Abflug verpasst

„What the Fuck am I doing here“ – Mikser House in Belgrad

Als ich am Donnerstag Abend in Belgrad eintraf, wirkte die Stadt, als sei gerade die Pest ausgebrochen. Ein paar vereinzelte Autos unter der weltraumfähigen Weihnachtsillumination,keine Menschen. Ein einsames Brathuhn in einem Kasten. Das Brathuhn hat definitiv die letzte Chance zum Abflug verpasst. Sonst sind nur die Männer geblieben, die sich in einem Internetcafe vor den Bildschirmen drängen. Hier spricht man Arabisch und die Zeit ist eingefroren: Es gibt kein Vorwärts und kein Rückwärts. Es gibt nur das zermürbende Warten und die Hoffnung auf Skype und auf ein Gespräch mit den Menschen außerhalb von dieser Blase. Wenn sie denn noch leben und wenn es ihnen gut geht. Weihnachten oder Neujahr gehören aus dieser Perspektive gleichermaßen auf den Mars.

In Serbien ist Weihnachten eigentlich nicht besonders wichtig. Und man feiert es auch erst im Januar 2017. Also nicht Weihnachten, sondern Neujahr. Aber trotzdem: So viele Lichter über leeren Straßen. Für wen? Die Verschwendung umfasst über tausend Lichtelemente auf 20 Kilometern, mehr als je zuvor, an vielen Orten, die vorher bescheiden im Dunkeln blieben und nichts weiter waren, als Straßen, in denen Leute lebten. Belgrad sieht sich zunehmend als alternative Variante von Berlin. Manches ist sehr ähnlich: eine Stadt, die sich aufplustert, um zahlende Gäste anzuziehen und zu beeindrucken und dabei vergisst, dass sie Einwohner hat, für deren gute Stimmung Wohnungen, Schulen, Parks und Schwimmbäder eine Rolle spielen. Keineswegs so schön wie Venedig, aber ähnlich geplagt.

Die Belgrader Stadtregierung freut sich auf einen Tourismuszuwachs von 20 Prozent zum Jahresende. In der Mitteilung der öffentlichen Verwaltung heißt es, dass man deshalb alles leuchten lässt, was leuchten kann. Was noch niemals als besonders hell oder strahlend auffiel, war das Bahnhofsviertel und die dahinter liegenden Quartiere der Roma. Letztere sind inzwischen ganz einfach verschwunden. Die Roma sind unsichtbar oder weg. Hier ist ein riesiger Einkaufskomplex geplant. Für die Gäste der Stadt, nicht für die arbeitslosen Bewohner der angeräudeten Häuser, deren Fassaden zwischen uralten Heizungsrohren zerkrümeln. Die ersten Bagger sind bereits an der Arbeit. Belgrad stilisiert sich zur Metropole. Das ist das Selbstverständnis der Stadt, denn jahrzehntelang war sie Hauptstadt, Hauptstadt des nicht mehr existierenden Jugoslawiens.

Metropole heißt in der ironischen Brechung des unabhängigen Theaterkollektivs Mikser House, dass es notwendig wird, sich von der umstrittenen Muttersprache SKB (Serbisch Kroatisch Bosnisch) zu lösen und die Inhalte auf Englisch zu präsentieren. Wer das verpasst, wird ganz einfach nicht gehört. Oben im Studio des Jugoslawischen Dramatheaters gibt es eine einstündige Reise in das Land der postdramatischen Performance und es geht darum, dem Brathuhneffekt zu entkommen: Wer jung ist und eine Ausbildung hat, möchte weg, solange es noch geht und am besten sofort. Die Arbeitslosenquote in Serbien beträgt knapp 18 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit übersteigt die 50 Prozentmarke. Es gibt ein paar Berufe, auf die das Bild nicht zutrifft: IT-Ingenieure, Juristen. Die Performer sprechen über sich, und sie sind alle Künstler. Eine lebt im Ausland, die anderen sind ohne Arbeit. Das heißt, sie arbeiten, aber umsonst. Kommt uns das irgendwie bekannt vor?

http://jdp.rs/predstave/what-the-f-k-are-we-doing-here/

http://house.mikser.rs/

Der Balkan gilt als sicher. Wer einfach so verschwinden möchte, kommt zurück, denn er wird abgeschoben. Das gilt nicht für die gut ausgebildeten Absolventen gefragter Studienfächer. Wie sie es machen, ist nicht immer klar, aber sie gehen. Serbien blutet aus. Wenn die Sonne auf die Cafes scheint, wimmelt es von Menschen. Vor allem die jungen Leute trinken ihren dritten, vierten, fünften Espresso. Im November, mitten in der Woche. Am Abend geht man aus, irgendwie, ohne Geld. Arbeit hat kaum jemand, am Morgen kann es ohne weiteres auch lange dauern. Arm aber sexy. Aber definitiv zu arm für irgendeine Art von Zukunft.

Das ist der Grundton der Inszenierung. Das Straßenbild stimmt mit dieser Stimmung überein. Die Gespräche mit den Studentinnen und Studenten stimmen mich traurig. Niemand glaubt an irgendeine Verbesserung in der Zukunft. Die Regierung verkauft uns, egal wie sie gerade heißt und woraus sie gerade besteht. Das stimmt: Die Regierenden verkaufen ihr Land an zahlungswillige Investoren, unabhängig davon, was die im Einzelnen planen oder treiben.

Und doch gibt es diese etwas träge, mich immer wieder irritierende Selbstvergewisserung auf der nationalen Schiene: Wir sind die Opfer, wir werden von einer Lügenkampagne schlecht gemacht, schaut euch die NATO-Ruinen in unserer Stadt an. Wir fahren zu den Deutschen, weil wir es hier nicht mehr aushalten können, aber dort in Deutschland herrscht der Eiswind: Dort sind sie unpersönlich, herrschsüchtig, kalt. (Dieser Teil hat mich sehr ermüdet. Die ewigen Stereotypen gehen mir inzwischen nur noch auf die Nerven und ihre einzige Funktion besteht in einer suchtartigen, hinterlistigen Verstärkung der Lähmung. )

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s