Showcace Beat Le Mot: Gefühle. Kritik.

Es heißt „Gefühle“. Gesehen habe ich die Schöpfung und ihr Ende und eine Art Eiskrem aus Kitsch, aber salzig. Es hängt immer noch in der Luft.

Sogar nach zwei Tagen hält sich ein Hauch der seltsamen Melancholie, die wie ein feiner Sprühregen Dächer, Blätterhaufen, Fahrzeuge und Touristen zum Glänzen brachte, als ich in der aufgeregten, weihnachtsbescheuerten Stadt in das Verdauungssystem der BVG abtauchte und mich in das Material verwandelte, das ein Verkehrssystem im Untergrund hin und herschiebt.

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/spielplan/showcase-gefuehle-grosser-saal/2962/

http://www.showcasebeatlemot.de/

Mehr als jedem Begleittext habe ich den eignen Augen getraut. Zunächst wie immer ein wenig verärgert, wenn Mitmachtheater über mich hereinbricht, dann aber immer mehr davon fasziniert, wie der Fluss der Bewegung der hin und her schwimmenden Zuschauergruppen eine Collage aus Dingen, Darstellern, irrsinnigen Kostümen und exzentrischer Mode im Publikum heraufbeschwört wie ein eigenwilliger Akt der Schöpfung, der sich kaputtlacht, während er schon die Nachfolgestufe unserer Evolution ins Auge fasst. Es war tatsächlich gleichzeitig langweilig, kitschig, subversiv und so noch nie gesehen. Und auf eine träge und doch keineswegs unbeteiligte Weise hat es Spaß gemacht: Früchte sehen, Früchte stehlen, Früchte essen. Früchte verdauen und Gedankenblasen oder Gaswölkchen in den Teppich der etwas grausamen, gnadenlos unerfreulichen Musik hineinmischen, wie in einen Soundtrack, der erst in einer stockenden Wiedergabe interessant wird.

Wenn man das, was passiert, zusammenfasst, ist man nach wenigen Sätzen fertig. Es gibt ein Video von der Schöpfung. Die Schöpfung erfolgt an der Orgel: mehr oder weniger selbstherrlich drängeln sich über und untereinander herumkriechende Demiurgen an der Tastatur des Inputs, heraus kommt elektronischer Orgeltonbrei und der Übergang zur Phase zwei: Aneignung durch Zubereitung, Fressen und Verdauung. Es gibt einen langen, prächtig hergerichteten Tisch voller Alkohol und Früchte: griechisches Symposium, niederländisches Stilleben mit eigenwilliger Fixierung auf Verwesung und Verfall, Game of Thrones: das Festmahl vor dem Schlachten. Die Performer betätigen sich als alchimistische Arrangeure. Sekt sprudelt in einem riesigen Kolben, Mischkrater von Substanzen und Gefühlen, Suppe, die Äpfel, Birnen Trauben in schwimmenden Molekülsalat verwandelt. Es war lustig zu registrieren, dass jeder der Glücklichen, die einen Plastikbecher der Schöpfungsbrühe in die Hand bekamen, zunächst die Nase hineinhielt und es möglichst auch noch von Freunden beschnüffeln ließ, ehe man den ersten Schluck nahm.

Dann krochen sie in den Darm. Der Darm war wie jeder Darm zu eng, es buckelte und blähte. Es gab einige Kinder im Saal, die wären gern mitgekrochen, so drückten sie von oben dagegen, die kleinen Helfer der Verdauung. Für die Kinder war es ein toller Abend. Dafür liebt man Showcase, für den Respekt für den Spaß der Kinder. Dann weiß ich es gar nicht mehr so genau. Mein Zwang zu verstehen und zu registrieren hatte sich verabschiedet. Ich ließ mich treiben. Dinge fanden ihre Form. Kleine Blitze führten ein Ballett auf. Ein Haufen Dinosaurieknochen entfaltete sich zu einer fliegenden Giraffe. Es war schön.

Schließlich gab es auch noch einen Abschluss. Der Abschluss erklärte, dass unser Leben keineswegs schön ist, sondern graubraun und starr (the Turd after the Show of beautiful Fruits). Das kennt man von Brecht und Wilson: Genuss im Theater ist ein Symptom für abgestorbene Kunst, intellektuelle Bewertung ist das Leben. Das hätte ich eigentlich nicht gebraucht. Eingetütete Tänzer rutschen über eine starre Matrix, bitte erkennen Sie die Bedeutung: Das Ende ist braun, auch wenn der Apfel am Morgen rotgolden strahlt. Harte Konzeptkunst tickt so. Aber man konnte es ignorieren. Die eigenen Gedanken überschwemmten die Didaktik. Und tatsächlich auch: Gefühle.

Der Selbstmord der Nation in Belgrad

Die mit dem Balken auf der Brust sind die Frauen, die sich exzessiv der Abtreibung hingeben.

Erst geht es gar nicht los, sie stehen herum, als ob sie warten. Machen sich irgendwie Mut. Dann steigen sie aufs Kreuz. Wenn man sich kreuzigen lässt, erhält man mit genügend Glück einen Lichtkreis um den hin und her geworfenen Schädel. Die auseinander gezerrten Arme hängen an der Wand. Die Musik jault grässlich. Dann kriecht sie wie eine Schnecke in eine lächerliche Choralimitation zurück, bis sie im allgemeinen Lärm erstickt. Im Bitef-Theater in Belgrad geht es um Gewalt. Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegen Kinder, Gewalt gegen alle, Gewalt als rituelles Spiel. Die gekreuzigten Figuren an der Wand sind der gewalttätige Jedermann, der mordend durch die Trümmer robbt und sich dabei selbst als Opfer der Zivilisation beweint. Er hasst, was er für zeitgemäß und modern hält: Hedonismus, Egoismus, individuelle Abweichung, kurz das übliche Inventar, das den Hassgestalten in der aufgerüttelten Gegenwart als so grenzenlos (im wahrsten Sinne des Worte) hassenswert erscheint.

http://teatar.bitef.rs/2015/05/26/18-19-i-20-april-crvena-sex-i-posledice-premijera/

http://festival.bitef.rs/2015/09/03/bitef-zone/

Das eigentliche Thema ist der Abort. Der Abort als unsichtbare, täglich ausgeübte Gewalt, sich selbst angetane Gewalt, auf andere übertragene Gewalt, als Organisationsprinzip einer auf Gewalttätigkeit beruhenden Gesellschaft. In einem ausschließlich von Männern gespielten Stück sträubt sich das Empfinden, überhaupt darauf einzusteigen. Der Saal in der ehemaligen Kirche in Belgrad ist ausverkauft, obwohl die Produktion bereits ein Jahr lang läuft. (Damals habe ich einen Sturm aus Wut und Begeisterung erlebt.) Ich sehe eine überwältigende Mehrheit von Frauen. Anders als bei vielen Berliner Produktionen fehlt es hier in Belgrad an einem bequemen Gerüst von Deutlichkeit und einfacher Polarisierung. Tatsächlich ist die Abtreibungsquote in Serbien sehr hoch, gerade unter den ganz jungen Frauen. Tatsächlich sind die gesundheitlichen Risiken für die Frauen schwer zu übersehen, denn es fehlt an Beratung und Aufklärung und vor allem an Unterstützung. Es gibt weder vorher irgendeine sinnvolle Information über Verhütung, noch hinterher irgendeine Begleitung durch das erlebte Trauma. Es gibt Initiativen, die sich dafür stark machen.

