer noch in einem Kellertheater auf der Bühne? Was hätte passieren müssen, um doch noch die Kurve zu kriegen und im realen Leben einen realen Platz für einen ansehnlichen Mittelklassewagen zu finden?

Das Kellertheater ist das Moskauer Dokumentartheater Teatr Doc. Es ist ein international bekanntes Theater mit herausragenden Darstellern und einem durchweg spannenden Repertoire. Es befindet sich in einem Moskauer Hinterhof, obwohl es keineswegs dort hingehört. Auch wenn es angnehm ist, über diesen Hinterhof zu schlendern und sympathische Leute zu treffen. Dem Theater mangelt es nicht nur an der Bereitschaft, propagandistische Inhalte zu verbreiten, es beharrt auch darauf, an Ambivalenz und Offenheit festzuhalten. Es sind weniger die schönen, erbaulichen Dinge, die sich in die Erinnerung einschreiben, es ist der Mut, sich selbst ins Gesicht zu sehen, unabhängig davon, was da aus dem Spiegel zurückblickt.

http://www.deutschlandfunk.de/russland-moskauer-dokumentartheater-vor-dem-aus.691.de.html?dram:article_id=300984

http://teatrdoc.ru/events.php?id=126

Sieben Schauspieler erinnern sich an den Lebensabschnitt, als sie dem Theater die Treue brachen und fremdgingen. Wie war das damals, als du als Geldbote überfallen wurdest? Als du dich nicht mehr wehren konntest und hinterher keiner kam, um dich irgendwie zu unterstützen? Ganz im Gegenteil, als sie dir den Rücken kehrten, weil du absurderweise darauf bestehen wolltest, dass die Polizei dazu da ist, dir zu deinem Recht zu verhelfen? Wie war es in der Psychiatrie? Und wie hat es sich angefühlt, als dein Gesicht in Übergröße von jeder Hauswand herabglotzte? Als deine Mutter anrief, weil sie den wirren, immer wieder wechselnden Zusammenhang nicht mehr verstehen konnte? Und vor allem: Warum ist eine solche Performance so gar nicht das, was die Moskauer Stadtregierung für unterstützenswert hält? Warum schickt sie immer wieder die Feuerwehr mit neuen, seltsamen Kontrollideen, statt einer angemessenen öffentlichen Förderung?

Meine Tage in Moskau waren viel zu kurz. In den Abendstunden fand ich mich gut zurecht, das abendliche Moskau vibriert vor Vitalität. Die Straßenbahnen, in denen vermutlich Bulgakow schon herumfuhr, kreischen vor den Brücken in der Kurve. Hier wurde ich selbst zur Darstellerin: Es gibt keinen Fahrkartenautomaten. Wer kein Ticket hat, steht eine halbe Stunde auf der Plattform und wird von allen angestarrt. Zu dumm, zu arm, zu ausländisch um wie ein normaler Fahrgast das elektronische Ticket an den Kartenleser zu halten. Neben mir standen zwei Männer aus Mittelasien.

Dann kam der letzte Tag vor Ostern. Vor den Kirchen standen die Leute wie in den Jelzin-Zeiten in der Schlange nach Brot an. Es war das geweihte Osterbrot. In der Kirche las ein alter, prachtvoll verkleideter Priester die Messe. Voller Würde, mit sehr viel Klugheit: gegen den Hass, gegen den Hochmut, für die Toleranz gegenüber denen, die anders denken. Hinter der Ikonostase blätterte der jugendliche Diakon in der Heiligen Schrift. Ich quetschte mich in die Ecke und sah ihm zu, durch einen Spalt zwischen den Ikonen. Er lächelte, las und schluckte langsam Messwein. Aus einem üppig vergoldeten Kelch. Irgendwo ertönte ein Glöckchen. Wie die Mäuse stürzte sich die Masse der knienden Menschen auf den Priester. Ritual und Theater, Schlangestehen und Verzückung. Und insgesamt ein Gefühl der Leere, des Unverbundenseins mit der Welt, trotz der Millionenstadt. Sollte das vielleicht die Zukunft sein? Riesige, isolierte Gebilde, in denen sich die Mäuse in Kellerräumen sammeln, um sich keinesfalls mit einem anderen Stamm zu mischen?

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