Moskau: TEATR DOC und heimlicher Messwein

Unser Garten sieht ein wenig wie eine russische Datscha aus.

Der Wind wütet im unbeschnittenen Pflaumenbaum. Es war ein sonniger Tag, es gab Überfluss: sehr viele Himbeeren, bergeweise Kirschen. Vorstadtkitsch zwischen Kletterrose und Johanneskraut, abgeschirmt von der Autobahn, die hoch hinauf in den grimmigen ostdeutschen Norden führt.

Es gießt. Das ist mein Lieblingswetter. Ich hocke auf dem Klappstuhl und halte die Füße in den Re­gen. Es ist wie eine billige Metapher: Ich werde genauso nass,wie ich es haben möchte. Es ist das Unwetter vor der Tür. Es ist wie der Arbeitsalltag, den wir in den 90ern hatten, als wir in der zer­fallenden CCCP (Union der sozialistischen Sowjetrepubliken) den Hunger und die Kälte der unge­heizten Konzertsäle teilten, den Rückzug der verhassten Staatsmacht und die Auflösung jeder Art von Ordnung. Heute ist das ein ferner Schatten am Horizont. Die Weite der Moskauer Auto­bahn, auf der man an brennenden Lastwagen vorüberfuhr, ohne sich umzusehen. Die Passage durch eine Flughafeninstallation, die weder die Strugatzkis, noch Ian Banks erfunden hatten. Aber am Ende hatte man einen Sitzplatz in einem Flugzeug. Das Flugzeug landete und auf einmal gab es: Badi­schen Weißwein, ButterLindner, italienischen Espresso und diese Schließfächer in der Schau­bühne im Untergeschoss, wo man die Winterjacke lassen konnte, weil der Saal selbstver­ständlich gut geheizt war.

Seit dem 23. Juni gibt es eine neue Anordnung in meinem Kopf. Das Gartenhäuschen hinter dem Pflau­men­baum hat kein Dach. Es regnet in meinen Rechner, die Ameisen wärmen sich am Prozessor. Der nächste Bahnhof besteht aus einer Ruine ohne Gleise. Nachts kommt ein Mann in Jogginghosen und kassiert für irgendwelche Dienste irgendeine Summe in Dollar oder Yen. Wenn man nicht be­zahlt, rücken sie an und zertrampeln das Spielzeug der Kinder. Polizei ist ein Ausdruck aus dem Märchenbuch. Damit meint man die grauen Ungeheuer aus dem Sumpf, die Rehe fressen oder junge Frauen an die Teufel in der Unterwelt vermieten.

Als es in Russland soweit war, gab es in der Science Fiction Literatur eine Richtung, die zwar die Namen der Dinge beibehielt, sie jedoch mit völlig aberwitzigen Beschreibungen verknüpfte. Du liest einen Text und es scheint, als ob du alles kennst: Bäume, Blätter, Frösche Pilze. Die Pilze musst du vor dem Kochen töten. Die Frösche zerstören deine Sehkraft. Die Blätter muss du außer­halb des Hauses wegschließen. Die Bäume solltest du am besten meiden. Wenn sie sich einer Sied­lung nähern, treibt man das Vieh in den Keller und betäubt die Kinder.

https://www.perlentaucher.de/buch/tatjana-tolstaja/kys.html

Heute herrscht in Moskau Ordnung. In den U-Bahnhöfen patrouilliert eine sehr reale, bis an die Zähne bewaffnete Polizei. Wer im Historischen Museum den Wunsch hat, die Ausstellung von Stalins Hofmaler Gerassimow zu besuchen, muss sich in eine Schlange einreihen und die Tasche durchsuchen lassen. Zweifelhafte Subjekte sind aus dem Straßenbild verschwunden. Niemand ver­kauft handgestopfte Strumphosen oder abgelagertes Konfekt auf den großen Plätzen. Einmal habe ich ein paar Trinker gesehen. Sie saßen in einem verfallenen Innenhof vor einer zer­bro­che­nen Riesenskulptur aus der Stalinzeit und verkrochen sich unter den Grashalmen. Keine Spur von grenzenlosem Herumassoziieren vor, während und nach dem Delirium. Kein Wenedikt Jerofejew, eher streunende Hunde von Bulgakow. Und einmal erging es mir selbst wie diesen Hunden: Als ich schlecht ange­zogen in ein Restaurant kam, brachte mir der Kellner die Rechnung vor der Suppe.