Der Irrsinn der Inszenierung besteht darin, dass sie in 90 Minuten vorführt, wie eine notwendige Diskussion außer Kontrolle gerät und die bizarrsten Argumente Emotionen wecken, von denen niemand glaubte, dass er/sie überhaupt davon infiziert ist. Dabei wird vorne keineswegs auf die argumentative Verdrehung gesetzt, es handelt sich nicht um reflexives Theater, sondern um eine rasante Show mit zum Teil haarsträubendem Material an Bildern: Die „Frauen“ führen einen geradezu orgiastischen Tanz auf, während sie an den Krankenhauströpfen hängen. Die „ermordeten Kinder“ sind ausgewachsene Männer, die aus den Armen ihrer „Mütter“ hart auf den Boden stürzen und sich Minuten später gegenseitig in einem „Feuergefecht“ (repräsentiert durch Blumenwasserspritzen) erledigen. Aber darauf kommt es an: Fötaler Tod durch Abtreibung ist verwerflich, heroischer Mordrausch führt zu Unsterblichkeit und Ruhm – siehe oben: heilige Helden.

Also: Warum nicht Kinder kriegen in Serbien? Kinder sind klein. Sie essen wenig. Du hast keine Arbeit, du hast viel Zeit. Warum nicht Zeit für Kinder opfern, wenn es so viel Zeit gibt. Du siehst keine Perspektive? Dann höre auf, abzutreiben und werde Mutter. Die Kinder sind die Perspektive, die zählt. Du bist traumatisiert? Das ist vollkommen normal, die Medizin kennt sich da aus. Ein Trauma ist ein Trauma, nichts besonderes. Und dann mischen sie in diesen zynischen, pseudowissenschaftlichen Diskurs ein paar reale Zahlen: (nicht fiktiver) Mord an Frauen in den Familien, (nicht fiktiver) Mord an (geborenen) Kindern in den Familien, Zahl der allein gebliebenen Kinder, weil die Eltern verrückt oder kriminell oder krank geworden sind. Oder weil sie sich gegenseitig umbringen in dieser Phase des „Selbstmordes der Nation“. Es ist ganz klar, dass hier die Verzweiflung zu sehr schwarzen Scherzen führt und kaum einer/eine im Zuschauerraum kann wirklich darüber lachen. Aber es wirkt wie eine Reinigung und am Ende ist man seltsam dankbar. Es war grauenhaft, aber es hat sich gelohnt.

Abflug verpasst

„What the Fuck am I doing here“ – Mikser House in Belgrad

Als ich am Donnerstag Abend in Belgrad eintraf, wirkte die Stadt, als sei gerade die Pest ausgebrochen. Ein paar vereinzelte Autos unter der weltraumfähigen Weihnachtsillumination,keine Menschen. Ein einsames Brathuhn in einem Kasten. Das Brathuhn hat definitiv die letzte Chance zum Abflug verpasst. Sonst sind nur die Männer geblieben, die sich in einem Internetcafe vor den Bildschirmen drängen. Hier spricht man Arabisch und die Zeit ist eingefroren: Es gibt kein Vorwärts und kein Rückwärts. Es gibt nur das zermürbende Warten und die Hoffnung auf Skype und auf ein Gespräch mit den Menschen außerhalb von dieser Blase. Wenn sie denn noch leben und wenn es ihnen gut geht. Weihnachten oder Neujahr gehören aus dieser Perspektive gleichermaßen auf den Mars.

In Serbien ist Weihnachten eigentlich nicht besonders wichtig. Und man feiert es auch erst im Januar 2017. Also nicht Weihnachten, sondern Neujahr. Aber trotzdem: So viele Lichter über leeren Straßen. Für wen? Die Verschwendung umfasst über tausend Lichtelemente auf 20 Kilometern, mehr als je zuvor, an vielen Orten, die vorher bescheiden im Dunkeln blieben und nichts weiter waren, als Straßen, in denen Leute lebten. Belgrad sieht sich zunehmend als alternative Variante von Berlin. Manches ist sehr ähnlich: eine Stadt, die sich aufplustert, um zahlende Gäste anzuziehen und zu beeindrucken und dabei vergisst, dass sie Einwohner hat, für deren gute Stimmung Wohnungen, Schulen, Parks und Schwimmbäder eine Rolle spielen. Keineswegs so schön wie Venedig, aber ähnlich geplagt.

Die Belgrader Stadtregierung freut sich auf einen Tourismuszuwachs von 20 Prozent zum Jahresende. In der Mitteilung der öffentlichen Verwaltung heißt es, dass man deshalb alles leuchten lässt, was leuchten kann. Was noch niemals als besonders hell oder strahlend auffiel, war das Bahnhofsviertel und die dahinter liegenden Quartiere der Roma. Letztere sind inzwischen ganz einfach verschwunden. Die Roma sind unsichtbar oder weg. Hier ist ein riesiger Einkaufskomplex geplant. Für die Gäste der Stadt, nicht für die arbeitslosen Bewohner der angeräudeten Häuser, deren Fassaden zwischen uralten Heizungsrohren zerkrümeln. Die ersten Bagger sind bereits an der Arbeit. Belgrad stilisiert sich zur Metropole. Das ist das Selbstverständnis der Stadt, denn jahrzehntelang war sie Hauptstadt, Hauptstadt des nicht mehr existierenden Jugoslawiens.

Metropole heißt in der ironischen Brechung des unabhängigen Theaterkollektivs Mikser House, dass es notwendig wird, sich von der umstrittenen Muttersprache SKB (Serbisch Kroatisch Bosnisch) zu lösen und die Inhalte auf Englisch zu präsentieren. Wer das verpasst, wird ganz einfach nicht gehört. Oben im Studio des Jugoslawischen Dramatheaters gibt es eine einstündige Reise in das Land der postdramatischen Performance und es geht darum, dem Brathuhneffekt zu entkommen: Wer jung ist und eine Ausbildung hat, möchte weg, solange es noch geht und am besten sofort. Die Arbeitslosenquote in Serbien beträgt knapp 18 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit übersteigt die 50 Prozentmarke. Es gibt ein paar Berufe, auf die das Bild nicht zutrifft: IT-Ingenieure, Juristen. Die Performer sprechen über sich, und sie sind alle Künstler. Eine lebt im Ausland, die anderen sind ohne Arbeit. Das heißt, sie arbeiten, aber umsonst. Kommt uns das irgendwie bekannt vor?

http://jdp.rs/predstave/what-the-f-k-are-we-doing-here/

http://house.mikser.rs/

Der Balkan gilt als sicher. Wer einfach so verschwinden möchte, kommt zurück, denn er wird abgeschoben. Das gilt nicht für die gut ausgebildeten Absolventen gefragter Studienfächer. Wie sie es machen, ist nicht immer klar, aber sie gehen. Serbien blutet aus. Wenn die Sonne auf die Cafes scheint, wimmelt es von Menschen. Vor allem die jungen Leute trinken ihren dritten, vierten, fünften Espresso. Im November, mitten in der Woche. Am Abend geht man aus, irgendwie, ohne Geld. Arbeit hat kaum jemand, am Morgen kann es ohne weiteres auch lange dauern. Arm aber sexy. Aber definitiv zu arm für irgendeine Art von Zukunft.

Das ist der Grundton der Inszenierung. Das Straßenbild stimmt mit dieser Stimmung überein. Die Gespräche mit den Studentinnen und Studenten stimmen mich traurig. Niemand glaubt an irgendeine Verbesserung in der Zukunft. Die Regierung verkauft uns, egal wie sie gerade heißt und woraus sie gerade besteht. Das stimmt: Die Regierenden verkaufen ihr Land an zahlungswillige Investoren, unabhängig davon, was die im Einzelnen planen oder treiben.

