Schubot/Gradinger: Yew

Beifuß rauchen – bis der Alltag mit dem Nebel fortzieht: Kritik

 

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/spielplan/2018-01/angela-schubot-jared-gradinger-yew/3648/

Wie wäre das, wenn wir Bäume wären und keine Menschen? Könnten wir friedlich oben über dem Rosengarten mit den Blättern rauschen, bis nach etwa 700 Jahren der Wind die Erlaubnis bekäme, uns sanft in den Schlamm zu schieben? Dann würden die Eichhörnchen ihren roten Schwanz wie einen Besen in die Höhe halten und Späne und Staub aus der Luft auf den Waldboden fegen, wo von irgendwelchen Rosenblüten schon längst jede Spur ausgewaschen und gelöscht wäre. Es bliebe die Familie der Pflanzen: Birke, Beifuß, Brennnessel, Eibe. Die Welt ohne uns, das leere Raunen des Wetters.

Vielleicht. 1967 schrieb Renate Rasp einen Roman, in dem die Eltern versuchen, den Sohn zu umzuerziehen, bis er ein Baum ist. Das war eher schrecklich. Ich habe nächtelang davon geträumt. Sie haben ihn ausgezogen und eingepflanzt, Wind und Regen sollten den Rest besorgen. Und es hat nicht einmal funktioniert: Am Ende hängt ein willenloser Fettkloß in einem Sessel, keine Natur, aber auch keine Menschlichkeit.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46196255.html

Von Berbeli Wanning gibt es einen klugen Essay zu diesem Text:

http://www.komparatistik-online.de/index.php/komparatistik_online/article/view/162/122

Schubot/Gradinger benennen ihr Stück nach dem ältesten Nadelbaum Europas. Die Eibe, das Relikt aus der Eiszeit, steht in der Landschaft und um sie herum wächst und vergeht das verschiedenartige Grünzeug aus den unterschiedlichsten Jahrhunderten und Jahrtausenden. Ich habe das nicht gewusst. Während der Vorstellung habe ich mir einen großen, Schatten spendenden Baum gedacht, nicht dieses lebensgefährlich giftige Nadelgehölz mit seinen knallroten Beeren. Die Eibe, der Totenbaum der Kelten, symbolisiert in der Mythologie den Wahrnehmungsverlust für Grenzen und den Übergang in die Anderwelt. Das passt eher zu einem Ethnobotaniker wie Wolf Dieter Storl und weniger zum Erwartungshorizont des zeitgenössischen Theaters.

https://archive.org/stream/WolfDieterStorlPflanzenDerKeltenATVerlagDeutschDINA5/Wolf-Dieter Storl_Pflanzen der Kelten_AT-Verlag_deutsch_DIN A5_djvu.txt

Gesehen habe ich sowohl den Baum aus meiner Phantasie als auch den Giftbaum, der unsere Wahrnehmungsfähigkeit verschiebt. Elisabeth Nehring charakterisiert die Arbeiten von Schubot/Gradinger auf den Seiten des Goethe Instituts als Experimente mit der Entgrenzung des Körpers. Es geht um den Versuch des Unmöglichen, um eine Bilderreihe aus einer nahezu biologischen Entwicklungssequenz.

http://www.goethe.de/kue/tut/cho/cho/sz/gra/deindex.htm

Es war wie in einem Park, wenn man nur noch die Wolken sieht und die Zeit beginnt, sich auszudehnen. Wie sieht man in einem abgeschlossenen Theaterstudio die Bewegungsmuster des Himmels? Darin bestand die Magie des Abends. Keinerlei Dekoration, ein paar Lautsprecher. Das Publikum füllt den Raum und verteilt sich wie die Gehölze in einem Wald. Einige treffen die Entscheidung, lieber ein Tier zu sein. Die Pflanzen verzweigen sich,kriechen über den Boden, wachsen. Die Tiere lauern. Die Performer entwickeln sich in ihrer gegenseitigen Verklammerung zu einem vagabundierenden, bipolaren Gebüsch. Mal macht es halt, dann rollt es weiter. Es lehnt sich an fremde Stämme, lagert im Schatten fremder Blätter. Es erstaunt mich selbst, wie gelassen ich dieser Art von Annäherung entgegensah. Es war tatsächlich wie im Wald: ohne dramatische Spannung, aber dennoch absolut intensiv. „Sehr atmosphärisch und auch angenehm, das Alles.“ Um es mit den Worten eines anderen Bloggers (Andre Sokolowski) zusammenzufassen.

https://www.freitag.de/autoren/andre-sokolowski/yew-von-angela-schubot-jared-gradinger

Und dann war da noch der Beifuß. Das habe ich vorher nicht einmal geahnt. Dieses Straßenkraut, das auch in der Großstadt den Rinnstein bewohnt wie Tauben, Stadtratten und wir selbst, gehört zu interessantesten Pflanzen, über die unsere traditionelle Pflanzenmedizin verfügt. Man kann es in die Badewanne schütten, man kann die Linsensuppe damit würzen, man kann es rauchen. Wahrscheinlich genügt es schon, sich nach dem Regen darin zu wälzen und die unerträgliche Last der hundertfach vermittelten Existenz zwischen den Pflastersteinen zu zerreiben.

http://magischepflanzen.de/beifuss/

Und was passiert? Man entwickelt Stücke wie dieses „Yew“ (Eibe). Sehr empfehlenswert, in jeder Hinsicht.

Showcase Beat Le Mot im HAU Blasphemie in der Zeitmaschine

http://www.showcasebeatlemot.de/de/ueber-das-stueck_32.html

Wenn ich es für Geld machen würde, wäre ich verloren. Es gäbe nichts zu essen, kein Brot, kein Fleisch, keinen Wein. Es fehlt das Blut. Blut gäbe es auch nicht, höchstens Taubenblut oder Fischblut, wenn man so etwas selbst aus dem Wasser ziehen könnte. Vor vier Tagen habe ich im HAU (aus Versehen) zum zweiten Mal das Stück über die Nazi-Supermenschen von Showcase gesehen und seitdem läuft bei mir im Hintergrund ein äußerst seltsamer Film ab. Keine Ahnung, wie man dieses Netz aus Irrsinn und Spielerei zusammenfassen könnte. Zeitmaschine, Quantenschaum, Alfred Hitler, Caesar und der völkische Gruß. Naziunsinn in sauberem Latein. Und nicht zu vergessen, dass sie die Ursuppe mit Bärlauch kontaminiert haben,was mir eigentlich fast jede Scheußlichkeit erklärt, die gegenwärtig so vorfällt. Die einzige Irritation wäre die Ungereimtheit, dass dies alles in einem Paralleluniversum stattfinden soll, wo es doch so gut zu unserem eigenen Abfallhaufen passt.

Die erste Stunde der Performance verfliegt bei leichten Magenkrämpfen unter Lachanfällen. Doch dann wird es plötzlich ernst: Der Herr erscheint und trägt sein Kreuz. Das Abendmahl gibt es auch: leuchtend blaues Plastik für die Hostie und zahlreiche Flaschen Blut. In meiner näheren Umgebung beginnen einige Zuschauer damit, sich volllaufen zu lassen. Unter diesem Aspekt ist die Performance kaum mit einer anderen Gelegenheit vergleichbar: Niemand sieht dir ins Gesicht, Jesus autorisiert das Geschehen, kostenloser Rotwein. Dazu eine genial dekonstruktive Publikumsverarsche, zum Wandern in weit entfernte Welten sehr geeignet. Für meinen Geschmack eine Winzigkeit zu viel an Nebel, aber noch im Rahmen.

Sehr gelungene Visualisierungen der hundertfach gehörten, gelesenen und im Kino gesehenen Monstrositäten von gekrümmter Raumzeit, Wurmlöchern, Fehlern im Baukastensystem des Egos bei Fehllandungen im falschen Kontext. Alles zerwabert im Schaum. Die Raumanzüge sind genau so abgeranzt und zerfleddert, dass man an die ganz großen Namen des Genres denkt, ohne den üblichen Würgereiz, ganz sanft und achtsam. Die brutale Version der harten Science Fiction würde zu lange dauern: Röhrenknochen verwesen niemals, Endzeit, Moleküle vereinigen sich nach dem Zeitsprung zu sonstwas, aber niemals zum ursprünglichen,von Gott in der Prädestination gesegneten Ich.