Wer heute zwischen 30 und 40 ist, war in der Jelzin-Zeit schon alt genug, um sich jetzt zu erinnern. Er/Sie hat damals eine Berufsentscheidung getroffen, für die man heute entweder geradestehen muss oder über die er/sie ungezwungen lacht, weil es so absurd ist. Warum ist man Schauspielerin geworden? Warum hat man die Chance verpasst und steht heute immer noch in einem Kellertheater auf der Bühne? Was hätte passieren müssen, um doch noch die Kurve zu kriegen und im realen Leben einen realen Platz für einen ansehnlichen Mittelklassewagen zu finden?

Das Kellertheater ist das Moskauer Dokumentartheater Teatr Doc. Es ist ein international bekanntes Theater mit herausragenden Darstellern und einem durchweg spannenden Repertoire. Es befindet sich in einem Moskauer Hinterhof, obwohl es keineswegs dort hingehört. Auch wenn es angnehm ist, über diesen Hinterhof zu schlendern und sympathische Leute zu treffen. Dem Theater mangelt es nicht nur an der Bereitschaft, propagandistische Inhalte zu verbreiten, es beharrt auch darauf, an Ambivalenz und Offenheit festzuhalten. Es sind weniger die schönen, erbaulichen Dinge, die sich in die Erinnerung einschreiben, es ist der Mut, sich selbst ins Gesicht zu sehen, unabhängig davon, was da aus dem Spiegel zurückblickt.

http://www.deutschlandfunk.de/russland-moskauer-dokumentartheater-vor-dem-aus.691.de.html?dram:article_id=300984

http://teatrdoc.ru/events.php?id=126

Sieben Schauspieler erinnern sich an den Lebensabschnitt, als sie dem Theater die Treue brachen und fremdgingen. Wie war das damals, als du als Geldbote überfallen wurdest? Als du dich nicht mehr wehren konntest und hinterher keiner kam, um dich irgendwie zu unterstützen? Ganz im Gegenteil, als sie dir den Rücken kehrten, weil du absurderweise darauf bestehen wolltest, dass die Polizei dazu da ist, dir zu deinem Recht zu verhelfen? Wie war es in der Psychiatrie? Und wie hat es sich angefühlt, als dein Gesicht in Übergröße von jeder Hauswand herabglotzte? Als deine Mutter anrief, weil sie den wirren, immer wieder wechselnden Zusammenhang nicht mehr verstehen konnte? Und vor allem: Warum ist eine solche Performance so gar nicht das, was die Moskauer Stadtregierung für unterstützenswert hält? Warum schickt sie immer wieder die Feuerwehr mit neuen, seltsamen Kontrollideen, statt einer angemessenen öffentlichen Förderung?

Meine Tage in Moskau waren viel zu kurz. In den Abendstunden fand ich mich gut zurecht, das abendliche Moskau vibriert vor Vitalität. Die Straßenbahnen, in denen vermutlich Bulgakow schon herumfuhr, kreischen vor den Brücken in der Kurve. Hier wurde ich selbst zur Darstellerin: Es gibt keinen Fahrkartenautomaten. Wer kein Ticket hat, steht eine halbe Stunde auf der Plattform und wird von allen angestarrt. Zu dumm, zu arm, zu ausländisch um wie ein normaler Fahrgast das elektronische Ticket an den Kartenleser zu halten. Neben mir standen zwei Männer aus Mittelasien.

Dann kam der letzte Tag vor Ostern. Vor den Kirchen standen die Leute wie in den Jelzin-Zeiten in der Schlange nach Brot an. Es war das geweihte Osterbrot. In der Kirche las ein alter, prachtvoll verkleideter Priester die Messe. Voller Würde, mit sehr viel Klugheit: gegen den Hass, gegen den Hochmut, für die Toleranz gegenüber denen, die anders denken. Hinter der Ikonostase blätterte der jugendliche Diakon in der Heiligen Schrift. Ich quetschte mich in die Ecke und sah ihm zu, durch einen Spalt zwischen den Ikonen. Er lächelte, las und schluckte langsam Messwein. Aus einem üppig vergoldeten Kelch. Irgendwo ertönte ein Glöckchen. Wie die Mäuse stürzte sich die Masse der knienden Menschen auf den Priester. Ritual und Theater, Schlangestehen und Verzückung. Und insgesamt ein Gefühl der Leere, des Unverbundenseins mit der Welt, trotz der Millionenstadt. Sollte das vielleicht die Zukunft sein? Riesige, isolierte Gebilde, in denen sich die Mäuse in Kellerräumen sammeln, um sich keinesfalls mit einem anderen Stamm zu mischen?