Und doch gibt es diese etwas träge, mich immer wieder irritierende Selbstvergewisserung auf der nationalen Schiene: Wir sind die Opfer, wir werden von einer Lügenkampagne schlecht gemacht, schaut euch die NATO-Ruinen in unserer Stadt an. Wir fahren zu den Deutschen, weil wir es hier nicht mehr aushalten können, aber dort in Deutschland herrscht der Eiswind: Dort sind sie unpersönlich, herrschsüchtig, kalt. (Dieser Teil hat mich sehr ermüdet. Die ewigen Stereotypen gehen mir inzwischen nur noch auf die Nerven und ihre einzige Funktion besteht in einer suchtartigen, hinterlistigen Verstärkung der Lähmung. )

Grün überwachsener Drahtzaun

Kritik zu Judith Hermann: Lettipark

Blätter, Regentropfen, Beeren. Es gibt keinen Grund, ein Loch in den Zaun zu schneiden.

http://www.fischerverlage.de/buch/lettipark/9783100024930

https://www.perlentaucher.de/buch/judith-hermann/lettipark.html

Wenn sich einer draußen herumtreibt, geht es nur noch darum, wie er ohne Amputation zurückkommt.Ein Mann und eine Frau erreichen Odessa. Sie kommen mit dem Zug, es spielt eine wesentliche Rolle, ob sie während der Fahrt schlafen konnten oder nicht oder ob sie nur vorgeben, schlaflos im Käfig des Zugabteils den Transport zu überstehen. Das Abteil und der Zug sind mit den Signaturen des Ostens versehen: verschlissener Gobellin, Stapel aus harten Kissen, übergroße Riegel aus Zucker. Draußen unbekannte Landschaft, was denn sonst.

http://www.deutschlandfunk.de/ukraine-odessa-in-der-identitaetskrise.1242.de.html?dram:article_id=346933

Odessa ist eine unsichtbare Stadt. Dunkelheit herrscht auf Straßen und Höfen, kein Geruch nach Meer, keine Signaturen von Isaak Babel, keine Straßenbahnen, ein Ort der Leere. Um hier zu übernachten, wählt das Paar aus einer Reihe aufgestellter Omas diejenige alte Frau aus, von der sie glauben, dass ihr die Verwandtschaft mit Baba Yaga zumindest nicht auf die Stirn gedruckt ist. Es ist natürlich ein Irrtum. Die Oma schleppt sie in ein abscheuliches Barackenlager, bewohnt von Schimmel, Dreck und Prostituierten. Die Oberaufsicht liegt in den Händen einer unappetitlichen Puffmutter. Der einzige Ausweg ist die Flucht. Irgendwie entsteht ein Moment unausweichlicher Verzweiflung. Der Mann möchte das Meer erkunden, die Frau verschließt sich auf dem Bahnhof in einem privaten magischen Kreis.

Ich habe es gestern gekauft und in der unaufgeräumten Küche durchgelesen. Jetzt schicke ich es meiner Freundin, wir schicken uns die Bücher von Judith Hermann, hin und her, wir reden ein wenig über die Texte, dann schicken wir sie wieder auf die Reise. Diese Bücher sind ruhelose Objekte, wie die Figuren, die über ihre Seiten schwimmen: selten friedlich unter einem Baum und noch seltener wirklich unterwegs. Wohin auch immer sie gelangen, wenn es sie über die Oberfläche irgendeines Raumes treibt, sie schaffen es nie ans Ufer und ihr Blick verharrt wie in einem U-Boot auf den Innenwänden des immer erneut reproduzierten Designs einer bürgerlichen Küche.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/neuer-erzaehlband-von-judith-hermann-dieses-kreiseln-um-belangloses-geht-leicht-auf-die-nerven-1.3010404

Judith Hermann hat ein unerschöpfliches Reservoir an Vornamen für die Spaltprodukte der postdemokratischen Persönlichkeit. Ich frage mich, wo sie sich hier bedient. Oder arbeitet sie wie Ernst Jandl mit einem Zufallsgenerator? Wenn ich ihre Romane lese, gelingt es mir, mich daran zu gewöhnen. Bei Kurzgeschichten strengt es an. Einmal wird die Namensvergabe selbst zum Gegenstand. In einer typisch eingeengten, drahtzaunverspertten Perspektive streift das Auge der allwissenden Erzählerin über die Fahrt eines adoptionswilligen Paares in ein namenloses Kaff in Russland. Auch hier bleiben die Eingeborenen eine eher an Fauna und Flora erinnernde Erscheinung: Kellnerinnen wachsen an den Wänden des Restaurants wie die Pilze, die Mitarbeiter des Kinderheims tauchen gar nicht erst auf. Als das Paar dann tatsächlich ein Kind im Gepäck hat, erhält das Kind ein angemessenes Etikett: Es bekommt einen neuen Namen.

Judith Hermann ist eine Meisterin im Zuschnitt der Innenauskleidung der jeweiligen Isolierstation ihrer Figuren. Wenn es sich nicht um den Osten handelt, kann das barocke Verzierungen aufnehmen und im Aufeinanderkleben der Einzelheiten die Sinne reizen, bis man sich nach Putzmittel oder Säure sehnt. In der Kritik fällt dabei der Begriff der inneren Schönheit, bezogen auf die Tiefe der Protagonisten. Ich habe Vorbehalte. Mir liegt das Fahrige, Konturlose, Unkomponierte. Ich lasse mich am liebsten treiben, wenn ich lese, je weniger Mitteilung in der Oberfläche der Bedeutungen, desto besser. Wenn mir dann trotzdem etwas auffällt, bin ich glücklich. Wenn jede Spieglung auf den Wellen eines imaginären Gewässers ihren Platz hat und ihren Anteil am Zusammenklang des Ganzen, bin ich ungeduldig, unkonzentriert, empfinde leichte Übelkeit. Wenn ich Judith Hermann lese, denke ich oft an Thomas Mann. Ich weiß nicht, ob ich damit allein bin und auch nicht, ob das wirklich ein Kompliment ist.

Moskau: TEATR DOC und heimlicher Messwein

Unser Garten sieht ein wenig wie eine russische Datscha aus.

Der Wind wütet im unbeschnittenen Pflaumenbaum. Es war ein sonniger Tag, es gab Überfluss: sehr viele Himbeeren, bergeweise Kirschen. Vorstadtkitsch zwischen Kletterrose und Johanneskraut, abgeschirmt von der Autobahn, die hoch hinauf in den grimmigen ostdeutschen Norden führt.

Es gießt. Das ist mein Lieblingswetter. Ich hocke auf dem Klappstuhl und halte die Füße in den Re­gen. Es ist wie eine billige Metapher: Ich werde genauso nass,wie ich es haben möchte. Es ist das Unwetter vor der Tür. Es ist wie der Arbeitsalltag, den wir in den 90ern hatten, als wir in der zer­fallenden CCCP (Union der sozialistischen Sowjetrepubliken) den Hunger und die Kälte der unge­heizten Konzertsäle teilten, den Rückzug der verhassten Staatsmacht und die Auflösung jeder Art von Ordnung. Heute ist das ein ferner Schatten am Horizont. Die Weite der Moskauer Auto­bahn, auf der man an brennenden Lastwagen vorüberfuhr, ohne sich umzusehen. Die Passage durch eine Flughafeninstallation, die weder die Strugatzkis, noch Ian Banks erfunden hatten. Aber am Ende hatte man einen Sitzplatz in einem Flugzeug. Das Flugzeug landete und auf einmal gab es: Badi­schen Weißwein, ButterLindner, italienischen Espresso und diese Schließfächer in der Schau­bühne im Untergeschoss, wo man die Winterjacke lassen konnte, weil der Saal selbstver­ständlich gut geheizt war.

Seit dem 23. Juni gibt es eine neue Anordnung in meinem Kopf. Das Gartenhäuschen hinter dem Pflau­men­baum hat kein Dach. Es regnet in meinen Rechner, die Ameisen wärmen sich am Prozessor. Der nächste Bahnhof besteht aus einer Ruine ohne Gleise. Nachts kommt ein Mann in Jogginghosen und kassiert für irgendwelche Dienste irgendeine Summe in Dollar oder Yen. Wenn man nicht be­zahlt, rücken sie an und zertrampeln das Spielzeug der Kinder. Polizei ist ein Ausdruck aus dem Märchenbuch. Damit meint man die grauen Ungeheuer aus dem Sumpf, die Rehe fressen oder junge Frauen an die Teufel in der Unterwelt vermieten.