Es ist Zeit für den Leerlauf eingeplant (siehe sich betrinken), Langeweile als mit dem Ticket gekaufter Luxus. Sehr akzeptabel, bei mir wanderten die Gedanken in das Mercien des achten Jahrhunderts. Das liegt an der BBC-Serie „The Last Kingdom“ nach Bernard Cornwell, da gibt es auch den Wechsel von Nebel, Bärlauch und Blumenwiesen. Und viele untote Königinnen, so ähnlich wie zum Beispiel Kleopatra. Das alles hat mir sehr gefallen. Ich würde ohne jede Ironie auch ein drittes Mal reingehen. Mir gefällt es, wenn die Struktur vorgeführt wird. Hier passiert es in einer intelligenten Art und Weise, bei der man auch noch vor sich hin grinst. Das fühlt sich gut an.

Was mir immer noch irgendwie Probleme macht, ist die Sache mit der Blasphemie. Und jetzt kommt das, was ich eigentlich nicht aufschreiben kann, weil ich für meine eigenen Gedanken kein Konzept habe. Ärgert es mich, wenn in einer ganz und gar akzeptablen Performance Jesus die Kreuze schleppt, weil er Probe hängen muss? (Mit Monthy Python hatte ich keine Probleme.) Was ist da in meinem Kopf los? Ich bin im harten Sinne ungläubig, ich halte die kanonischen Evangelien für das, was sie sind: eine der Macht des spätantiken Kaisertums angepasste Konstruktion. Für das, was übrig blieb, als eine vielstimmige Diskussion der Zentralmacht geopfert wurde. Oder doch nicht? Wenn die Kirche seit mindestens 1700 Jahren die Anmaßung besitzt, das Narrativ von Opfer und Verweigerung zu steuern, so gibt es doch ebenso lange – oder eigentlich sogar noch länger – das Gegennarrativ, das als ewiger Sand im Getriebe der Wahrheit knirscht. Das alles finde ich verwirrend. Es löst sich nicht, wenn ich über eine Blasphemie lachen kann. Es ist seinerseits ein wenig wie das Saufen: Es tut gut, aber später ist der Anlass immer noch der gleiche, auch wenn die Flasche inzwischen leer im Fluss schwimmt.

Volksbühne Berlin:„The show must go on“ Theaterkritik

Fotografieren während der Vorstellung nicht erlaubt

https://www.volksbuehne.berlin/de/programm/32/the-show-must-go-on

Der Start ist das Fotografierverbot. Pünktlich: in beiden Sprachen, in Deutsch und Englisch. Wie im Kino, wenn man Hollywoodfilme anschaut. Dann beginnt es zu knirschen und verweigert den Fortgang. Der große Saal der Volksbühne wird mit Popmusik geflutet (Oder war es Musical? Die Reihenfolge habe ich nicht behalten.) Es bleibt dunkel. Man ist der grässlichen Musik ausgeliefert, wie bei einer Ouvertüre von Henry Purcell, nur dass es nicht Purcell ist. Dieser Anfang sorgte bei mir für Verspannung. Gerade hatte ich das falsche Buch gelesen. Dort stirbt ein Schauspieler auf der Bühne. Es ist grandios erzählter Gesellschaftskitsch, so detailgetreu und gefühlvoll, dass es sich in die eigene Wahrnehmung einschleicht.

https://www.piper.de/buecher/das-licht-der-letzten-tage-isbn-978-3-492-06022-6

Ich habe mir Sorgen gemacht. Ich habe gedacht, etwas ist nicht in Ordnung. Fast hätte ich eine Nachricht geschrieben: Seid ihr alle gesund? Ist bei euch da hinten alles gut? Doch glücklicherweise war es nur das Konzept. Das dritte Musikstück brachte schließlich die Akteure auf die Bühne.

Es gibt einen ganz speziellen Kunstschick. Ich habe keine Ahnung, wie lange es dauert, bis man das wirklich kann, aber wenn man es einmal beherrscht, dann hält es vermutlich lebenslang. Jérôme Bel sagt im Interview, dass in seinem Konzept die Menschen unten die gleichen sind, wie die Akteure oben auf der Bühne. Tatsächlich hatte ich nicht den Eindruck, dass unten im Saal zahlreiche Oberärztinnen oder Krankenpfleger saßen. Oben herrschte das gleiche Bild: Jeder sah anders aus. So individuell wie sie alle waren, gab es jedoch ganz sicher keine Straßenbahnfahrer oder Mathematiklehrerinnen. (Später zeigte der Blick ins Programmheft, dass einer tatsächlich Arzt ist. Das Haus hat einen Theaterarzt. Ich finde es großartig und wusste gar nicht, dass es so etwas gibt.) Auf der Bühne spielen die Leute für ein Publikum, das ihnen sowohl ästhetisch, als auch statistisch in etwa gleicht. In Berlin ist das der gewöhnliche Zustand. Etwas anderes erlebt man vielleicht in der Deutschen Oper und ganz sicher im Friedrichstadtpalast. Aber dort gehe ich selten hin.

Das Stück versteht sich als Konzeptkunst. Es geht um das gegenseitige Sehen. Die alte Theaterdefinition von Peter Brook (Wenn einer auf dem Stuhl sitzt und ein anderer zusieht, dann ist das Theater.) wird aufgelöst, hinterfragt, umgekehrt – was auch immer. Es geht um die Abwanderung des Theaters aus den kulturellen Räumen des Rituals. Da oben agiert keine Priesterschaft, es gibt keine Einweihungszeremonie für die Akteure und keinen Schutz im Halbdunkel der Anonymität für die, die der Prozedur beiwohnen. Zitiert werden Cage und Wilson, die Revolutionäre der Vergangenheit, die heute selbst Versatzstücke für die Regale der großen Supermärkte beisteuern müssen. Kunstrevolten verlaufen in Wellen und das allerkonservativste Zeug kann eines schönen Tages plötzlich der Träger von Innovation sein.

„The Show must go on“ entstand in den Nullerjahren. Zu diesem Zeitpunkt waren die Prinzipien von Wilson bereits am Ural angekommen. Ich habe eine Adaption seiner Arbeit in Ufa gesehen. Und an dieser Stelle beginn für mich das Unbehagen: Der Abend war entspannend und unterhaltsam. Es war Silvester, gerade der richtige Spaß für den Einstieg in so eine Nacht. Früher haben sie in der Volksbühne zu Silvester die Abläufe etwas durcheinander gebracht, auf der Bühne (und vermutlich auch hinter der Bühne) getrunken, das Theater als das gezeigt, was es auch ist: ein Job für hochqualifizierte Leute, die an besonderen Tagen nicht ganz so genau wie eine Marspilotin funktionieren müssen, das Schiff aber ohne Zweifel auffangen können, wenn es zeitweise auf Abwegen unterwegs ist. Da ich anfangs dachte, ich sei in einem improvisationsgestützten Stück, hat mich die Starrheit der unspezifischen Abläufe etwas erstaunt. Aber dennoch: Es gab Spaß. Es gab Gelächter. Manchmal war es schräg und überschritt die Grenze der Denunziation, was für Profis in Ordnung ist, bei Laien empfinde ich so etwas als Übergriff durch die Regie. Aber im Widerspruch zu der vorgeschalteten Information im Fernsehen standen ziemlich viele Profis auf der Bühne.