Wodka-Käfer von Anne Jelena Schulte

Recherchetheater am DT

Sie krabbeln nicht aus der Wodkaflasche, wohl aber in die Manteltasche und unter den Teppich – Braune Pelzkäfer alias Smirnoff

Wodka-.Käfer, das klingt tatsächlich cool. Natürlich ein wenig ekelhaft, aber in erster Linie so ähnlich wie Trinkerklub, und so ein Trinkerklub ist wie die echten, ostdeutschen Schrippen offensichtlich ein Merkmal des ausgestorbenen, irgendwann einmal in die Mythen eingewanderten Prenzlauer Berges. Das, was es damals gab: Schrippen, Trinkerklub, Wodka.

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/trinkerclubs-und-echte-schrippen-in-prenzlauer-berg-23785764

Tatsächlich hat ein Wodka-Käfer nicht besonders viel mit einem nächtlichen Besäufnis auf dem fliederbestandenen Hinterhof in der ehemaligen Zone zu tun. Diejenigen, die damals auf dem aufgesprungenen Beton herumlagen, sind inzwischen entweder tot oder wandern als unverbesserliche Alkoholiker die Stargarder Straße auf und ab oder sie leben gut getarnt ein ganz normales Leben inmitten der hippen Neubevölkerung und freuen sich über die vielen, tollen Spielplätze, auf denen natürlich auch die Nachkommen der Ureinwohner klettern lernen und Sand auf fremde Mütter schmeißen. (Ja, ja: Es gibt uns wirklich. Wir sind immer noch hier. Wir sind hier aufgewachsen und schon unsere Urgroßeltern haben hier gewohnt. Aber wir geben uns nach Möglichkeit wie zugewanderte Schwaben. Auch wenn es mit der Sprache ein wenig hapert.)

Wodka-Käfer heißen Wodka-Käfer, weil der Biologieprofessor, der sie entdeckt hat, den Familiennnamen Smirnoff trug. „Attagenus smirnovi“,so heißt er wirklich oder „Brauner Pelzkäfer“,was eigentlich noch ekelhafter klingt als Wodka-Käfer. Und das war es auch, unaussprechlich, unüberwindlich ekelhaft, wenn im alten, von der Zonenwohnungsverwaltung beherrschten Prenzlauer Berg ein einsamer Mensch verendete und in der eigenen Leichenbrühe versank. Wenn man aus Wohnungsnot durch die Treppenflure zog und illegal Türen öffnete, weil das vielleicht eine freie, nicht registrierte Bruchbude war, bekam man so etwas zu sehen. Unvergesslich, für alle Zeiten.

https://de.wikipedia.org/wiki/Brauner_Pelzkäfer

Damals,in den 80ern, lief Irina Liebman durch den Hausflur und klingelte an den Türen, um für ihr Buch „Berliner Mietshaus“ zu recherchieren. Die Idee, das heute zu wiederholen, ist definitiv genial. Es gab/gibt ähnlich Projekte. 2011 besuchte Stephanie Quitterer ihre unbekannten Nachbarn und bot ihnen Kaffee und Kuchen im Tausch gegen Geschichten an, daraus entstand ein spannender Blog. Ethnologie im Umfeld der täglichen Laufpfade, schon als Projekt beeindruckend. Die Ergebnisse sind absolut lesenswert.