Als es in Russland soweit war, gab es in der Science Fiction Literatur eine Richtung, die zwar die Namen der Dinge beibehielt, sie jedoch mit völlig aberwitzigen Beschreibungen verknüpfte. Du liest einen Text und es scheint, als ob du alles kennst: Bäume, Blätter, Frösche Pilze. Die Pilze musst du vor dem Kochen töten. Die Frösche zerstören deine Sehkraft. Die Blätter muss du außer­halb des Hauses wegschließen. Die Bäume solltest du am besten meiden. Wenn sie sich einer Sied­lung nähern, treibt man das Vieh in den Keller und betäubt die Kinder.

https://www.perlentaucher.de/buch/tatjana-tolstaja/kys.html

Heute herrscht in Moskau Ordnung. In den U-Bahnhöfen patrouilliert eine sehr reale, bis an die Zähne bewaffnete Polizei. Wer im Historischen Museum den Wunsch hat, die Ausstellung von Stalins Hofmaler Gerassimow zu besuchen, muss sich in eine Schlange einreihen und die Tasche durchsuchen lassen. Zweifelhafte Subjekte sind aus dem Straßenbild verschwunden. Niemand ver­kauft handgestopfte Strumphosen oder abgelagertes Konfekt auf den großen Plätzen. Einmal habe ich ein paar Trinker gesehen. Sie saßen in einem verfallenen Innenhof vor einer zer­bro­che­nen Riesenskulptur aus der Stalinzeit und verkrochen sich unter den Grashalmen. Keine Spur von grenzenlosem Herumassoziieren vor, während und nach dem Delirium. Kein Wenedikt Jerofejew, eher streunende Hunde von Bulgakow. Und einmal erging es mir selbst wie diesen Hunden: Als ich schlecht ange­zogen in ein Restaurant kam, brachte mir der Kellner die Rechnung vor der Suppe.

Wer heute zwischen 30 und 40 ist, war in der Jelzin-Zeit schon alt genug, um sich jetzt zu erinnern. Er/Sie hat damals eine Berufsentscheidung getroffen, für die man heute entweder geradestehen muss oder über die er/sie ungezwungen lacht, weil es so absurd ist. Warum ist man Schauspielerin geworden? Warum hat man die Chance verpasst und steht heute immer noch in einem Kellertheater auf der Bühne? Was hätte passieren müssen, um doch noch die Kurve zu kriegen und im realen Leben einen realen Platz für einen ansehnlichen Mittelklassewagen zu finden?

Das Kellertheater ist das Moskauer Dokumentartheater Teatr Doc. Es ist ein international bekanntes Theater mit herausragenden Darstellern und einem durchweg spannenden Repertoire. Es befindet sich in einem Moskauer Hinterhof, obwohl es keineswegs dort hingehört. Auch wenn es angnehm ist, über diesen Hinterhof zu schlendern und sympathische Leute zu treffen. Dem Theater mangelt es nicht nur an der Bereitschaft, propagandistische Inhalte zu verbreiten, es beharrt auch darauf, an Ambivalenz und Offenheit festzuhalten. Es sind weniger die schönen, erbaulichen Dinge, die sich in die Erinnerung einschreiben, es ist der Mut, sich selbst ins Gesicht zu sehen, unabhängig davon, was da aus dem Spiegel zurückblickt.

http://www.deutschlandfunk.de/russland-moskauer-dokumentartheater-vor-dem-aus.691.de.html?dram:article_id=300984

http://teatrdoc.ru/events.php?id=126

Sieben Schauspieler erinnern sich an den Lebensabschnitt, als sie dem Theater die Treue brachen und fremdgingen. Wie war das damals, als du als Geldbote überfallen wurdest? Als du dich nicht mehr wehren konntest und hinterher keiner kam, um dich irgendwie zu unterstützen? Ganz im Gegenteil, als sie dir den Rücken kehrten, weil du absurderweise darauf bestehen wolltest, dass die Polizei dazu da ist, dir zu deinem Recht zu verhelfen? Wie war es in der Psychiatrie? Und wie hat es sich angefühlt, als dein Gesicht in Übergröße von jeder Hauswand herabglotzte? Als deine Mutter anrief, weil sie den wirren, immer wieder wechselnden Zusammenhang nicht mehr verstehen konnte? Und vor allem: Warum ist eine solche Performance so gar nicht das, was die Moskauer Stadtregierung für unterstützenswert hält? Warum schickt sie immer wieder die Feuerwehr mit neuen, seltsamen Kontrollideen, statt einer angemessenen öffentlichen Förderung?

Meine Tage in Moskau waren viel zu kurz. In den Abendstunden fand ich mich gut zurecht, das abendliche Moskau vibriert vor Vitalität. Die Straßenbahnen, in denen vermutlich Bulgakow schon herumfuhr, kreischen vor den Brücken in der Kurve. Hier wurde ich selbst zur Darstellerin: Es gibt keinen Fahrkartenautomaten. Wer kein Ticket hat, steht eine halbe Stunde auf der Plattform und wird von allen angestarrt. Zu dumm, zu arm, zu ausländisch um wie ein normaler Fahrgast das elektronische Ticket an den Kartenleser zu halten. Neben mir standen zwei Männer aus Mittelasien.

Dann kam der letzte Tag vor Ostern. Vor den Kirchen standen die Leute wie in den Jelzin-Zeiten in der Schlange nach Brot an. Es war das geweihte Osterbrot. In der Kirche las ein alter, prachtvoll verkleideter Priester die Messe. Voller Würde, mit sehr viel Klugheit: gegen den Hass, gegen den Hochmut, für die Toleranz gegenüber denen, die anders denken. Hinter der Ikonostase blätterte der jugendliche Diakon in der Heiligen Schrift. Ich quetschte mich in die Ecke und sah ihm zu, durch einen Spalt zwischen den Ikonen. Er lächelte, las und schluckte langsam Messwein. Aus einem üppig vergoldeten Kelch. Irgendwo ertönte ein Glöckchen. Wie die Mäuse stürzte sich die Masse der knienden Menschen auf den Priester. Ritual und Theater, Schlangestehen und Verzückung. Und insgesamt ein Gefühl der Leere, des Unverbundenseins mit der Welt, trotz der Millionenstadt. Sollte das vielleicht die Zukunft sein? Riesige, isolierte Gebilde, in denen sich die Mäuse in Kellerräumen sammeln, um sich keinesfalls mit einem anderen Stamm zu mischen?

Vielleicht doch lieber Hundetheater?

Five Easy Pieces /Milo Rau/ IIPM/ CAMPO/ Kritik

http://www.sophiensaele.com/produktionen.php?IDstueck=1502

Draußen verloren die Isländer und ich hockte in den Sophiensälen auf einer Bank und mir war zum Gruseln. Ich fühlte mich ganz allein, die anderen hatten Spaß. Da habe ich an den Höllenhund gedacht, weil der über den Totenfluss schwimmt und dort vielleicht den toten Kindern das Gesicht leckt. Es war ja Kindertheater (für Erwachsene, keine Kinder im Saal, viel zu hart für Kinder). Dann habe ich mich fremdgeschämt. Wie für die Hundefreunde auf meiner Facebook-Seite, die mir sehr peinlich sind. Schließlich hat sich der feiste Mann, der vor mir saß, umgedreht und mir ins Gesicht geatmet, weil meine Wasserflasche explodiert ist. Da hatte ich den Einfall: Warum macht der Milo Rau das alles eigentlich nicht mit Hunden? Fürchtet er sich eher vor den Tierschutzverbänden als vor den Reaktionen derjenigen, die ihm diese Beteuerungen über die verantwortungsvolle psychologische Begleitung am Ende nicht richtig glauben? Ich hätte sicherlich großes Mitleid mit den Hunden. Bei dem Gedanken an die Kinder packt mich jedoch abgrundtiefes Unbehagen.

