Showcace Beat Le Mot: Gefühle. Kritik.

Es heißt „Gefühle“. Gesehen habe ich die Schöpfung und ihr Ende und eine Art Eiskrem aus Kitsch, aber salzig. Es hängt immer noch in der Luft.

Sogar nach zwei Tagen hält sich ein Hauch der seltsamen Melancholie, die wie ein feiner Sprühregen Dächer, Blätterhaufen, Fahrzeuge und Touristen zum Glänzen brachte, als ich in der aufgeregten, weihnachtsbescheuerten Stadt in das Verdauungssystem der BVG abtauchte und mich in das Material verwandelte, das ein Verkehrssystem im Untergrund hin und herschiebt.

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/spielplan/showcase-gefuehle-grosser-saal/2962/

http://www.showcasebeatlemot.de/

Mehr als jedem Begleittext habe ich den eignen Augen getraut. Zunächst wie immer ein wenig verärgert, wenn Mitmachtheater über mich hereinbricht, dann aber immer mehr davon fasziniert, wie der Fluss der Bewegung der hin und her schwimmenden Zuschauergruppen eine Collage aus Dingen, Darstellern, irrsinnigen Kostümen und exzentrischer Mode im Publikum heraufbeschwört wie ein eigenwilliger Akt der Schöpfung, der sich kaputtlacht, während er schon die Nachfolgestufe unserer Evolution ins Auge fasst. Es war tatsächlich gleichzeitig langweilig, kitschig, subversiv und so noch nie gesehen. Und auf eine träge und doch keineswegs unbeteiligte Weise hat es Spaß gemacht: Früchte sehen, Früchte stehlen, Früchte essen. Früchte verdauen und Gedankenblasen oder Gaswölkchen in den Teppich der etwas grausamen, gnadenlos unerfreulichen Musik hineinmischen, wie in einen Soundtrack, der erst in einer stockenden Wiedergabe interessant wird.

Wenn man das, was passiert, zusammenfasst, ist man nach wenigen Sätzen fertig. Es gibt ein Video von der Schöpfung. Die Schöpfung erfolgt an der Orgel: mehr oder weniger selbstherrlich drängeln sich über und untereinander herumkriechende Demiurgen an der Tastatur des Inputs, heraus kommt elektronischer Orgeltonbrei und der Übergang zur Phase zwei: Aneignung durch Zubereitung, Fressen und Verdauung. Es gibt einen langen, prächtig hergerichteten Tisch voller Alkohol und Früchte: griechisches Symposium, niederländisches Stilleben mit eigenwilliger Fixierung auf Verwesung und Verfall, Game of Thrones: das Festmahl vor dem Schlachten. Die Performer betätigen sich als alchimistische Arrangeure. Sekt sprudelt in einem riesigen Kolben, Mischkrater von Substanzen und Gefühlen, Suppe, die Äpfel, Birnen Trauben in schwimmenden Molekülsalat verwandelt. Es war lustig zu registrieren, dass jeder der Glücklichen, die einen Plastikbecher der Schöpfungsbrühe in die Hand bekamen, zunächst die Nase hineinhielt und es möglichst auch noch von Freunden beschnüffeln ließ, ehe man den ersten Schluck nahm.

Dann krochen sie in den Darm. Der Darm war wie jeder Darm zu eng, es buckelte und blähte. Es gab einige Kinder im Saal, die wären gern mitgekrochen, so drückten sie von oben dagegen, die kleinen Helfer der Verdauung. Für die Kinder war es ein toller Abend. Dafür liebt man Showcase, für den Respekt für den Spaß der Kinder. Dann weiß ich es gar nicht mehr so genau. Mein Zwang zu verstehen und zu registrieren hatte sich verabschiedet. Ich ließ mich treiben. Dinge fanden ihre Form. Kleine Blitze führten ein Ballett auf. Ein Haufen Dinosaurieknochen entfaltete sich zu einer fliegenden Giraffe. Es war schön.

Schließlich gab es auch noch einen Abschluss. Der Abschluss erklärte, dass unser Leben keineswegs schön ist, sondern graubraun und starr (the Turd after the Show of beautiful Fruits). Das kennt man von Brecht und Wilson: Genuss im Theater ist ein Symptom für abgestorbene Kunst, intellektuelle Bewertung ist das Leben. Das hätte ich eigentlich nicht gebraucht. Eingetütete Tänzer rutschen über eine starre Matrix, bitte erkennen Sie die Bedeutung: Das Ende ist braun, auch wenn der Apfel am Morgen rotgolden strahlt. Harte Konzeptkunst tickt so. Aber man konnte es ignorieren. Die eigenen Gedanken überschwemmten die Didaktik. Und tatsächlich auch: Gefühle.

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