https://hausbesuchwins.wordpress.com/

http://www.prenzlauerberg-nachrichten.de/alltag/_/hausbesuchwins-17509.html

Bei Anne Jelena Schulte erfährt man nicht wirklich, was passiert ist, als sie vor der Tür stand. Offensichtlich hat sie Interviews geführt, dann hat sie diese Interviews verdichtet. So nennt man das, wenn aus dem Material literarischer Text gekocht wird, wie bei der Pflaumenmarmelade, die ja naturgemäß ebenfalls dicker ist als Pflaumensaft und aus dem Glas heraus leuchtet, weil die Farbe ein wenig grell ist. Ich habe den Text nicht gelesen, ich schreibe hier über die Aufführung im Deutschen Theater. Bei begründetem Interesse ist er zugänglich:

http://www.theatertexte.de/nav/2/2/3/werk?verlag_id=drei_masken_verlag&wid=o_1836252143

Das, was ich im Deutschen Theater gesehen habe, war im tiefsten, sehr enttäuschenden Sinne redundant. Vielleicht könnte man sich noch an der Figur des alten Kammerjägers festhalten, der irgendwie dafür sorgt, dass das Ganze nicht auseinander fällt. Aber ich habe weder irgendetwas auch nur ansatzweise Neues erfahren, noch gab es diese leichte Verschiebung, die beim Übergang in das künstlerische Modell einen neuen Reiz setzt und das Altbekannte in einen neuen Horizont verpflanzt. Freiberufler sind Freiberufler und prekär und zum Teil verrückt. Spießer sind Spießer. Wer seine Socken auf der Leine nach Farben sortiert, hat einen Dachschaden. Wer immer noch glaubt, dass das, was er da in einem StartUp täglich tut, irgendeine Rolle spielt, hat nichts kapiert. Großartig. Das habe ich so wirklich vorher schon gehört, siehe Trinkerklub im Prenzlauer Berg. Sicherlich haben sie ihr mehr erzählt. Es ist irgendwo versickert.

http://www.prenzlauerberg-nachrichten.de/kultur/_/hauser-bleiben-menschen-gehen-172032.html

Ich habe mich schrecklich gelangweilt. Ich bin rausgegangen. Der einzige interessante Moment entstand, als der Kammerjäger auf meinen Abgang reagierte. Ich habe Michael Gerber schon immer für seine grandiose Arbeit als Schauspieler bewundert. An diesem Abend hat er mich zum ersten Mal angesprochen, vor allen Leuten. Das ist etwas für mein Tagebuch.

Auf dem Nachhauseweg habe ich überlegt, wie es mir gefallen hätte, wenn ich mein „Material“ in diesem Stück wiedergefunden hätte. Wenn ich eine Theaterjournalistin in meine Wohn- und Arbeitsinstallation gelassen hätte. Ich liebe Spinnen, sie überwintern auf meinem Schreibtisch und in meiner Waschmaschine. Wahrscheinlich hätten sie einen Bühnenauftritt gewonnen, wenn sie nicht dem Zwang zum Klischee zum Opfer gefallen wären. Wie hätte ich mich gefühlt? Darf ein Theaterstück seine Informanten denunzieren? Darf es sie dem satten Publikum des Staatstheaters zum Abnagen überlassen? Ich denke, das darf es nicht.

Meine Einschätzung des Theaterabends deckt sich nicht unbedingt mit dem Urteil anderer, andere Leute haben auch Spaß und Zugewinn erlebt:

https://www.freitag.de/autoren/kulturblog/klingeln-im-prenzlauer-berg-wodka-kaefer

http://postmondaen.net/2016/03/03/wodka-kaefer-im-deutschen-theater/

Und Anna Jelena Schulte wird zu den interessanten Autorinnen des zeitgenössischen/zeitgemäßen Recherchetheaters gerechnet. Ruth Feindel und Tobias Rausch erwähnen sie in ihrem sehr aufschlussreichen Artikel über das Recherchetheater als Gattung, der es möglicherweise tatsächlich gelingt, etwas von der Welt zu erfassen. Es gehört sich einfach, dass ich das mit hinschreibe, auch wenn ich es so nicht teile:

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=11982:recherchetheater-theatermacher-tobias-rausch-und-dramaturgin-ruth-feindel-portraetieren-eine-realistische-kunstform-auf-der-hoehe-unserer-zeit&catid=101:debatte&itemid=84

Blumenwiese mit Falltür

„Album“/ Fortsetzung von „The Past“

Constanze Macras/Dorky Park

http://www.dorkypark.org/site/

http://www.hellerau.org/

Man braucht eine Weile, bis man da ist. Dresden, das waren früher die Heiden, die Liutizen, die mit den Tempeln für die Menschenopfer. Der Weg nach Hellerau führt durch den Wald, die Straßenbahn ächzt in den Kurven. Wer zu früh kommt, hat ein Problem: Rechts stehn Bäume, links stehn Bäume. In der Mitte Spießers Lebenstraum und Gartenzäune. Man kann ein paar Nudeln essen, sonst nichts. Ein ganz erstaunlicher Ort für experimentelles, zeitgenössisches Theater.