Aber das ist alles schon gesagt und darüber ist auch schon genug geschrieben worden.

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=12559:five-easy-pieces-beim-kunstenfestival-bruessel-zeigt-milo-rau-ein-stueck-ueber-kindesmisshandlung-und-den-fall-dutroux&catid=443:kunstenfestivaldesarts-bruessel&Itemid=40#rundschau

In einem Kommentar zu einem Kommentar stellt eine Leserin die Frage nach den Eltern der auf der Bühne ausgestellten Kinder. Was hat sie bewogen, der Teilnahme ihrer Tochter/ihres Sohnes an diesem Projekt zuzustimmen? Kann man das nachvollziehen? Ein Junge tanzt auf der Bühne. Er hat Balletterfahrung. In einer Aufführung des Schultheaters bekäme er Applaus. Im normalen Leben erntet er möglicherweise Hohn. In den Sophiensälen bekommt er das seltsam herablassende Gelächter der erwachsenen Zuschauer. Das wäre für mich OK, wenn ich dieses Gelächter erhalten würde. Ich hätte es verdient. Aber ein Achtjähriger, der sein Bestes gibt? Hat er schon ein Gefühl für Ironie? Kann er sich in dieser Situation mit Spaß daran selbst verspotten? (Wir erzählen den Studenten, dass der Sinn für die Ironie erst ab dem 11. Lebensjahr existiert.)

Alle haben den Inhalt nacherzählt: Eine Gruppe von Kindern im Alter zwischen acht und dreizehn Jahren entwickelt eine mehrteilige Performance vor dem Hintergrund der Verbrechen des belgischen Frauen- und Kindermörders Marc Dutroux. (Verbrecher erhalten die Ehre der Berühmtheit, die Opfer werden vergessen. Bei Wikipedia findet man lediglich den Mörder.). Es geht um äußerste Gewalt, um hoffnungslose Einsamkeit, um tiefe, unverschuldete Verzweiflung. Es geht um den Tod und um das Töten. Es geht um Machtausübung, Schweigen, Diktatur. Das Publikum sitzt und glotzt und empfindet brav wie bei Lessing Furcht und Schrecken. Der Schrecken wird mit technisch perfekter Präzision heraufbeschworen wie im Horrorfilm oder wie auf den Seiten der Boulevardpresse. Ohne echten Respekt vor den Opfern. Ohne Zusammenhänge.

Kindgemäß heißt hier herausgelöst aus dem überkomplexen Geflecht aus Versagen, Scheußlichkeit und letztlich glücklicherweise auch Widerstand: Der Weiße Marsch von Brüssel (1996) kommt nicht vor. Es gibt keine Katharsis. Das ist das Programm. Das leuchtet auch ein, wenn sich das Internationale Institut für politisches Morden mit den Ceaușescus oder mit den Moskauer Prozessen befasst. Aber wo genau ist dabei der konzeptionelle Platz der Kinder?

Ist Milo Rau ganz einfach ausgebrannt oder überwältigt vom aktuellen Ansturm der internationalen Katastrophen? In seinem Stück „Mitleid“ verwendet er das Foto der angeschwemmten Kinderleiche aus Bodrum. Im Theatertext vergleicht die blonde, weibliche Personifikation der fehlgeleiteten humanitären Hilfe das Geschrei der massenweise erschossenen Kinder mit dem Lärm auf einem Schulhof. Das ist natürlich nicht als Identifikationsfolie gedacht, das ist die Kritik am Kolonialismus. („Auf einen Arzt kommen zehn Bewacher.“) Hier spricht der Zynismus der kommerziell agierenden Hilfsmafia. Aber ist das wirklich neu? Muss ein totes Kind in diesen Kontext hineingezerrt werden? Muss man darüber spekulieren, ob dessen Vater an seinem Tod die Schuld trägt, weil er sich im Westen neue Zähne kaufen wollte? Oder fällt die Entlarvung auf ihr Original zurück und beginnt damit zu verschmelzen? Wenn die Protagonistin in „Mitleid“ ihrer todgeweihten Freundin ins Gesicht uriniert – ist das Aufklärung oder marktschreierische Vereinnahmung durch eine innerlich sinnlos gewordene Kunst? Ist das vielleicht auch das eigentliche Motiv für den Auftritt der Kinder in Brüssel/Berlin?

Im Pressematerial wird es eigentlich offen zugegeben. Es sollte etwas anderes passieren, als sonst in den Kinderstücken für Erwachsene. Das Referenzstück kommt von Gob Squad. In Belgien gibt es im Erwachsenentheater eine gewisse Tradition in der Arbeit mit Kindern.

http://www.campo.nu/en/artist/724/philippe-quesne

Das wollte Milo Rau so nicht machen. Das waren nicht seine Themen: Zukunftsvisionen, Athentizität, märchenhafte Poesie. Aber was dann? Die Arbeit am nationalen Mythos der Belgier? Die Kinder, die 1996 noch nicht auf der Welt waren als verständnislose Marionetten? Gibt es deshalb die bis in den Kitsch reichenden Anspielungen auf den Marionettentext von Kleist? Der schreibt sinngemäß, dass der Schauspieler aufhört, der Wahrheit zu dienen, wenn er versteht, was er tut. Also Kinder (oder doch lieber Hunde?) als letzter Sicherheitsanker für eine in die Kommerzialisierung abgedriftete Kunst? Und was kommt als nächstes?

https://de.wikisource.org/wiki/Über_das_Marionettentheater

Man sollte sich übrigens nicht täuschen. Hundetheater gibt es bereits bei SIGNA, wenn auch nicht im harten Sinn von ungebrochener Authentizität:

http://www.wienerfestwochen.at/154/?tx_mqprogramm_pi1[eventid]=217&cHash=f940f320c7cd9bccda5bab52b1435177

Hungerleider aus dem Osten müssen sterben

Hungerleider aus dem Osten müssen sterben

Roland Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts (Fischer Verlag 2016)

http://www.fischerverlage.de/buch/an_einem_klaren_eiskalten_januarmorgen_zu_beginn_des_21_jahrhunderts/9783100024701?PTBUCH=BUCH

https://www.perlentaucher.de/buch/roland-schimmelpfennig/an-einem-klaren-eiskalten-januarmorgen-zu-beginn-des-21-jahrhunderts

Es beginnt auf der Autobahn. Das ist die Autobahn, über die jeder von uns schon einmal gefahren ist, und wer früher nach Polen fuhr, kennt auch die schrecklichen, endlosen Staus. Wir sind damals noch viel weiter geradeaus gefahren, immer in den Osten. Bis dann irgendwann in Weißrussland der Schnee die Wegweiser und die Verkehrszeichen auffraß und die Tankstellen, zu rätselhaften, kaum erkennbaren Überlebensstationen wurden. Hier gab es weder Brötchenautomaten, noch Kaffeetassen, hier lagerten in einem betonverkleideten Keller die Fässer mit den Substanzen des Lebens: Wasser, Treibstoff, Bier und noch irgendwas: Samogonas, Dektine, Schnapsas. Unser Ziel war der litauische Wald und dahinter eine litauische Universität. Mit Lesesälen, Hörsälen, mit einer Prüfungsordnung und ganz und gar ohne Geld.