Mein Unbehagen begann bei der anschließenden Recherche. Ich wusste nicht, dass es sich um eine Franchise-Produktion handelt, mit einer gewissen Parallele zu Riverdance oder „König der Löwen“. Nun ist das der Performanceszene nicht grundsätzlich fremd, Rimini Protokoll lassen ihre Ideen ebenfalls in nahezu endlosen Wiederholungsschleifen laufen. Und manche wirklich großartigen Formate wie „X-Wohnen“ leben geradezu von dem Spiel zwischen Vorgabe und individueller, abweichender Verwirklichung. Wenn man sich die Videos zu Jérôme Bel im Netz anschaut, dann mangelt es gerade hier: Wie reizvoll wäre es doch, die Unterschiede zwischen Wien, Warschau, Madrid zu erleben. Dazu lässt die Produktion zu wenig Raum. Die offensichtlich als „Flagschiff“ intendierte Sequenz, bei der die Akteure (ihre individuell gewählte?) Musik, die ihnen über Kopfhörer eingespielt wird, durch eigenen Gesang unterbrechen, gleicht sich in der Aufstellung und in den Abfolgen unabhängig davon, wo das Ganze produziert ist.

Bel sagt nicht ohne Zufriedenheit, dass er das Stück allein schrieb und die Musik von ihm gewählt ist. Die Wiederaufführung ist dann eher trivial. Es handelt sich nicht um ein Reenactment mit einer forschenden Dimension. Wie bei den großen kommerziellen Wanderproduktionen kann ein Stab von Assistenten hier neue Darsteller rekrutieren und sie in ihre Aufgaben einweisen. Ich möchte da ehrlich gesagt niemals dabei sein. Aber es war doch ein wenig schmerzvoll, so etwas gerade im Haus der Volksbühne zu erleben. Hier hat sich der Geschmack oft gesträubt, das Geschehen oben auf der Bühne zu akzeptieren. Ob das nun in der grauen Vorzeit Karge war, der als Hamlet auf der Degenspitze herumlungerte und einfach nicht zum Schluss kam, oder Castorf mit seiner genialen Publikumsquälerei, es hatte etwas, und wenn man durchhielt, hatte man hinterher irgendwie mitgearbeitet und war auf dem nächtlichen Weg nach Hause sogar stolz.

Davon ist überhaupt gar nichts geblieben. Ich habe mir die ganze Zeit gesagt, dass die Dinge im Fluss bleiben müssen und dass es normal ist, wenn ein Haus sein Gesicht verändert. Niemand lebt Jahrzehnte lang in derselben Stadt. Niemand geht Jahrzehnte lang in dasselbe Theater. Man braucht Neugier, sonst stagniert es. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Meiner Neugier wurde an diesem Abend nichts geboten und selbst das, was vielleicht ganz nett war, erwies sich im Nachhinein als Nummer in einer Serie, in der ich mich nun auch selbst als Zuschauerin wiederfinde.

Proton Theater: Winterreise (Kritik)

Kein Eingang: Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten

Hebbel am Ufer Dezember 2017

https://protontheatre.hu/performance/winterreise

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/spielplan/kornel-mundruczo-winterreise/

Irgendwo dort in Ungarn steht ein abgeschabtes Haus in der Nähe der Autobahn. Vor einigen Monaten oder inzwischen vielleicht sogar Jahren schliefen da junge und alte Männer auf durchgelegenen Matratzen unter einem niedrigen, nahezu erdrückenden Dach. Zwischen ihnen lebte eine alte Frau. Sie war die einzige Frau, deren Bild im Kunstprojekt auftaucht. Wir sehen, wie sie unendlich müde, und doch ebenso unendlich weit von jeder erlösenden Entspannung entfernt auf einem Kopfkissen liegt. Sie trägt ihr Kopftuch wie einen Schal, der sie wenigstens etwas schützen könnte. Wenn es denn noch Schutz gibt auf diesem letzten Wegstück, das ihr bevorsteht.

http://www.mousonturm.de/web/de/veranstaltung/die-andere-winterreise

So gern wüsste ich mehr über diese Frau. Das ist das Manko an dieser sonst sehr starken Performace – oder vielleicht besser Aufführung, denn es ist mehr als ein weiterer Mosaikstein im Gesamtkunstwerk des nichttheatralischen Theaters – diejenigen, um die es geht, bleiben in der Namenlosigkeit verloren. Wir sehen ihre Körper, wir sehen Ausschnitte ihres Lebens unter dem hyperrealistischen Brennglas der wirklich ausgezeichneten Videosequenzen, doch es fehlt die Zuordnung zu ihrer individuellen Persönlichkeit. Es gibt keinen Rollenzettel und keinen Abspann, der sie als Unterstützer festhält. Es leuchtet mir ein, wenn ich es als Element des Gesamtkonzeptes begreife. Aber es zerstört die Balance. Gesang, Regie und Musiker haben einen Namen. Die, um die es geht, verschwimmen zu den anonymen Trägern eines erst durch die Kunst in die Sichtbarkeit gebrachten Materials.

Wenn ich damit beginne, dann liegt es an meinem Wunsch nach der Teilhabe an dem perfekten Kunstwerk. Das, was ich gestern gesehen habe, kommt einem solchen Ereignis in meiner Wahrnehmung sehr, sehr nahe. Eigentlich würde es mir niemals einfallen, mich in einen Konzertsaal zu setzen und dort die „Winterreise“ von Schubert anzuhören. In der Produktion des Proton Theaters hat sich jedoch diese Musik (1827) und mit ihr der Text von Müller (1826) auf ganz unerwartete Art erschlossen. Tatsächlich gibt es im Werk von Schubert immer wieder einen Bezug zu Ungarn. Somit ist es folgerichtig, den Durchzug der von der Flucht in die Heimatlosigkeit getriebenen „Reisenden“ an der „Winterreise“ zu spiegeln und künstlerisch zu verdichten. Es entsteht ein Energietransfer, ein geradezu unglaublicher Lichtbogen der Bedeutung. Die ohnehin schwer zu ertragenden Bilder der Wanderungsströme fallen in Müllers Texten einer Vereinfachung anheim, die sie letztlich verständlicher macht, als jede analytische Erklärung.

http://www.gopera.com/winterreise/songs/cycle.mv

Die Musik von Schubert unterwandert die konstruierte Sinnumgebung der einfachen Bilder, eine Nervosität breitet sich aus, die jenseits des rationalen Zugangs auch am nächsten Tag und wahrscheinlich auch noch in der nächsten Woche weiterbesteht und die Anmaßung besitzt, von der Alltagsroutine Besitz zu ergreifen: Weihnachtsirrsinn, Straßenbahnen, Krähenschwärme, der eigene Kühlschrank. Was, wenn es uns allen über Nacht genommen wäre? Was, wenn wir irgendwo auf der Autobahn im ungarischen Niemandsland unsere Kinder an den Kilometerzählern vorüber schleppen müssten? Das fremde Dorf in der Nacht zu durchqueren ist gefährlich („Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten“), schlimmer ist jedoch, welchen Schmerz es hervorbringt: Nicht dazuzugehören, niemals einzukehren, zu wissen, dass es weder Rückkehr, noch Ankunft geben kann. Und bei aller Bitterkeit und Wut über die Anordnung der Wirklichkeit, die hinter einem solchen Absturz in die Katastrophe steht, bildet sich ein hauchdünner, farbenfroher Film von Ironie. Die Verfremdung durch den Bruch an der frühromantischen Musik wirkt wie die schwache Polarisierung, mit der eine Käferpopulation einen Leuchtstrom hervorbringt: sichtbar in der Finsternis, nicht nur für das eigene Auge oder für die Augen der mitgewanderten Verwandten.