Irgendwann fing es an und es war nicht besonders langweilig. Goldpapier an der Wand, Geborgenheit in einer Gruppe. Sehr schnell vergaß ich, dass es auf endlose fünf Stunden ausgelegt war, was mir normalerweise das Gefühl beschert, dass man mich im Theater einsperrt. Aber nein, die Türen gingen auf und zu. Erst etwas unwillig herumlatschend, aber nach und nach immer routinierter wanderte der Zug der Zuschauer Gruppe für Gruppe aus einer Lokalität in die nächste. Die Darsteller blieben drin und machten erneut ihr Ding. Wieder und wieder, wie sie das ausgehalten haben, kann ich eigentlich nicht verstehen.

Im Rückblick war das folgerichtig. Der Erinnerungsraum ist kein von uns selbst tapeziertes Zimmer, das wir ausleuchten, wie es gerade passt. Der Erinnerungsraum ist ein Labyrinth aus idiotisch angeordneten Gängen. Man kann sich wirklich freuen, wenn man am Ende an der Straßenbahnhaltestelle ankommt und nicht irgendwo im Keller oder in der Kanalisation, abgestürzt durch eine verborgene Tür unter der Blumenwiese.

Blumenwiese: Das war der Augenblick, als es bei mir umschlug. Vorher war ich wohlwollend unbeteiligt, interessiert, befallen von einer leichten Peinlichkeit, fast wie fremdschämen. Da kommt ihr hochprofessionellen Darsteller einer der interessantesten Companies dieses Landes daher und hebt das Hemd und zieht die Hose runter und lasst uns daran riechen, wie sich euer echtes Leben angefühlt hat, als gerade nichts im Lot war. Und das sollen wir euch glauben? Oder doch nicht glauben? Und worum geht es eigentlich – darum, aus welchen Katastrophen das innere Reservoir besteht, aus dem dieses Theater herausfließt, das dann noch tagelang durch den eigenen Gefühls- und Wahrnehmungshaushalt spukt?

Blumenwiese, das war kein Garten, das war ein Friedhof. Tiere, die ich noch nie gesehen habe, graben sich in den Boden ein, bis sie die Hochsicherheitszonen der Erinnerung erreichen. Echte Erde fliegt herum, brauner Pelz wird schmutzig. Die Blumen wanken ein bisschen, aber sie leuchten unbeirrt. Unverfälscht wie die Fotos, die es zu sehen gibt. Ganz nette und gar nicht nette und alle sind eingebettet in Geschichten, die niemand öffentlich preisgibt, es sei denn, er will sich selbst verletzen: Wie die Familie über den Tänzer lacht, der den Tanz studiert und dabei den Kontakt zu dem Straßenkörper einbüßt, der ihn überhaupt erst zum Tanz gebracht hat. Das realistisch sinnlose Gerede, das sich um Entenlächeln und Selfies dreht und plötzlich in einem Solo explodiert. Das ist dieselbe Person in einem anderen Universum. Die Albträume der anderen in meinem Kopf. Die Reise mit der Mutter, ein endloser Streit am Meer. Der Lampenschirm, der sich wie eine Garrotte um den Hals legt. Der todkranke Vater, dem man als letzte Liebeshandlung verspricht, sich gemeinsam zu besaufen.

Manche halten sich zurück. Manche überdehnen jede Grenze. Im Augenblick geht es fast überall im Theater um Politik, und wenn man Grenze sagt, dann meint man die Grenzverhaue dort im Süden, wo der Wahnsinn herrscht, den wir Gott sei Dank nur von Fotos kennen. „Album“ lebt ebenfalls von Fotos, von Fotos, die unsichtbare Grenzen gleichzeitig markieren und verbergen. Da, auf dem Bild, das Baby: Das war der Moment, als mein Vater davor zurückwich, dass ich sein Sohn bin. Da auf dem Foto, diese riesige Familie: Das ist mein Vater in ihren Armen und das bin ich. Ich war dort nur ein einziges Mal in meinem Leben. Und wie gefalle ich euch auf diesem Foto? Mit diesem Gesicht bekommt man Komplimente für einen Film, in dem man niemals gespielt hat.