Das war in den 90ern. Die Studenten fuhren damals in den Semesterferien nach Deutschland, um Autos zu verschieben. Die Züge waren zum Brechen voll, weil die Zigaretten in Polen etwas teurer waren als im Baltikum. Der deutsche Zoll durchwühlte hingebungsvoll das Gepäck. Eine lange Aldisalami entsprach im Osten ungefähr dem Tauschwert für ein ukrainisches Klavier. Wer mehr darüber wissen möchte, könnte bei Stasiuk nachlesen. Stasiuk ist dem Osten verfallen wie einer Sucht. Er musste die Dosis steigern, schließlich trieb es ihn bis über den Amur.

https://www.perlentaucher.de/buch/andrzej-stasiuk/der-osten.html

Jetzt gehört der Osten bis zur russischen Grenze zur Europäischen Union. Die Nato schützt ihn mit einer erneuten Aufstockung ihrer Streitkräfte. Wenn man nicht daran glaubt, dass Rüstung und Militärpräsenz dem Frieden dienen, bekommt man Schüttelfrost. Es ist kalt dort hinten, wo der Osten stattfindet. Und wo genau beginnt dieses Territorium der Wölfe und des ewigen Eises?

https://www.freitag.de/autoren/lutz-herden/steinmeier-ungewohnt-laut

Texte funktionieren sehr oft über das Verharren, Warten, das Hin- und Herschleichen entlang einer Grenze, die das Lebendigsein vom Nichtlebendigsein abtrennt. Horrorszenarien beschreiben, wie das Tote die Richtung ändert und zurückkehrt. Wenn ein Wolf die Autobahn überquert und schließlich den Bahngleisen folgt, bis er irgendwo im Prenzlauer Berg herumsteht und kleine Hunde verschlingt, hat sich ein Weltenwanderer aus der angestammten Mythologie in den Alltag der Großstadt verirrt. Er kommt nicht allein. Er schleppt die besoffenen Gespenster ostdeutscher Wendeopfer in seinem räudigen Pelz herum, sie stinken bis heute nach der Schweinegülle aus den volkseigenen Kombinaten für die industrielle Tierproduktion.

Das ist lange vorbei. Aber warum packt Schimmelpfennig im Frühling 2016 ein Buch aus, in dem es um dieses winterliche Geistertheater von vor über zehn Jahren geht? Weint er um die toten Seelen der verendeten Gespenster aus dem Osten? Hat er sie gekannt? Hat er überhaupt irgendjemanden aus dem Osten gekannt? Sein Roman spielt in meiner Straße. Der Ort des Settings ist mein Nachbarhaus. Dort wohnt meine Freundin. Hat Schimmelpfennig in unserer Straße recherchiert? Hat er hier Knochen von eingegrabenen Ostversagern entdeckt, Wolfsgeruch unter den Pflastersteinen identifiziert? Woher kennt er das alte Paar, das in seiner Geschichte die eigene Scheiße im Ofen verbrennt wie die Unterweltgnome in einem tatarischen Märchen?

Ich bin Berlinerin. In dieser Stadt fand meine Kindheit statt. Damals lebten alte Arbeiterfrauen im Prenzlauer Berg, deren Männer sich mit der Gestapo angelegt hatten. Die Keller waren endlose Labyrinthe und verbanden unverbundene Grundstücke. Oben glichen die Höfe den Rückständen Babylons oder großen, abgeschirmten Parks. Großfamilien von Katzen feierten den Frühling. Hier sind wir der Stasi davongelaufen und trafen sie dann überraschenderweise zu Hause im eigenen Bett. Hier haben wir auf den Dächern gesessen und auf den Wolf gewartet. Aber er kam nicht. Er hat gewartet, bis der Prenzlauer Berg nicht mehr der Prenzlauer Berg ist. Oder etwas Neues unter dem gleichen Namen. Meine russischen Freunde sagen, dass es ihnen gut gefällt. In Moskau gibt es jetzt ähnliche Ecken: Man fühlt sich wohl, man spaziert entspannt zwischen den Kaffeehausgästen hindurch.

Aber warum schleppt Schimmelpfennig die ostdeutschen Zombies in diese schwäbisch-westdeutsche Sonntagswelt, wo die Kinder lachen und die Kirchenglocken das Gefühl von westlicher Kulturheimat stabilisieren? Fühlt er sich bedroht? Er ist der meistgespielte Theaterautor Deutschlands. Er stammt aus Göttingen, aber er hat auch schon früher über den Prenzlauer Berg geschrieben, er kann jeden Straßenzug benennen, kennt die Hauseingänge und die Treppenhäuser, weiß sehr viel über die Farben und über die Gerüche. Allerdings ging es bei ihm auch früher bereits um Tote, die verendet waren, ohne es selbst auch nur zu registrieren.

Wovor hat Schimmelpfennig Furcht? Oder ist er im Gegenteil der Ansicht, dass ich mich fürchten sollte, weil vieles dafür spricht, dass ich in Wirklichkeit ebenfalls aus dem Land der Untoten stamme? Weil ich im Osten geboren bin, durch den Osten gereist bin, dort gearbeitet habe und immer noch im Osten feststecke? Die einzige Person in seinem Roman, die von etwas mehr als von einer instinktiven Herumschleicherei dominiert ist, stammt aus dem Westen. Es ist ein alternder, übergewichtiger Künstler. Er ist absolut unsympathisch, aber außer ihm hat niemand irgendeine Art von echtem Motiv oder auch nur den matten Abglanz einer Seele. Gruselt sich Schimmelpfennig vor ausgehungerten Geisterwölfen aus dem Osten? Beschäftigt er sich deshalb in seinem Roman so intensiv damit, sie umzubringen? Warum gruselt er sich, wenn er an den Prenzlauer Berg denkt, den er doch besser kennt, als irgendjemand sonst?

Wodka-Käfer von Anne Jelena Schulte

Recherchetheater am DT

Sie krabbeln nicht aus der Wodkaflasche, wohl aber in die Manteltasche und unter den Teppich – Braune Pelzkäfer alias Smirnoff

Wodka-.Käfer, das klingt tatsächlich cool. Natürlich ein wenig ekelhaft, aber in erster Linie so ähnlich wie Trinkerklub, und so ein Trinkerklub ist wie die echten, ostdeutschen Schrippen offensichtlich ein Merkmal des ausgestorbenen, irgendwann einmal in die Mythen eingewanderten Prenzlauer Berges. Das, was es damals gab: Schrippen, Trinkerklub, Wodka.

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/trinkerclubs-und-echte-schrippen-in-prenzlauer-berg-23785764

Tatsächlich hat ein Wodka-Käfer nicht besonders viel mit einem nächtlichen Besäufnis auf dem fliederbestandenen Hinterhof in der ehemaligen Zone zu tun. Diejenigen, die damals auf dem aufgesprungenen Beton herumlagen, sind inzwischen entweder tot oder wandern als unverbesserliche Alkoholiker die Stargarder Straße auf und ab oder sie leben gut getarnt ein ganz normales Leben inmitten der hippen Neubevölkerung und freuen sich über die vielen, tollen Spielplätze, auf denen natürlich auch die Nachkommen der Ureinwohner klettern lernen und Sand auf fremde Mütter schmeißen. (Ja, ja: Es gibt uns wirklich. Wir sind immer noch hier. Wir sind hier aufgewachsen und schon unsere Urgroßeltern haben hier gewohnt. Aber wir geben uns nach Möglichkeit wie zugewanderte Schwaben. Auch wenn es mit der Sprache ein wenig hapert.)