So großartig das Konzept ist, war es doch vor allem ein Abend der Akteure. János Szemenyei agiert vor der durchgesessenen, abgehäuteten Leiche eines Kunsledersofas in einem persönlichen Reenactment die Stationen durch, an denen das Ich des Wanderers jeweils eine weitere Schicht der Schutzhülle der eigenen Identität verliert. Es wird alles abgenommen und ausgemessen. Es gibt einen einzigen Moment, da eine zweite Person auf der Bühne steht: Der Polizist, dem der Wanderer während der erkennungsdienstlichen Erfassung ausgeliefert ist. Wenn Szemenyei dennoch nie allein bleibt – auch das ist Realität der Flucht – dann liegt das am Fluss der Bilder im Hintergrund. Das namenlose Ensemble der Bewohner des Flüchtlingslagers agiert minutiös die Einzelsequenzen der täglichen Existenz aus: Fitness, Essen, Sprachunterricht (als tödliches Spiel der Galgenmännchen), Verzweiflung, Kraftlosigkeit, Schlafen. Die Videosequenzen sind genial. Die Spannung zwischen der nicht gewährten Ankunft und der besinnungslosen Routine der Eingesessenen, die sich ihrerseits bei jeder Annäherung verflüchtigen und den Kontakt verweigern, findet ein lächerliches, in der Trivialität erschütterndes Bild im Verhalten der schwarzen Katzen. Die Katzen leben in diesem Lager. Wenn die Lagerkinder den Versuch unternehmen, mit ihnen zu spielen, verschwinden sie im Dschungel des Mülls. Nur mit großer Mühe kann man sie einkreisen und unter einer verrosteten Badewanne in Augenschein nehmen. Die Kinder starren sie an. Auf der Bühne ersäuft der Sänger einen Plastikkater im Klo. Das erscheint als akzeptable Konsequenz.

Selten habe ich das Gefühl, dass das, was ich hier aufschreibe, so ganz und gar unangemessen bleibt, denn es ist hoffnungslos flach. Ich meine das als uneingeschränktes Kompliment. Es gab einen Moment, den konnte ich kaum ertragen: Aus der Verzweiflung heraus die Geste des Fingers an der eigenen Schläfe, der Finger ein Pistolenlauf, die Faust der Abzug. Das auf der Videowand von allen mitagierenden Männern nachgestellt: Jedes einzelne Gesicht, jede einzelne Art, die Fassung zu verlieren oder eben doch bis zum letzten Moment zu halten. Und sich damit einem unbekannten Publikum zu stellen, zu dem es im Moment dieser Offenbarung nicht den geringsten Kontakt gibt.

Marta Górnicka: Hymne an die Liebe – Kritik

Chor der Inklusion Zusammenstehen gegen unsichtbare Gegner

Warum sprechen Menschen im Chor? Meine Verunsicherung ist maßlos.Warum sprechen viele Menschen die gleichen Worte in der gleichen Situation? Gibt es überhaupt eine gleiche Situation für mehrere Personen, die gleichzeitig anwesend sind und äußerlich das Gleiche tun? Ist der elfjährige Junge tatsächlich durch den Chor mit der Frau verbunden, die seine Großmutter sein könnte oder möglicherweise sogar ist?

Ich denke an die Kirche. Jeder betet für sich, aber alle gemeinsam. Ich denke an die Aufmärsche meiner Kindheit. Aber das war kein Sprechen, das war Geschrei. Ich erinnere mich an das Gefühl: Ich schreie mit aller Kraft, aber niemand hört mich. Meine Stimme ist irgendwo in der Tiefe des allgemeinen Brummens und schon damals suchte mich die fatale Idee heim, dass ein Massenaufmarsch mit Geschrei Einfluss auf das Wetter haben könnte und den Insekten das Fliegen schwer macht. Immerhin geht es um Wellen und Interferenz.

Marta Górnicka versammelt in ihren Projekten sehr unterschiedliche Menschen und inszeniert mit diesen von Diversität geprägten Gruppen ein Format, das vielleicht mit Sprechkonzert am besten beschrieben ist. Handlung fehlt, es gibt jedoch zunehmende und abflachende Kurven im Energiefluss der Performance und hin und wieder einen Moment der Individualität, der Augenblick der Abweichung, an den man sich später erinnert. Marta Górnicka arbeitet mit den Elementen von Rhythmus und Musik. Sie verfügt über eine exzellente Ausbildung, weiß sicher sehr genau, was sie tut. In ihrer künstlerischen Biografie ist Robert Wilson erwähnt, das macht manches besser verständlich. Es gibt so etwas wie eine Choreografie, aber das ist eher rudimentär, man könnte es auch als Hin- und Herschieben von Geräuscherzeugern bezeichnen.

http://www.gorki.de/de/ensemble/marta-gornicka

http://www.martagornicka.com/Gornicka/HOME.html

Wenn man liest, was sie macht, ist das Konzept von beeindruckender Klarheit. Sie inszeniert den Chor der Frauen. Sie inszeniert mit Frauen aus Israel und aus Palästina. Sie versammelt Bürger ihres Landes, unabhängig von deren gesellschaftlichem Hintergrund. Professionelle Darsteller arbeiten mit Laien auf Augenhöhe. Gelebte Inklusion: Behinderung hindert nicht mehr an der gleichberechtigten Präsenz auf der Bühne. Das Material entstammt dem Alltag der Akteure und spiegelt ihre jeweilige Verortung in dieser Welt, in der wir wohnen.

http://www.kulturtransfer.eu/index.php?option=com_content&view=article&id=143:marta-gornicka-ein-gespraech&catid=3:theater&Itemid=4

Ich bin ausschließlich auf positive Reaktionen gestoßen, auf überschwängliches Lob. Überall: von der Kulturseite des polnischen Außenministeriums (unter dem Motto „Faithful the Republic of Poland“) bis hin zu Theaterkritik und linker Presse.

http://www.msz.gov.pl/en/foreign_policy/public_diplomacy/news_hpage/the_year_of_the_polish_theatre_launches_in_israel?channel=www

http://www.theaterderzeit.de/2017/03/34822/

https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=11544:m-other-courage&catid=228:staatstheater-braunschweig

Und doch fühle ich mich selbst wie die Tapete in diesem Saal: Alle sprechen, aber ich kann nicht und will nicht, weil es nicht meine Natur ist. Ich empfinde das Sprechen im Chor als gewalttätige Aktion. Als Auslöschung von Differenz, als Verdichtung von Zigarettenkippen und Gebüsch zu einer festen grauen Masse, gut geeignet, um Schienen darauf festzuschrauben. Wenn das auf der Straße passieren würde, während die Leute vorübergehen oder vielleicht auf einem Bahnhof, hätte es für mich möglicherweise noch einen nachvollziehbaren Sinn. Es wäre dann der Schutz der Masse, der Mut gibt. Und dieser Mut wäre nötig, denn die Welt draußen vor der Tür enthält tatsächlich Fanatiker, Nazis, stille Nazis, besorgte Wahrer der Tradition und was weiß ich noch alles an monströser Realität. Aber so? In einem gut geheizten Theatersaal vor gut sortiertem Publikum? Das brav auf der Treppe steht, bis es endlich zum Zuhören eingelassen wird und dann ohne zu murren zuhört?

Oder habe ich es vielleicht überhaupt nicht verstanden? Waren die Leute dort vorne auf der Bühne vielleicht wirklich gemischt und zum Teil vielleicht gar nicht besonders reserviert gegenüber dem ganzen Glaubens- und Nationalmüll, den sie von sich gaben? Haben sie das vielleicht ernst gemeint mit der Rückgewinnung des Landes und dem Wunsch, den Flüchtlingen den Weg zu weisen – egal wohin, Hauptsache raus? Dann hätte ich aufstehen und meinerseits herumschreien müssen und auf der Bühne vorne für Chaos sorgen. Aber das war das Gorki. Niemand kam auf so eine abwegige Idee. Fünfzig Minuten sitzen, hören, sich der Vergewisserung vergewissern, dass die anderen einen schrecklichen Dachschaden haben und demnächst den neuen Weltenbrand anzünden werden. Und vor allem, dass sie nicht dabei sind. Sprechen im Chor über das, was nicht da ist. Was draußen herumschleicht und nicht einmal weiß, dass es mit den eigenen Worten vorgeführt wird. Mich macht das unendlich müde. Nichts bewegt sich. Es ist laut, aber es könnte auch völlig stumm sein. Ein Unterschied existiert nicht. Es ist ein wenig wie auf einer Party: Alle hören die gleiche Musik. Aber es macht nicht lustig und man wird im allerbesten Fall betrunken. Bei „Fear“ von Falk Richter war das anders. Draußen im Bundesland ist es ebenfalls anders.

http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/fear.html

http://www.textblog.berlin/

Mon Chi Chi im Weltall: Ersan Mondtag in Hamburg

Weltall – Da ist alles schwarz und rundherum leuchten die Sterne.