Warum machen sie das? Warum machen sie kein politisches Theater wie alle anderen? In Moskau gibt es ein Stück, das ähnlich vorgeht. Die Frage ist, wie die Schauspieler aus ihrem Leben in dieses Theater kamen, das sich unbelehrbar gegen den Wind der patriotischen Erneuerung in Russland stellt. Ich würde es gern sehen und ich werde demnächst zwei Stücke an diesem Haus sehen und hier davon berichten. Dort in Moskau ist privates, auf der Zivilgesellschaft beharrendes Theater auf paradoxe Weise selbst politisch. Und hier? Ist es hier auch schon so weit gekommen?

http://www.teatrdoc.ru/

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=10416&catid=126&Itemid=100089

Im übrigen hatte ich vorher ein wenig Panik: Dresden, Fakefrauenkirche, starker August, ausgebombte Innenstadt. Pegidisten. Tatsächlich war es ganz nett. Die sahen alle normal aus und waren freundlich, obwohl natürlich viele von ihnen Sächsisch reden. Sehr hilfsbereit. Keine Pegidisten, die waren gerade irgendwo anders unterwegs. Sehr viel Polizei, aber nicht meinetwegen und nicht wegen des Theaters und auch nicht wegen der Pegidisten, sondern wegen der Fußballkriege, die die Stadt erschüttern. So ein Glück!

Judith von Hebbel an der Berliner Volksbühne

Filmaufnahmen im Müllzelt Es war wie Katie Mitchell, nur besser. Eigentlich war es wie Kino mit gelegentlich herumstaksenden Lego-Kriegsfiguren.

Mit einem lebendigen Kamel.

Jeder berichtet über dieses Kamel. Ich beginne mit dem Text. Es ist ein unglaublich guter Text. Der junge Hebbel hat sich die Seele aus dem Leib geschrieben. Ich habe nie richtig verstanden, worüber, aber es hält mich immer noch gepackt. Na ja, so etwas wie eine Idee gab es schon: Da war der Zwiespalt zwischen der abstrakt vor sich hergetragenen Moral und dem echten Leben in der eingemauerten Spießerwelt. Der uneheliche Sohn von Hebbel musste ewig warten, bis er in der weltoffenen Stadt Hamburg den Namen des Vaters tragen durfte. Das Vaterland als Institution der Nötigung, für die eigene Herkunft einzustehen. Das, was mit Heimat bezeichnet wird, gut zu finden, obwohl es kaum etwas Gutes gibt, woran man mit Freude denkt. Es bewegt sich nicht, es beharrt mit provinziellem Starrsinn auf der alten Anordnung der alten, platt getretenen Trampelpfade. Ein gutes Stück für die im Untergrund herumdiskutierenden Staatsschädlinge in der alten, in der Geschichtsvergessenheit abgekippten DDR.

Und wenn das heute wäre? Was könnte dann diese Friedhofsanordnung sein, gegen die so ein junger, rebellischer Hebbel anschreibt? Und welche Art von Wut repräsentiert Holofernes, wenn er die bekannte Welt mit Krieg überzieht und ihre großen Städte in Asche legt?

Als ich erfahren habe, dass Castorf die Judith macht, bin ich zusammengezuckt und hätte gern einen Schnaps getrunken. Ich war wirklich lange nicht mehr dort, in diesem Theater am Luxemburgplatz. Aber warum eigentlich nicht hingehen? Der Regisseur ist inzwischen so etwas wie sein eigenes Denkmal. Die Stadt Berlin wird ihn bald nicht mehr als ihren Einwohner ansehen können. Die Karte war billig. Das sind gute Gründe. Auch wenn die Gefahr besteht, dass man vor Abscheu in die Ecke kotzt, wenn Castorf die geliebte heilige Kuh fünf Stunden lang öffentlich schächtet.