Wodka-Käfer heißen Wodka-Käfer, weil der Biologieprofessor, der sie entdeckt hat, den Familiennnamen Smirnoff trug. „Attagenus smirnovi“,so heißt er wirklich oder „Brauner Pelzkäfer“,was eigentlich noch ekelhafter klingt als Wodka-Käfer. Und das war es auch, unaussprechlich, unüberwindlich ekelhaft, wenn im alten, von der Zonenwohnungsverwaltung beherrschten Prenzlauer Berg ein einsamer Mensch verendete und in der eigenen Leichenbrühe versank. Wenn man aus Wohnungsnot durch die Treppenflure zog und illegal Türen öffnete, weil das vielleicht eine freie, nicht registrierte Bruchbude war, bekam man so etwas zu sehen. Unvergesslich, für alle Zeiten.

https://de.wikipedia.org/wiki/Brauner_Pelzkäfer

Damals,in den 80ern, lief Irina Liebman durch den Hausflur und klingelte an den Türen, um für ihr Buch „Berliner Mietshaus“ zu recherchieren. Die Idee, das heute zu wiederholen, ist definitiv genial. Es gab/gibt ähnlich Projekte. 2011 besuchte Stephanie Quitterer ihre unbekannten Nachbarn und bot ihnen Kaffee und Kuchen im Tausch gegen Geschichten an, daraus entstand ein spannender Blog. Ethnologie im Umfeld der täglichen Laufpfade, schon als Projekt beeindruckend. Die Ergebnisse sind absolut lesenswert.

https://hausbesuchwins.wordpress.com/

http://www.prenzlauerberg-nachrichten.de/alltag/_/hausbesuchwins-17509.html

Bei Anne Jelena Schulte erfährt man nicht wirklich, was passiert ist, als sie vor der Tür stand. Offensichtlich hat sie Interviews geführt, dann hat sie diese Interviews verdichtet. So nennt man das, wenn aus dem Material literarischer Text gekocht wird, wie bei der Pflaumenmarmelade, die ja naturgemäß ebenfalls dicker ist als Pflaumensaft und aus dem Glas heraus leuchtet, weil die Farbe ein wenig grell ist. Ich habe den Text nicht gelesen, ich schreibe hier über die Aufführung im Deutschen Theater. Bei begründetem Interesse ist er zugänglich:

http://www.theatertexte.de/nav/2/2/3/werk?verlag_id=drei_masken_verlag&wid=o_1836252143

Das, was ich im Deutschen Theater gesehen habe, war im tiefsten, sehr enttäuschenden Sinne redundant. Vielleicht könnte man sich noch an der Figur des alten Kammerjägers festhalten, der irgendwie dafür sorgt, dass das Ganze nicht auseinander fällt. Aber ich habe weder irgendetwas auch nur ansatzweise Neues erfahren, noch gab es diese leichte Verschiebung, die beim Übergang in das künstlerische Modell einen neuen Reiz setzt und das Altbekannte in einen neuen Horizont verpflanzt. Freiberufler sind Freiberufler und prekär und zum Teil verrückt. Spießer sind Spießer. Wer seine Socken auf der Leine nach Farben sortiert, hat einen Dachschaden. Wer immer noch glaubt, dass das, was er da in einem StartUp täglich tut, irgendeine Rolle spielt, hat nichts kapiert. Großartig. Das habe ich so wirklich vorher schon gehört, siehe Trinkerklub im Prenzlauer Berg. Sicherlich haben sie ihr mehr erzählt. Es ist irgendwo versickert.

http://www.prenzlauerberg-nachrichten.de/kultur/_/hauser-bleiben-menschen-gehen-172032.html

Ich habe mich schrecklich gelangweilt. Ich bin rausgegangen. Der einzige interessante Moment entstand, als der Kammerjäger auf meinen Abgang reagierte. Ich habe Michael Gerber schon immer für seine grandiose Arbeit als Schauspieler bewundert. An diesem Abend hat er mich zum ersten Mal angesprochen, vor allen Leuten. Das ist etwas für mein Tagebuch.

Auf dem Nachhauseweg habe ich überlegt, wie es mir gefallen hätte, wenn ich mein „Material“ in diesem Stück wiedergefunden hätte. Wenn ich eine Theaterjournalistin in meine Wohn- und Arbeitsinstallation gelassen hätte. Ich liebe Spinnen, sie überwintern auf meinem Schreibtisch und in meiner Waschmaschine. Wahrscheinlich hätten sie einen Bühnenauftritt gewonnen, wenn sie nicht dem Zwang zum Klischee zum Opfer gefallen wären. Wie hätte ich mich gefühlt? Darf ein Theaterstück seine Informanten denunzieren? Darf es sie dem satten Publikum des Staatstheaters zum Abnagen überlassen? Ich denke, das darf es nicht.

Meine Einschätzung des Theaterabends deckt sich nicht unbedingt mit dem Urteil anderer, andere Leute haben auch Spaß und Zugewinn erlebt:

https://www.freitag.de/autoren/kulturblog/klingeln-im-prenzlauer-berg-wodka-kaefer

http://postmondaen.net/2016/03/03/wodka-kaefer-im-deutschen-theater/

Und Anna Jelena Schulte wird zu den interessanten Autorinnen des zeitgenössischen/zeitgemäßen Recherchetheaters gerechnet. Ruth Feindel und Tobias Rausch erwähnen sie in ihrem sehr aufschlussreichen Artikel über das Recherchetheater als Gattung, der es möglicherweise tatsächlich gelingt, etwas von der Welt zu erfassen. Es gehört sich einfach, dass ich das mit hinschreibe, auch wenn ich es so nicht teile:

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=11982:recherchetheater-theatermacher-tobias-rausch-und-dramaturgin-ruth-feindel-portraetieren-eine-realistische-kunstform-auf-der-hoehe-unserer-zeit&catid=101:debatte&itemid=84

Blumenwiese mit Falltür

„Album“/ Fortsetzung von „The Past“

Constanze Macras/Dorky Park

http://www.dorkypark.org/site/

http://www.hellerau.org/

Man braucht eine Weile, bis man da ist. Dresden, das waren früher die Heiden, die Liutizen, die mit den Tempeln für die Menschenopfer. Der Weg nach Hellerau führt durch den Wald, die Straßenbahn ächzt in den Kurven. Wer zu früh kommt, hat ein Problem: Rechts stehn Bäume, links stehn Bäume. In der Mitte Spießers Lebenstraum und Gartenzäune. Man kann ein paar Nudeln essen, sonst nichts. Ein ganz erstaunlicher Ort für experimentelles, zeitgenössisches Theater.

Irgendwann fing es an und es war nicht besonders langweilig. Goldpapier an der Wand, Geborgenheit in einer Gruppe. Sehr schnell vergaß ich, dass es auf endlose fünf Stunden ausgelegt war, was mir normalerweise das Gefühl beschert, dass man mich im Theater einsperrt. Aber nein, die Türen gingen auf und zu. Erst etwas unwillig herumlatschend, aber nach und nach immer routinierter wanderte der Zug der Zuschauer Gruppe für Gruppe aus einer Lokalität in die nächste. Die Darsteller blieben drin und machten erneut ihr Ding. Wieder und wieder, wie sie das ausgehalten haben, kann ich eigentlich nicht verstehen.

Im Rückblick war das folgerichtig. Der Erinnerungsraum ist kein von uns selbst tapeziertes Zimmer, das wir ausleuchten, wie es gerade passt. Der Erinnerungsraum ist ein Labyrinth aus idiotisch angeordneten Gängen. Man kann sich wirklich freuen, wenn man am Ende an der Straßenbahnhaltestelle ankommt und nicht irgendwo im Keller oder in der Kanalisation, abgestürzt durch eine verborgene Tür unter der Blumenwiese.

Blumenwiese: Das war der Augenblick, als es bei mir umschlug. Vorher war ich wohlwollend unbeteiligt, interessiert, befallen von einer leichten Peinlichkeit, fast wie fremdschämen. Da kommt ihr hochprofessionellen Darsteller einer der interessantesten Companies dieses Landes daher und hebt das Hemd und zieht die Hose runter und lasst uns daran riechen, wie sich euer echtes Leben angefühlt hat, als gerade nichts im Lot war. Und das sollen wir euch glauben? Oder doch nicht glauben? Und worum geht es eigentlich – darum, aus welchen Katastrophen das innere Reservoir besteht, aus dem dieses Theater herausfließt, das dann noch tagelang durch den eigenen Gefühls- und Wahrnehmungshaushalt spukt?