Zum letzten Mal: Schere, Faust, Papier in Hamburg

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/schere-faust-papier/

Oder haben geleuchtet oder haben als Supernova gestrahlt oder sind bereits zusammengefallen. Außerdem gibt es schwarze Löcher, aus denen nichts herauskommt, vor allem keine Information. Wie es sich so im Allgemeinen mit der Zeit verhält, ist nicht recht verständlich. Jedenfalls geht es nicht sauber linear zu. Man kann sich also vorstellen, „Wolfenstein“ zu spielen, mit Nazis (Version 1) oder ohne Nazis (Version 2). Oder „Schere, Faust, Papier“. Mit Nuklearbomben oder ohne.

http://www.deutschlandfunkkultur.de/aus-den-feuilletons-anti-nazi-ballerspiel-ohne-shoa.1059.de.html?dram:article_id=400578

http://www.taz.de/!5453466/

Auf die Zeit bezogen schreibe ich rückwärts linear. Wie man es sonst für Premieren tut, bin ich für eine letzte Vorstellung aus Berlin nach Hamburg gefahren. „Schere, Faust, Papier“ von Michel Decar hatte vor etwa einem Jahr in der Inszenierung von Ersan Mondtag Premiere und verschwindet nun zumindest vorerst vom Spielplan. Mich hat es damals nicht besonders interessiert, weil ich damit beschäftigt war, möglichst viele Performancekünstler anzusehen, bis es mir letztlich aus den Ohren herauskam. Die Hamburger müssen nicht wirklich weinen, gerade hatte eine weitere Regiearbeit von Ersan Mondtag Premiere und sorgt jetzt für kontroverse Kritik und laute Diskussionen unter Theaterbesuchern, auch wenn sie ihre Zeit eigentlich in einem anderen Stück verbringen (Jelinek oder Ersan Mondtag: Man muss mindestens eins von beiden furchtbar finden, sonst ist man schizophren). Zumindest das ist etwas, was ich schon sehr lange nicht erlebt habe.

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/die-orestie/

https://www.abendblatt.de/kultur-live/article212282559/Ich-kann-mit-Freizeit-nicht-umgehen.html

Auch damals waren die Urteile sehr unterschiedlich. Es geht um so etwas wie eine Beta Version der Weltgeschichte: nicht ganz der volle Funktionsumfang, abgespecktes Handlungsspektrum, eingeschränkte Tiefe der Simulation. Darum ging es dann auch in der Kritik. Ob so eine Suppe aus Höhlengleichnis, Steinzeit und Atomschlag ein nichtssagender Mist ist oder eine begnadete Kompilation. Und was die Nazis in dieser Suppe machen, denn die schwimmen auch mit zwischen den anderen Nudeln und Karotten. Und warum das alles im Trichter spielt. Aus dem es physikalisch gesehen bekanntlich über den Abfluss direkt weitergeht in die Kanalisation.

http://www.deutschlandfunkkultur.de/schere-faust-papier-in-hamburg-mit-den-pantoffeltierchen-in.1013.de.html?dram:article_id=374302

https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=13436:schere-stein-papier-ersan-mondtags-urauffuehrung-des-stuecks-von-michel-decar-am-thalia-theater-hamburg&catid=38:die-nachtkritik-k&Itemid=40

https://www.freitag.de/autoren/stefan-bock/schere-faust-papier

Mir war das eigentlich komplett egal. Es gab einen Text, ja, und der wurde zum Teil meisterhaft vorgetragen. Das ist nun einmal der Unterschied zwischen einer Performance und professionellem Theater. Manchmal kam es mir so vor, als ob da blaue Flauschfiguren die Diktion von Corneille und Racine entfalten. Das war uneingeschränkt genial, unabhängig vom Inhalt. Den Inhalt habe ich mehr oder weniger vergessen. Es gab da ein paar Anker, die der Erinnerung wert sind. Dass sich die Mon Chi Chis ihrer Sorglosigkeit vergewissern, wenn es wieder einmal von außen „kratzt“, was wohl bedeutet, dass irgendein ungenannter Gegner Atombomben wirft. „Sollen sie ruhig schmeißen“, das war wie im Film oder wie im Spiel. Und das Geschnatter zum Menschenopfer, das hat mir gefallen. Und eigentlich hat mir auch gefallen, dass es alles in Unsinn mündet, zum Beispiel in einen grotesken Umzug, wenn es Zeit für ein neues Reset ist oder ein spaßiges übereinander Stapeln und Sex Imitieren oder einfach nur das viele, pausenlos Herumhüpfen. Dazu gehört dann auch, dass ein Mitarbeiter das leuchtende Ausgangsschild für den Fluchtweg mit dem Besen zuhält, wenn sich die Bühne verdunkelt. Besen und Handarbeit zur Vervollkommnung der Apokalypse.

Es gibt ein paar Übergänge in das Reich der ernsthaften Dystrophie. Margaret Atwood hat für ihren Alptraum „MaddAddam“ so etwas ähnliches wie Mondtags Bühnenwesen erfunden, nur wesentlich schräger und verrückter und vor allem konsequenter. Da steckt eine abgrundtiefe Nachdenklichkeit über die Natur von Intelligenz und biologischer Trägersubstanz dahinter, wer sich darauf einlässt, bekommt schlaflose, schlimme Nächte. Oder der „Zeitnager“ (und andere Arbeiten) des Videokünstlers und Spieledesigners Ondrej Svadlena. Hier trägt das Mischwesen aus Biologie und Programmcode eine altmodische Schultasche durch die Abgründe der Zeit, genial gemacht, ernsthafter, gar nicht lustiger Horror über das, was ist und das, was sein wird.

http://cinema.arte.tv/de/artikel/der-zeitnager-von-ondrej-svadlena

https://vimeo.com/80706397

Damit kann man eigentlich kaum konkurrieren, man kann auch nicht darüber lachen. Aber wenn man es mit einer Schicht von reinem, klassischen Theater überzieht, dann entsteht eine sehenswerte, ungewöhnliche Kreation.

Showcace Beat Le Mot: Gefühle. Kritik.

Es heißt „Gefühle“. Gesehen habe ich die Schöpfung und ihr Ende und eine Art Eiskrem aus Kitsch, aber salzig. Es hängt immer noch in der Luft.

Sogar nach zwei Tagen hält sich ein Hauch der seltsamen Melancholie, die wie ein feiner Sprühregen Dächer, Blätterhaufen, Fahrzeuge und Touristen zum Glänzen brachte, als ich in der aufgeregten, weihnachtsbescheuerten Stadt in das Verdauungssystem der BVG abtauchte und mich in das Material verwandelte, das ein Verkehrssystem im Untergrund hin und herschiebt.

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/spielplan/showcase-gefuehle-grosser-saal/2962/

http://www.showcasebeatlemot.de/

Mehr als jedem Begleittext habe ich den eignen Augen getraut. Zunächst wie immer ein wenig verärgert, wenn Mitmachtheater über mich hereinbricht, dann aber immer mehr davon fasziniert, wie der Fluss der Bewegung der hin und her schwimmenden Zuschauergruppen eine Collage aus Dingen, Darstellern, irrsinnigen Kostümen und exzentrischer Mode im Publikum heraufbeschwört wie ein eigenwilliger Akt der Schöpfung, der sich kaputtlacht, während er schon die Nachfolgestufe unserer Evolution ins Auge fasst. Es war tatsächlich gleichzeitig langweilig, kitschig, subversiv und so noch nie gesehen. Und auf eine träge und doch keineswegs unbeteiligte Weise hat es Spaß gemacht: Früchte sehen, Früchte stehlen, Früchte essen. Früchte verdauen und Gedankenblasen oder Gaswölkchen in den Teppich der etwas grausamen, gnadenlos unerfreulichen Musik hineinmischen, wie in einen Soundtrack, der erst in einer stockenden Wiedergabe interessant wird.