Ich hatte mir vorgenommen, zwei Stunden durchzuhalten. Dann wollte ich spazieren gehen und wiederkommen, wenn das Kamel auftritt. Wie gesagt, das Kamel kommt in jeder Kritik vor. Aber es hat mich bereits in der ersten Halbzeit erbarmungslos erwischt. Ich war wie auf einem Trip. Immer wieder habe ich gedacht: Was für ein unfassbar guter Text. Ohne irgendwelche Reflexion habe ich Birgit Minichmayr (Judith) und Jasna Fritzi Bauer (Mirza) zugehört, habe mich wie in einem überdimensionierten Kino gefühlt, in dem der Raum durch seine schiere Höhe und Finsternis mitspielt, ausgeleuchtet durch echte Feuer, reflektiert von den müllorange (gefängnisfarbenen) Plastikzelten. Dass die dann zwischendurch auch noch über Berge grauer Säcke klettern und irgendwelche Leitern rauf und runtersteigen, als wären sie solche Internetcrawler von Google, hat weder gestört, noch wie sonst so oft nach hochgradig ambitio­niertem Quatsch gerochen. In der Pause dann ein rascher Blick in mein Handy: Wie liest sich der Hebbel denn nun wirklich im Jahr 2016?

Er liest sich gut, aber bei Weitem nicht so gut, dass er mit der Textfassung von Castorf mithalten könnte. Ich bin eine ungeduldige Person, wenn man mir poststrukturalistische Theorie in den Teig einknetet. Ich habe das gern in einem Extraglas mit verschraubbarem Deckel. Es war jedoch OK. Es war natürlich zu viel, aber wer kann schon ununterbrochen anhören, was in einer Stadt passiert, vor deren Mauern das Heer der unbekannten Barbaren lagert. Da tut es gut, mit den Augen die steilen Wände des Bühnenraumes abzuwandern und darüber nachzusinnen, was sich dort in Phönizien (Syrien) und Karthago (Nordafrika) in diesen Augenblicken tut, und wer die Waffen geliefert hat, mit denen dort die verfeindeten Mächte Durst, Hunger und Tod unter den Bewohnern austeilen. Gerade, wenn man abdreht und der eigenen Angst in die Augen schaut, holt die Auf­führung ihre Zuschauer wieder zurück. Und dann kommt tatsächlich das Kamel. Es war ziemlich klein. Es hat mir leid getan. Was macht ein Kamel in Berlin und noch dazu im Theater? Ich bin ziemlich kritisch. Ich hätte ein elektrisches Riesenkamel von Lego mit Sicherheit bevorzugt.

http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/judith/
Kritikenrundschau auf nachtkritik.de:
http://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=12037:judith-an-der-berliner-volksbuehne-baut-frank-castorf-mit-prominenter-unterstuetzung-aus-friedrich-hebbels-drama-und-viel-fremdgeraune-einen-fuenfstuender&catid=38:die-nachtkritik-k&Itemid=40

 

Martin Clausen: Come Together. Kritik

Link im Freitag:
https://www.readability.com/articles/dynvdfrm

Martin Clausen und Kollegen: Come Together
Hebbel am Ufer, Februar 2016

Nicht eingeschlafen, nicht in Theorie erstickt und sogar Spaß gehabt

Was habe ich erwartet? Ich wollte, dass es Spaß macht. Ich wollte keine Belehrung. Ich war gerade in der Volksbühne, einen weiteren Ansturm genialer Theorie hätte mein Gehirn nicht verkraftet. Aber eigentlich war ich mir vorher schon sicher, dass es dazu nicht kommen würde. Und als ich das Gedränge im Vorraum und den Kampf um die letzten Karten bestanden hatte, wurde ich belohnt: keine Katie Mitchell Installation, keine kreisenden Kameras, keine echten oder ausgestopften Kamele, Pinguine, Antilopen oder Rieseninsekten in einem riesigen Reagenzglas.

Die einzigen Tiere waren die Menschen. In froschgrüne Pullover verpackt krabbelten sie durch das Terrarium ihrer schmucklosen und nach hinten zugenagelten Bühne. Verfügen Fische über eine bestimmte Ordnung, wenn sie im Meer umherschwimmen? Und wie ist es bei den Tauben? Spielt es eine Rolle, wer neben mir in der Sonne hockt und seine Milben mit meinen mischt und mit seinem Gegurre mein eigenes Gegurre überlagert und verfälscht? Wer darf meine Sätze wiederholen, wer darf lachen, wenn ich Unsinn rede oder Sprüche klopfe? Wie empfindlich bin ich, wenn ich einmal angefangen habe zu reden und es dann plötzlich aus mir herausläuft, als Rinnsal von Gelaber, aber immer noch aus der heiligen Quelle meiner ungeschützten, von Trivialität bedrohten Emotion?

