Schubot/Gradinger: Yew

Beifuß rauchen – bis der Alltag mit dem Nebel fortzieht: Kritik

 

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/spielplan/2018-01/angela-schubot-jared-gradinger-yew/3648/

Wie wäre das, wenn wir Bäume wären und keine Menschen? Könnten wir friedlich oben über dem Rosengarten mit den Blättern rauschen, bis nach etwa 700 Jahren der Wind die Erlaubnis bekäme, uns sanft in den Schlamm zu schieben? Dann würden die Eichhörnchen ihren roten Schwanz wie einen Besen in die Höhe halten und Späne und Staub aus der Luft auf den Waldboden fegen, wo von irgendwelchen Rosenblüten schon längst jede Spur ausgewaschen und gelöscht wäre. Es bliebe die Familie der Pflanzen: Birke, Beifuß, Brennnessel, Eibe. Die Welt ohne uns, das leere Raunen des Wetters.

Vielleicht. 1967 schrieb Renate Rasp einen Roman, in dem die Eltern versuchen, den Sohn zu umzuerziehen, bis er ein Baum ist. Das war eher schrecklich. Ich habe nächtelang davon geträumt. Sie haben ihn ausgezogen und eingepflanzt, Wind und Regen sollten den Rest besorgen. Und es hat nicht einmal funktioniert: Am Ende hängt ein willenloser Fettkloß in einem Sessel, keine Natur, aber auch keine Menschlichkeit.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46196255.html

Von Berbeli Wanning gibt es einen klugen Essay zu diesem Text:

http://www.komparatistik-online.de/index.php/komparatistik_online/article/view/162/122

Schubot/Gradinger benennen ihr Stück nach dem ältesten Nadelbaum Europas. Die Eibe, das Relikt aus der Eiszeit, steht in der Landschaft und um sie herum wächst und vergeht das verschiedenartige Grünzeug aus den unterschiedlichsten Jahrhunderten und Jahrtausenden. Ich habe das nicht gewusst. Während der Vorstellung habe ich mir einen großen, Schatten spendenden Baum gedacht, nicht dieses lebensgefährlich giftige Nadelgehölz mit seinen knallroten Beeren. Die Eibe, der Totenbaum der Kelten, symbolisiert in der Mythologie den Wahrnehmungsverlust für Grenzen und den Übergang in die Anderwelt. Das passt eher zu einem Ethnobotaniker wie Wolf Dieter Storl und weniger zum Erwartungshorizont des zeitgenössischen Theaters.

https://archive.org/stream/WolfDieterStorlPflanzenDerKeltenATVerlagDeutschDINA5/Wolf-Dieter Storl_Pflanzen der Kelten_AT-Verlag_deutsch_DIN A5_djvu.txt

Gesehen habe ich sowohl den Baum aus meiner Phantasie als auch den Giftbaum, der unsere Wahrnehmungsfähigkeit verschiebt. Elisabeth Nehring charakterisiert die Arbeiten von Schubot/Gradinger auf den Seiten des Goethe Instituts als Experimente mit der Entgrenzung des Körpers. Es geht um den Versuch des Unmöglichen, um eine Bilderreihe aus einer nahezu biologischen Entwicklungssequenz.

http://www.goethe.de/kue/tut/cho/cho/sz/gra/deindex.htm

Es war wie in einem Park, wenn man nur noch die Wolken sieht und die Zeit beginnt, sich auszudehnen. Wie sieht man in einem abgeschlossenen Theaterstudio die Bewegungsmuster des Himmels? Darin bestand die Magie des Abends. Keinerlei Dekoration, ein paar Lautsprecher. Das Publikum füllt den Raum und verteilt sich wie die Gehölze in einem Wald. Einige treffen die Entscheidung, lieber ein Tier zu sein. Die Pflanzen verzweigen sich,kriechen über den Boden, wachsen. Die Tiere lauern. Die Performer entwickeln sich in ihrer gegenseitigen Verklammerung zu einem vagabundierenden, bipolaren Gebüsch. Mal macht es halt, dann rollt es weiter. Es lehnt sich an fremde Stämme, lagert im Schatten fremder Blätter. Es erstaunt mich selbst, wie gelassen ich dieser Art von Annäherung entgegensah. Es war tatsächlich wie im Wald: ohne dramatische Spannung, aber dennoch absolut intensiv. „Sehr atmosphärisch und auch angenehm, das Alles.“ Um es mit den Worten eines anderen Bloggers (Andre Sokolowski) zusammenzufassen.

https://www.freitag.de/autoren/andre-sokolowski/yew-von-angela-schubot-jared-gradinger

Und dann war da noch der Beifuß. Das habe ich vorher nicht einmal geahnt. Dieses Straßenkraut, das auch in der Großstadt den Rinnstein bewohnt wie Tauben, Stadtratten und wir selbst, gehört zu interessantesten Pflanzen, über die unsere traditionelle Pflanzenmedizin verfügt. Man kann es in die Badewanne schütten, man kann die Linsensuppe damit würzen, man kann es rauchen. Wahrscheinlich genügt es schon, sich nach dem Regen darin zu wälzen und die unerträgliche Last der hundertfach vermittelten Existenz zwischen den Pflastersteinen zu zerreiben.

http://magischepflanzen.de/beifuss/

Und was passiert? Man entwickelt Stücke wie dieses „Yew“ (Eibe). Sehr empfehlenswert, in jeder Hinsicht.

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