Wenn man das, was passiert, zusammenfasst, ist man nach wenigen Sätzen fertig. Es gibt ein Video von der Schöpfung. Die Schöpfung erfolgt an der Orgel: mehr oder weniger selbstherrlich drängeln sich über und untereinander herumkriechende Demiurgen an der Tastatur des Inputs, heraus kommt elektronischer Orgeltonbrei und der Übergang zur Phase zwei: Aneignung durch Zubereitung, Fressen und Verdauung. Es gibt einen langen, prächtig hergerichteten Tisch voller Alkohol und Früchte: griechisches Symposium, niederländisches Stilleben mit eigenwilliger Fixierung auf Verwesung und Verfall, Game of Thrones: das Festmahl vor dem Schlachten. Die Performer betätigen sich als alchimistische Arrangeure. Sekt sprudelt in einem riesigen Kolben, Mischkrater von Substanzen und Gefühlen, Suppe, die Äpfel, Birnen Trauben in schwimmenden Molekülsalat verwandelt. Es war lustig zu registrieren, dass jeder der Glücklichen, die einen Plastikbecher der Schöpfungsbrühe in die Hand bekamen, zunächst die Nase hineinhielt und es möglichst auch noch von Freunden beschnüffeln ließ, ehe man den ersten Schluck nahm.

Dann krochen sie in den Darm. Der Darm war wie jeder Darm zu eng, es buckelte und blähte. Es gab einige Kinder im Saal, die wären gern mitgekrochen, so drückten sie von oben dagegen, die kleinen Helfer der Verdauung. Für die Kinder war es ein toller Abend. Dafür liebt man Showcase, für den Respekt für den Spaß der Kinder. Dann weiß ich es gar nicht mehr so genau. Mein Zwang zu verstehen und zu registrieren hatte sich verabschiedet. Ich ließ mich treiben. Dinge fanden ihre Form. Kleine Blitze führten ein Ballett auf. Ein Haufen Dinosaurieknochen entfaltete sich zu einer fliegenden Giraffe. Es war schön.

Schließlich gab es auch noch einen Abschluss. Der Abschluss erklärte, dass unser Leben keineswegs schön ist, sondern graubraun und starr (the Turd after the Show of beautiful Fruits). Das kennt man von Brecht und Wilson: Genuss im Theater ist ein Symptom für abgestorbene Kunst, intellektuelle Bewertung ist das Leben. Das hätte ich eigentlich nicht gebraucht. Eingetütete Tänzer rutschen über eine starre Matrix, bitte erkennen Sie die Bedeutung: Das Ende ist braun, auch wenn der Apfel am Morgen rotgolden strahlt. Harte Konzeptkunst tickt so. Aber man konnte es ignorieren. Die eigenen Gedanken überschwemmten die Didaktik. Und tatsächlich auch: Gefühle.

Grün überwachsener Drahtzaun

Kritik zu Judith Hermann: Lettipark

Blätter, Regentropfen, Beeren. Es gibt keinen Grund, ein Loch in den Zaun zu schneiden.

http://www.fischerverlage.de/buch/lettipark/9783100024930

https://www.perlentaucher.de/buch/judith-hermann/lettipark.html

Wenn sich einer draußen herumtreibt, geht es nur noch darum, wie er ohne Amputation zurückkommt.Ein Mann und eine Frau erreichen Odessa. Sie kommen mit dem Zug, es spielt eine wesentliche Rolle, ob sie während der Fahrt schlafen konnten oder nicht oder ob sie nur vorgeben, schlaflos im Käfig des Zugabteils den Transport zu überstehen. Das Abteil und der Zug sind mit den Signaturen des Ostens versehen: verschlissener Gobellin, Stapel aus harten Kissen, übergroße Riegel aus Zucker. Draußen unbekannte Landschaft, was denn sonst.

http://www.deutschlandfunk.de/ukraine-odessa-in-der-identitaetskrise.1242.de.html?dram:article_id=346933

Odessa ist eine unsichtbare Stadt. Dunkelheit herrscht auf Straßen und Höfen, kein Geruch nach Meer, keine Signaturen von Isaak Babel, keine Straßenbahnen, ein Ort der Leere. Um hier zu übernachten, wählt das Paar aus einer Reihe aufgestellter Omas diejenige alte Frau aus, von der sie glauben, dass ihr die Verwandtschaft mit Baba Yaga zumindest nicht auf die Stirn gedruckt ist. Es ist natürlich ein Irrtum. Die Oma schleppt sie in ein abscheuliches Barackenlager, bewohnt von Schimmel, Dreck und Prostituierten. Die Oberaufsicht liegt in den Händen einer unappetitlichen Puffmutter. Der einzige Ausweg ist die Flucht. Irgendwie entsteht ein Moment unausweichlicher Verzweiflung. Der Mann möchte das Meer erkunden, die Frau verschließt sich auf dem Bahnhof in einem privaten magischen Kreis.

Ich habe es gestern gekauft und in der unaufgeräumten Küche durchgelesen. Jetzt schicke ich es meiner Freundin, wir schicken uns die Bücher von Judith Hermann, hin und her, wir reden ein wenig über die Texte, dann schicken wir sie wieder auf die Reise. Diese Bücher sind ruhelose Objekte, wie die Figuren, die über ihre Seiten schwimmen: selten friedlich unter einem Baum und noch seltener wirklich unterwegs. Wohin auch immer sie gelangen, wenn es sie über die Oberfläche irgendeines Raumes treibt, sie schaffen es nie ans Ufer und ihr Blick verharrt wie in einem U-Boot auf den Innenwänden des immer erneut reproduzierten Designs einer bürgerlichen Küche.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/neuer-erzaehlband-von-judith-hermann-dieses-kreiseln-um-belangloses-geht-leicht-auf-die-nerven-1.3010404

Judith Hermann hat ein unerschöpfliches Reservoir an Vornamen für die Spaltprodukte der postdemokratischen Persönlichkeit. Ich frage mich, wo sie sich hier bedient. Oder arbeitet sie wie Ernst Jandl mit einem Zufallsgenerator? Wenn ich ihre Romane lese, gelingt es mir, mich daran zu gewöhnen. Bei Kurzgeschichten strengt es an. Einmal wird die Namensvergabe selbst zum Gegenstand. In einer typisch eingeengten, drahtzaunverspertten Perspektive streift das Auge der allwissenden Erzählerin über die Fahrt eines adoptionswilligen Paares in ein namenloses Kaff in Russland. Auch hier bleiben die Eingeborenen eine eher an Fauna und Flora erinnernde Erscheinung: Kellnerinnen wachsen an den Wänden des Restaurants wie die Pilze, die Mitarbeiter des Kinderheims tauchen gar nicht erst auf. Als das Paar dann tatsächlich ein Kind im Gepäck hat, erhält das Kind ein angemessenes Etikett: Es bekommt einen neuen Namen.

Judith Hermann ist eine Meisterin im Zuschnitt der Innenauskleidung der jeweiligen Isolierstation ihrer Figuren. Wenn es sich nicht um den Osten handelt, kann das barocke Verzierungen aufnehmen und im Aufeinanderkleben der Einzelheiten die Sinne reizen, bis man sich nach Putzmittel oder Säure sehnt. In der Kritik fällt dabei der Begriff der inneren Schönheit, bezogen auf die Tiefe der Protagonisten. Ich habe Vorbehalte. Mir liegt das Fahrige, Konturlose, Unkomponierte. Ich lasse mich am liebsten treiben, wenn ich lese, je weniger Mitteilung in der Oberfläche der Bedeutungen, desto besser. Wenn mir dann trotzdem etwas auffällt, bin ich glücklich. Wenn jede Spieglung auf den Wellen eines imaginären Gewässers ihren Platz hat und ihren Anteil am Zusammenklang des Ganzen, bin ich ungeduldig, unkonzentriert, empfinde leichte Übelkeit. Wenn ich Judith Hermann lese, denke ich oft an Thomas Mann. Ich weiß nicht, ob ich damit allein bin und auch nicht, ob das wirklich ein Kompliment ist.

Moskau: TEATR DOC und heimlicher Messwein

Unser Garten sieht ein wenig wie eine russische Datscha aus.