Blumenwiese, das war kein Garten, das war ein Friedhof. Tiere, die ich noch nie gesehen habe, graben sich in den Boden ein, bis sie die Hochsicherheitszonen der Erinnerung erreichen. Echte Erde fliegt herum, brauner Pelz wird schmutzig. Die Blumen wanken ein bisschen, aber sie leuchten unbeirrt. Unverfälscht wie die Fotos, die es zu sehen gibt. Ganz nette und gar nicht nette und alle sind eingebettet in Geschichten, die niemand öffentlich preisgibt, es sei denn, er will sich selbst verletzen: Wie die Familie über den Tänzer lacht, der den Tanz studiert und dabei den Kontakt zu dem Straßenkörper einbüßt, der ihn überhaupt erst zum Tanz gebracht hat. Das realistisch sinnlose Gerede, das sich um Entenlächeln und Selfies dreht und plötzlich in einem Solo explodiert. Das ist dieselbe Person in einem anderen Universum. Die Albträume der anderen in meinem Kopf. Die Reise mit der Mutter, ein endloser Streit am Meer. Der Lampenschirm, der sich wie eine Garrotte um den Hals legt. Der todkranke Vater, dem man als letzte Liebeshandlung verspricht, sich gemeinsam zu besaufen.

Manche halten sich zurück. Manche überdehnen jede Grenze. Im Augenblick geht es fast überall im Theater um Politik, und wenn man Grenze sagt, dann meint man die Grenzverhaue dort im Süden, wo der Wahnsinn herrscht, den wir Gott sei Dank nur von Fotos kennen. „Album“ lebt ebenfalls von Fotos, von Fotos, die unsichtbare Grenzen gleichzeitig markieren und verbergen. Da, auf dem Bild, das Baby: Das war der Moment, als mein Vater davor zurückwich, dass ich sein Sohn bin. Da auf dem Foto, diese riesige Familie: Das ist mein Vater in ihren Armen und das bin ich. Ich war dort nur ein einziges Mal in meinem Leben. Und wie gefalle ich euch auf diesem Foto? Mit diesem Gesicht bekommt man Komplimente für einen Film, in dem man niemals gespielt hat.

Warum machen sie das? Warum machen sie kein politisches Theater wie alle anderen? In Moskau gibt es ein Stück, das ähnlich vorgeht. Die Frage ist, wie die Schauspieler aus ihrem Leben in dieses Theater kamen, das sich unbelehrbar gegen den Wind der patriotischen Erneuerung in Russland stellt. Ich würde es gern sehen und ich werde demnächst zwei Stücke an diesem Haus sehen und hier davon berichten. Dort in Moskau ist privates, auf der Zivilgesellschaft beharrendes Theater auf paradoxe Weise selbst politisch. Und hier? Ist es hier auch schon so weit gekommen?

http://www.teatrdoc.ru/

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=10416&catid=126&Itemid=100089

Im übrigen hatte ich vorher ein wenig Panik: Dresden, Fakefrauenkirche, starker August, ausgebombte Innenstadt. Pegidisten. Tatsächlich war es ganz nett. Die sahen alle normal aus und waren freundlich, obwohl natürlich viele von ihnen Sächsisch reden. Sehr hilfsbereit. Keine Pegidisten, die waren gerade irgendwo anders unterwegs. Sehr viel Polizei, aber nicht meinetwegen und nicht wegen des Theaters und auch nicht wegen der Pegidisten, sondern wegen der Fußballkriege, die die Stadt erschüttern. So ein Glück!

Untot

Nachhaltige Verstörung
The Returned (Les revenants)
Regie: Robin Campillo (Frankreich 2004)
http://www.imdb.com/title/tt0378661/

Es ist Sommer. Die Einwohner der Stadt baden im nahegelegenen See. Es ist eine helle Zeit, eine Zeit der leichten Farben. Daran ändert sich nichts, als die Toten zurückkehren und niemand weiß, was sie dazu veranlasst. Sie bewegen sich in einer ruhigen, geordneten Formation über die breite Hauptstraße der kleinen Stadt. Man kann sie aufsammeln und in Busse setzen. Irgendwo steht eine Turnhalle, die aussieht, wie die Turnhallen in deutschen Städten: Stahlbetten, gerade ausgerichtet, funktionelle Bettwäsche, kein Platz für ein Minimum an Privatheit.

Die Toten ticken anders als die Menschen. Sind es Menschen? Niemand hat die geringste Ahnung, wie es dort war, woher sie kommen. Sie haben seltsame Angewohnheiten. Stundenlang klopfen sie gegen eine Wand, klettern über Mauern, sind nachtaktiv wie die Fledermäuse. Obwohl sie sich Mühe geben, zerstören sie das Gleichgewicht in den Familien. Eltern treiben durch den Abgrund der Verzweiflung, weil das zurückgekehrte Kind unerreichbar vor ihnen steht, auf die Tür einschlägt und niemals spricht. Die zurückgekehrte Oma lobt in freundlichem Ton die Enkelkinder, aber ganz offensichtlich sind sie ihr vollkommen egal. Der Geliebte umarmt seine Freundin. Aber ist er das wirklich selbst?

Keine Ahnung, warum es diese DVD gerade jetzt gibt, zwölf Jahre nachdem der Film in die Kinos kam und Preise gewonnen hat. Es ist vielleicht der passende Moment: Untote wandern aus ihrem eingezäunten Ghetto aus. Sie spazieren durch Parkanlagen, die ihnen in normalen Zeiten keineswegs offenstehen. Man trifft sie im engagierten Bürgertheater (Schaubühne Berlin: „Fear“) und in einem dicken, routiniert verrückten Roman aus der russischen Experimentierfabrik (Victor Jerojejew: „Die Akimuden“). Es passt, es passt absolut. Das, was in unserer Wirklichkeit passiert, ist nicht von dieser Welt. Die Stimmen, die sich dazu äußern, sind der Widerhall des Untoten, des Nichtlebendigen. Man kann nicht einmal sagen, des noch nie Dagewesenen, denn es war alles schon einmal da, genauer gesagt, viele Male. Es war schon da und es kommt immer wieder.

http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/fear.html
https://www.perlentaucher.de/buch/viktor-jerofejew/die-akimuden.html

Bei „Fear“ sind es wahrhaftige Zombies, die uns Angst einjagen, mit SS-Stiefeln und ohne. Da kann man sich wenigstens noch einreden, dass man weiß, was genau die Panik auslöst. Das Bildge­dächt­nis, ein unbestimmter, abstoßender Geruch. Bei Jerofejew ziehen die Toten wieder in die Zimmer ein, in denen sie früher ihr Wesen trieben. Man muss sich an sie gewöhnen, sie sitzen ungezwungen am Früh­stückstisch, sie fahren mit der Metro. Es gibt keinen Grund, darauf zu hoffen, dass sie wieder verschwinden. Sie haben das demokratische Recht, das Leben mitzubestimmen. Eigentlich ist es ihnen komplett egal. Auch ohne Recht tauchen sie ihren Messinglöffel in unseren Milch­kaffee. Zu ihrer Zeit gab es keine Rechte. Angesichts ihrer bloßen Präsenz verfault unser Alltag zu einem strukturlosen Schlamm aus permanenter Bedrohung. Ohne Angst, ohne Sicherheit, ohne Unter­schei-dung zwischen „Das da kann ich sehen, das verstehe ich.“ und „Das da kommt direkt aus dem unterirdischen Vorratsspeicher des Wahnsinns.“