Auferstanden aus der Familiengruft der Macht

 

Ödipus und Antigone am Gorki

Das Problem der Gespenster ist ihre Unsterblichkeit. Unser Problem besteht darin, dass wir sie normalerweise nicht erkennen. Auch wenn sie uns überall finden. Ersan Mondtag hat sie auf uns losgelassen. Nicht ganz so fürchterlich,wie es Vegard Vinge veranstaltet hätte, aber es hat gereicht.

http://gorki.de/de/ensemble/ersan-mondtag

Klar hätte ich Lust, ebenfalls zu beschreiben, was es da zu sehen gab. Obwohl ich ganz hinten sitzen musste, denn es war hoffnungslos ausverkauft. Neben mir hockte ein grauhaariger Freund der klassischen Antike und stöhnte vor sich hin. Meiner Freundin ging es nicht besonders gut. Vor uns verabschiedeten sich zwei Frauen und widmeten sich für den Rest des Abends ihrem Facebook. Und es gab auch die, die rausgerannt sind und sich wahrscheinlich erst später beim Bier wieder irgendwie erholten. Natürlich war es eine Zumutung. Aber als Zumutung war es ziemlich genial. Normalerweise überfällt mich während des Theaterabends ungefähr in der Mitte der zwanghafte Wunsch, irgendetwas auszurechnen: den Tagesetat, das Monatseinkommen, die nächste Steuer. Gerne auch mit dem Handy. Diesmal blieb ich diszipliniert. Ich hatte keine Zeit zum Rechnen. Das übliche Loch der Langeweile blieb aus.

Dann habe ich gelesen, was die anderen so gesehen hatten. So in etwa fast das gleiche wie ich:

http://www.tagesspiegel.de/kultur/oedipus-und-antigone-am-maxim-gorki-theater-slapstick-der-antike/19410622.html

http://www.berliner-zeitung.de/kultur/theater/theaterkritik–oedipus-und-antigone—-ein-familiaeres-greisenkabinett-25765630

https://www.freitag.de/autoren/kulturblog/oedipus-und-antigone-am-gorki-theater

Ersan Mondtag veranstaltet eine Totenbeschwörung. Rosarote Zombiegeister stolpern (wahrscheinlich nicht zum ersten Mal) durch den stark verwehten Text von Sophokles. Es gibt ein weißes Bretterhaus (irgendwie zwischen amerikanisch und unserer Gartenlaube in Berlin-Buchholz), es gibt Fenster zum Rein- und Rausglotzen, es gibt eine Rampe, es gibt den Soundeffekt. Der Soundeffekt hat mich gepackt. Der Hall des Mörderspiels durch die endlosen Wüsten der Zeit. Zweieinhalb Jahrtausende Totschlag und immer noch hört man das Jaulen dieses einen Desasters. Warum? Warum hat Sophokles sein Genie benutzt, um gerade dieser Clique aus Theben ein ewiges Denkmal zu errichten?

Die haben zwar noch mitgemacht, als es gegen Troja ging, aber etwas näher an der Gegenwart von Sophokles wird es verworren: Während die guten Griechen an den Thermopylen ihr Leben für die Freiheit ließen, paktierte Theben mit den Persern. Unser wichtigster Wert (doppelt freier Lohnarbeiter, freie Mitarbeiterin, Meinungsfreiheit, Freihandelsabkommen) war der Clique aus Theben egal. Im griechischen Kulturkreis gab es dafür die Auslöschung der Erinnerung. Archäologen und Althistoriker zerbrechen sich deshalb den Kopf. Sophokles macht aus den Thebanern Monster. Ganz im Sinne von Aristoteles: Jammer, Furcht und Schrecken. Mondtag macht aus den Monstern Zombies. Das kann mein zeitgenössisches Herz sehr gut verstehen. Den ganzen Staub mit Schuld, Katharsis und Reinigung durch gegenseitiges Abschlachten kann man löschen. Es gibt kein Ritual. Es gibt keinen Ziegenbock, den man solange auspeitscht, bis er in die Wüste davonrennt. Es gibt kein stellvertretendendes Menschenopfer. Es gibt den realen Krieg. Er tobt vor unserer Tür und frisst, was ihm vor das Maul kommt: Frauen, Kinder, Männer, Hunde. Geschichte und Palmyra. Die phönizische Kultur. Das in den Kreuzzügen belagerte Aleppo. Und wir leben in einem Land, das die hierfür benötigten Waffen bereitstellt.

In den Kommentaren bekennt sich Ersan Mondtag zu einer politischen Intention. Das ist fast selbstverständlich. Sophokles ist politisch. Das rituelle Theater in der griechischen Polis war politisch. Das reale Theben liegt sehr nah am realen Krieg.

http://www.deutschlandradiokultur.de/antigone-und-oedipus-auflehnung-gegen-das-herrschende-un.1008.de.html?dram:article_id=374964

http://www.renk-magazin.de/ersan-mondtag-meine-arbeit-ist-politisch-weil-ich-selbst-politisch-bin/

Zwei Tage nach dem Besuch der Vorstellung zieht mir neben meinen von der Geschichte infizierten Gedanken noch immer der zerfetzte Text durch mein Gedächtnis. Ich denke, dass es richtig war, ihn zu so zu behandeln. Aber das, was übrig geblieben ist, überfällt die Zuschauenden immer noch mit der Gewalt einer beserkerhaften Ästhetik: lächerlich gemacht, vorgeführt, durchleuchtet und trotzdem noch immer unantastbar schön. Wie der Alkohol, von dem man weiß, dass er einen Kater erzeugt. Sophokles macht selbst in Bruchstücken noch gefährlich besoffen.

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