Der Wind wütet im unbeschnittenen Pflaumenbaum. Es war ein sonniger Tag, es gab Überfluss: sehr viele Himbeeren, bergeweise Kirschen. Vorstadtkitsch zwischen Kletterrose und Johanneskraut, abgeschirmt von der Autobahn, die hoch hinauf in den grimmigen ostdeutschen Norden führt.

Es gießt. Das ist mein Lieblingswetter. Ich hocke auf dem Klappstuhl und halte die Füße in den Re­gen. Es ist wie eine billige Metapher: Ich werde genauso nass,wie ich es haben möchte. Es ist das Unwetter vor der Tür. Es ist wie der Arbeitsalltag, den wir in den 90ern hatten, als wir in der zer­fallenden CCCP (Union der sozialistischen Sowjetrepubliken) den Hunger und die Kälte der unge­heizten Konzertsäle teilten, den Rückzug der verhassten Staatsmacht und die Auflösung jeder Art von Ordnung. Heute ist das ein ferner Schatten am Horizont. Die Weite der Moskauer Auto­bahn, auf der man an brennenden Lastwagen vorüberfuhr, ohne sich umzusehen. Die Passage durch eine Flughafeninstallation, die weder die Strugatzkis, noch Ian Banks erfunden hatten. Aber am Ende hatte man einen Sitzplatz in einem Flugzeug. Das Flugzeug landete und auf einmal gab es: Badi­schen Weißwein, ButterLindner, italienischen Espresso und diese Schließfächer in der Schau­bühne im Untergeschoss, wo man die Winterjacke lassen konnte, weil der Saal selbstver­ständlich gut geheizt war.

Seit dem 23. Juni gibt es eine neue Anordnung in meinem Kopf. Das Gartenhäuschen hinter dem Pflau­men­baum hat kein Dach. Es regnet in meinen Rechner, die Ameisen wärmen sich am Prozessor. Der nächste Bahnhof besteht aus einer Ruine ohne Gleise. Nachts kommt ein Mann in Jogginghosen und kassiert für irgendwelche Dienste irgendeine Summe in Dollar oder Yen. Wenn man nicht be­zahlt, rücken sie an und zertrampeln das Spielzeug der Kinder. Polizei ist ein Ausdruck aus dem Märchenbuch. Damit meint man die grauen Ungeheuer aus dem Sumpf, die Rehe fressen oder junge Frauen an die Teufel in der Unterwelt vermieten.

Als es in Russland soweit war, gab es in der Science Fiction Literatur eine Richtung, die zwar die Namen der Dinge beibehielt, sie jedoch mit völlig aberwitzigen Beschreibungen verknüpfte. Du liest einen Text und es scheint, als ob du alles kennst: Bäume, Blätter, Frösche Pilze. Die Pilze musst du vor dem Kochen töten. Die Frösche zerstören deine Sehkraft. Die Blätter muss du außer­halb des Hauses wegschließen. Die Bäume solltest du am besten meiden. Wenn sie sich einer Sied­lung nähern, treibt man das Vieh in den Keller und betäubt die Kinder.

https://www.perlentaucher.de/buch/tatjana-tolstaja/kys.html

Heute herrscht in Moskau Ordnung. In den U-Bahnhöfen patrouilliert eine sehr reale, bis an die Zähne bewaffnete Polizei. Wer im Historischen Museum den Wunsch hat, die Ausstellung von Stalins Hofmaler Gerassimow zu besuchen, muss sich in eine Schlange einreihen und die Tasche durchsuchen lassen. Zweifelhafte Subjekte sind aus dem Straßenbild verschwunden. Niemand ver­kauft handgestopfte Strumphosen oder abgelagertes Konfekt auf den großen Plätzen. Einmal habe ich ein paar Trinker gesehen. Sie saßen in einem verfallenen Innenhof vor einer zer­bro­che­nen Riesenskulptur aus der Stalinzeit und verkrochen sich unter den Grashalmen. Keine Spur von grenzenlosem Herumassoziieren vor, während und nach dem Delirium. Kein Wenedikt Jerofejew, eher streunende Hunde von Bulgakow. Und einmal erging es mir selbst wie diesen Hunden: Als ich schlecht ange­zogen in ein Restaurant kam, brachte mir der Kellner die Rechnung vor der Suppe.

Wer heute zwischen 30 und 40 ist, war in der Jelzin-Zeit schon alt genug, um sich jetzt zu erinnern. Er/Sie hat damals eine Berufsentscheidung getroffen, für die man heute entweder geradestehen muss oder über die er/sie ungezwungen lacht, weil es so absurd ist. Warum ist man Schauspielerin geworden? Warum hat man die Chance verpasst und steht heute immer noch in einem Kellertheater auf der Bühne? Was hätte passieren müssen, um doch noch die Kurve zu kriegen und im realen Leben einen realen Platz für einen ansehnlichen Mittelklassewagen zu finden?

Das Kellertheater ist das Moskauer Dokumentartheater Teatr Doc. Es ist ein international bekanntes Theater mit herausragenden Darstellern und einem durchweg spannenden Repertoire. Es befindet sich in einem Moskauer Hinterhof, obwohl es keineswegs dort hingehört. Auch wenn es angnehm ist, über diesen Hinterhof zu schlendern und sympathische Leute zu treffen. Dem Theater mangelt es nicht nur an der Bereitschaft, propagandistische Inhalte zu verbreiten, es beharrt auch darauf, an Ambivalenz und Offenheit festzuhalten. Es sind weniger die schönen, erbaulichen Dinge, die sich in die Erinnerung einschreiben, es ist der Mut, sich selbst ins Gesicht zu sehen, unabhängig davon, was da aus dem Spiegel zurückblickt.

http://www.deutschlandfunk.de/russland-moskauer-dokumentartheater-vor-dem-aus.691.de.html?dram:article_id=300984

http://teatrdoc.ru/events.php?id=126

Sieben Schauspieler erinnern sich an den Lebensabschnitt, als sie dem Theater die Treue brachen und fremdgingen. Wie war das damals, als du als Geldbote überfallen wurdest? Als du dich nicht mehr wehren konntest und hinterher keiner kam, um dich irgendwie zu unterstützen? Ganz im Gegenteil, als sie dir den Rücken kehrten, weil du absurderweise darauf bestehen wolltest, dass die Polizei dazu da ist, dir zu deinem Recht zu verhelfen? Wie war es in der Psychiatrie? Und wie hat es sich angefühlt, als dein Gesicht in Übergröße von jeder Hauswand herabglotzte? Als deine Mutter anrief, weil sie den wirren, immer wieder wechselnden Zusammenhang nicht mehr verstehen konnte? Und vor allem: Warum ist eine solche Performance so gar nicht das, was die Moskauer Stadtregierung für unterstützenswert hält? Warum schickt sie immer wieder die Feuerwehr mit neuen, seltsamen Kontrollideen, statt einer angemessenen öffentlichen Förderung?

Meine Tage in Moskau waren viel zu kurz. In den Abendstunden fand ich mich gut zurecht, das abendliche Moskau vibriert vor Vitalität. Die Straßenbahnen, in denen vermutlich Bulgakow schon herumfuhr, kreischen vor den Brücken in der Kurve. Hier wurde ich selbst zur Darstellerin: Es gibt keinen Fahrkartenautomaten. Wer kein Ticket hat, steht eine halbe Stunde auf der Plattform und wird von allen angestarrt. Zu dumm, zu arm, zu ausländisch um wie ein normaler Fahrgast das elektronische Ticket an den Kartenleser zu halten. Neben mir standen zwei Männer aus Mittelasien.