Irgendetwas beginnt und etwas anderes endet. Anstoßen ja, aber jeder individuell mit seinem bevorzugten Getränk, trotz des Rituals, sich gegenseitig tief in die Augen zu glotzen. Spätere Spurensuche trifft späteres Spurenverwischen. Sich Zusammenfinden beim Gehen. Zu dritt eine Einheit finden, und sei es auch noch so flüchtig. Wieder und wieder den Körper umlagern, um zu vermeiden, dass man selbst das eine übrig gebliebene Lebewesen darstellt, das nirgendwo unterkommt. Immer wieder den Zustand des sich zu zweit Näherkommens stören, wie in der Chemie ist das instabile Teilchen kein sicherer, zufriedener Vagabund. Es verfolgt kein anderes Ziel als das einer möglichen Verschmelzung. Fremde Harmonie stört jedenfalls die eigene Harmonie aus Verzicht und Hoffnung.

Ich haben diesen froschgrünen Typen mit sehr viel Vergnügen zugeschaut. Es gibt Alltagskomik, man fragt sich, woher dieser Text stammt, mit wem da geredet wurde, um dieses Material zu kreieren. Es sind diejenigen, die uns täglich begegnen, aber nur in den Durchgangsräumen des Lebens. Nicht beim Zahnarzt, dort geht es ordentlich sortiert zu. Auf gar keinen Fall bei der Arbeit, es sei denn wir flörten mit den Leitungsrohren und sprechen aus Versehen auch mit dem Mann der sie gerade repariert oder mit der Frau, die sie heute Abend abwischt.

Wo treffen wir die Mitbe­wohner unseres Biotops, die sich Froschgrün oder Entengelb über ihre seltsam geformten Bäuche ziehen und schamlos an uns vorbeispazieren, als wäre das völlig in Ordnung? Ich weiß es nicht. Ich treffe sie bei Martin clausen und nicht zum ersten Mal. Sie werden von wirklich guten Darstellern verlörpert, allein das gibt ihnen große Würde. Man kann natürlich auch seine Zeit im Deutschen Theater verdämmern, und dort bei einem sogenannten Recherchestück durch die Bodendielen schielen und müde, arrogant und etwas verschämt über die dummen Ratten lachen, denen es dort im Keller einfach nicht gelingt, mit dem Leben klarzu­kommen. Danach fühlt man sich wie nach einer Nacht mit schlechtem Bier. Bei clausen und Kollegen geht es mir anders: Es war ein Spaziergang mit lustigen Begleitern, die mir ein wenig ähneln, was mich auf unerwartete Weise freut.

Performance: Martin Clausen, Rahel Savoldelli, Peter Trabner
Musik: Mario Schulte, Doc Schoko, Harald Wissler
Raum: Ivan Bazak – Karpatentheater
Licht: Benjamin Schälike
Kostüme: Lisa Kentner & Malena Modéer
Konzept & Regie: Martin Clausen
Mitarbeit: Javier Aléman, Philip Ellermann, Werner Waas, Mirko Winkel,
Tereza-Tetiana Yakovyna
Produktion & Presse: björn & björn
Premiere 26.2.2016

Pressetext:
„So, wie wir das Andere zur Abwechselung und das Gewohnte zum Wohlfühlen gern haben, begegnen wir auch Menschen mit ähnlichem oder unterschiedlichem Hintergrund. Was geschieht, wenn wir uns jenseits der Gewohnheiten begeben, die sich im Laufe unserer Sozialisation in uns gebildet haben? Lassen sich unsere Kontaktstellen auffrischen? Diesseits und jenseits eingefahrener Wege und selbstgewählter Wohlfühlzonen beschreiten Martin Clausen, Rahel Savoldelli und Peter Trabner gemeinsam mit den Musikern Mario Schulte, Doc Schoko und Harald Wissler unterschiedliche Lebenswelten.“
http://mclausenundkollegen.com/