Dann kam der letzte Tag vor Ostern. Vor den Kirchen standen die Leute wie in den Jelzin-Zeiten in der Schlange nach Brot an. Es war das geweihte Osterbrot. In der Kirche las ein alter, prachtvoll verkleideter Priester die Messe. Voller Würde, mit sehr viel Klugheit: gegen den Hass, gegen den Hochmut, für die Toleranz gegenüber denen, die anders denken. Hinter der Ikonostase blätterte der jugendliche Diakon in der Heiligen Schrift. Ich quetschte mich in die Ecke und sah ihm zu, durch einen Spalt zwischen den Ikonen. Er lächelte, las und schluckte langsam Messwein. Aus einem üppig vergoldeten Kelch. Irgendwo ertönte ein Glöckchen. Wie die Mäuse stürzte sich die Masse der knienden Menschen auf den Priester. Ritual und Theater, Schlangestehen und Verzückung. Und insgesamt ein Gefühl der Leere, des Unverbundenseins mit der Welt, trotz der Millionenstadt. Sollte das vielleicht die Zukunft sein? Riesige, isolierte Gebilde, in denen sich die Mäuse in Kellerräumen sammeln, um sich keinesfalls mit einem anderen Stamm zu mischen?

Hungerleider aus dem Osten müssen sterben

Hungerleider aus dem Osten müssen sterben

Roland Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts (Fischer Verlag 2016)

http://www.fischerverlage.de/buch/an_einem_klaren_eiskalten_januarmorgen_zu_beginn_des_21_jahrhunderts/9783100024701?PTBUCH=BUCH

https://www.perlentaucher.de/buch/roland-schimmelpfennig/an-einem-klaren-eiskalten-januarmorgen-zu-beginn-des-21-jahrhunderts

Es beginnt auf der Autobahn. Das ist die Autobahn, über die jeder von uns schon einmal gefahren ist, und wer früher nach Polen fuhr, kennt auch die schrecklichen, endlosen Staus. Wir sind damals noch viel weiter geradeaus gefahren, immer in den Osten. Bis dann irgendwann in Weißrussland der Schnee die Wegweiser und die Verkehrszeichen auffraß und die Tankstellen, zu rätselhaften, kaum erkennbaren Überlebensstationen wurden. Hier gab es weder Brötchenautomaten, noch Kaffeetassen, hier lagerten in einem betonverkleideten Keller die Fässer mit den Substanzen des Lebens: Wasser, Treibstoff, Bier und noch irgendwas: Samogonas, Dektine, Schnapsas. Unser Ziel war der litauische Wald und dahinter eine litauische Universität. Mit Lesesälen, Hörsälen, mit einer Prüfungsordnung und ganz und gar ohne Geld.

Das war in den 90ern. Die Studenten fuhren damals in den Semesterferien nach Deutschland, um Autos zu verschieben. Die Züge waren zum Brechen voll, weil die Zigaretten in Polen etwas teurer waren als im Baltikum. Der deutsche Zoll durchwühlte hingebungsvoll das Gepäck. Eine lange Aldisalami entsprach im Osten ungefähr dem Tauschwert für ein ukrainisches Klavier. Wer mehr darüber wissen möchte, könnte bei Stasiuk nachlesen. Stasiuk ist dem Osten verfallen wie einer Sucht. Er musste die Dosis steigern, schließlich trieb es ihn bis über den Amur.

https://www.perlentaucher.de/buch/andrzej-stasiuk/der-osten.html

Jetzt gehört der Osten bis zur russischen Grenze zur Europäischen Union. Die Nato schützt ihn mit einer erneuten Aufstockung ihrer Streitkräfte. Wenn man nicht daran glaubt, dass Rüstung und Militärpräsenz dem Frieden dienen, bekommt man Schüttelfrost. Es ist kalt dort hinten, wo der Osten stattfindet. Und wo genau beginnt dieses Territorium der Wölfe und des ewigen Eises?

https://www.freitag.de/autoren/lutz-herden/steinmeier-ungewohnt-laut

Texte funktionieren sehr oft über das Verharren, Warten, das Hin- und Herschleichen entlang einer Grenze, die das Lebendigsein vom Nichtlebendigsein abtrennt. Horrorszenarien beschreiben, wie das Tote die Richtung ändert und zurückkehrt. Wenn ein Wolf die Autobahn überquert und schließlich den Bahngleisen folgt, bis er irgendwo im Prenzlauer Berg herumsteht und kleine Hunde verschlingt, hat sich ein Weltenwanderer aus der angestammten Mythologie in den Alltag der Großstadt verirrt. Er kommt nicht allein. Er schleppt die besoffenen Gespenster ostdeutscher Wendeopfer in seinem räudigen Pelz herum, sie stinken bis heute nach der Schweinegülle aus den volkseigenen Kombinaten für die industrielle Tierproduktion.

Das ist lange vorbei. Aber warum packt Schimmelpfennig im Frühling 2016 ein Buch aus, in dem es um dieses winterliche Geistertheater von vor über zehn Jahren geht? Weint er um die toten Seelen der verendeten Gespenster aus dem Osten? Hat er sie gekannt? Hat er überhaupt irgendjemanden aus dem Osten gekannt? Sein Roman spielt in meiner Straße. Der Ort des Settings ist mein Nachbarhaus. Dort wohnt meine Freundin. Hat Schimmelpfennig in unserer Straße recherchiert? Hat er hier Knochen von eingegrabenen Ostversagern entdeckt, Wolfsgeruch unter den Pflastersteinen identifiziert? Woher kennt er das alte Paar, das in seiner Geschichte die eigene Scheiße im Ofen verbrennt wie die Unterweltgnome in einem tatarischen Märchen?

Ich bin Berlinerin. In dieser Stadt fand meine Kindheit statt. Damals lebten alte Arbeiterfrauen im Prenzlauer Berg, deren Männer sich mit der Gestapo angelegt hatten. Die Keller waren endlose Labyrinthe und verbanden unverbundene Grundstücke. Oben glichen die Höfe den Rückständen Babylons oder großen, abgeschirmten Parks. Großfamilien von Katzen feierten den Frühling. Hier sind wir der Stasi davongelaufen und trafen sie dann überraschenderweise zu Hause im eigenen Bett. Hier haben wir auf den Dächern gesessen und auf den Wolf gewartet. Aber er kam nicht. Er hat gewartet, bis der Prenzlauer Berg nicht mehr der Prenzlauer Berg ist. Oder etwas Neues unter dem gleichen Namen. Meine russischen Freunde sagen, dass es ihnen gut gefällt. In Moskau gibt es jetzt ähnliche Ecken: Man fühlt sich wohl, man spaziert entspannt zwischen den Kaffeehausgästen hindurch.

Aber warum schleppt Schimmelpfennig die ostdeutschen Zombies in diese schwäbisch-westdeutsche Sonntagswelt, wo die Kinder lachen und die Kirchenglocken das Gefühl von westlicher Kulturheimat stabilisieren? Fühlt er sich bedroht? Er ist der meistgespielte Theaterautor Deutschlands. Er stammt aus Göttingen, aber er hat auch schon früher über den Prenzlauer Berg geschrieben, er kann jeden Straßenzug benennen, kennt die Hauseingänge und die Treppenhäuser, weiß sehr viel über die Farben und über die Gerüche. Allerdings ging es bei ihm auch früher bereits um Tote, die verendet waren, ohne es selbst auch nur zu registrieren.

Wovor hat Schimmelpfennig Furcht? Oder ist er im Gegenteil der Ansicht, dass ich mich fürchten sollte, weil vieles dafür spricht, dass ich in Wirklichkeit ebenfalls aus dem Land der Untoten stamme? Weil ich im Osten geboren bin, durch den Osten gereist bin, dort gearbeitet habe und immer noch im Osten feststecke? Die einzige Person in seinem Roman, die von etwas mehr als von einer instinktiven Herumschleicherei dominiert ist, stammt aus dem Westen. Es ist ein alternder, übergewichtiger Künstler. Er ist absolut unsympathisch, aber außer ihm hat niemand irgendeine Art von echtem Motiv oder auch nur den matten Abglanz einer Seele. Gruselt sich Schimmelpfennig vor ausgehungerten Geisterwölfen aus dem Osten? Beschäftigt er sich deshalb in seinem Roman so intensiv damit, sie umzubringen? Warum gruselt er sich, wenn er an den Prenzlauer Berg denkt, den er doch besser kennt, als irgendjemand sonst?