Mit dem Kopf in der Toilettenschüssel

Neues Drama in Irkutsk

Wenn du an deinem Hochzeitstag mit dem Kopf im Toilettenbecken einschläfst, dann ist in deinem Leben etwas schief gelaufen. Egal, was du sonst noch machst, irgendwo in deinem System sitzt ein Virus, der demnächst auch den Rest von dir mit seinem Erbgut überschwemmen wird, und dann ist Schluss. Es macht Sinn, wenn du dich durch die Rohre zwängst und in der Kanalisation verschwindest. Schlimmer wird es nicht kommen, denn du befindest dich bereits weit, weit hinter der Markierung für den Brechreiz.

Das Stück heißt „Das Leben ist gut“ oder irgendwie so ähnlich, richtig genau lässt es sich nicht erfassen (Pavel Prjaschko: „Das Leben ist gut“/“Жизнь удалась“).

http://www.theatre-library.ru/files/p/pryazhko/pryazhko_2121.doc

https://henschel-schauspiel.de/de/person/1910

Im Russischen gibt es einen Hauch von Dynamik, der in der Übersetzung verschwindet. Es beginnt mit einem katastrophalen Horizont von Langeweile und Demütigung durch einen bleigrauen Alltag. Wenn man den Text liest, hält man es eigentlich kaum aus: sie reden schmutzig, sie wälzen sich herum, es ist hoffnungslos, es gibt nicht den geringsten Grund, sich mit ihnen zu befassen. Es ist weder innovativ, noch spannend, noch sonst irgendetwas. Es ist ganz einfach furchtbar.

Draußen schneit es bei Minus zwanzig Grad. Ich denke, dass ich zu Hause bleibe. Hier habe ich wenigstens die Katze. Ich denke an den Bus, der mich mit Leuten zusammenbringt, die möglicherweise genauso leben. Ich sehe in meiner warmen Wohnung in den Spiegel und frage mich, ob es mir tatsächlich besser geht. Wahrscheinlich ja. Mit einem Kaffee in der Hand ganz gewiss. Aber es gab in meinem Leben auch die Zeit, da wäre der Strudel der Klospülung so etwas wie ein Zitat aus der Bibel gewesen: Die Paradiesflüsse münden in ihrer Majestät am letzten Ort unserer Bestimmung (1.Mose 2,11).

Dann fahre ich doch ins Theater und es gibt keinen Grund zur Reue. Auf dem Weg durch die tief verschneite Stadt gerate ich in einen Spielzeugladen, eine vergoldete Insel der Träume. Lange stehe ich mit der Verkäuferin vor dem Regal. Wir wählen ein winziges „Townhouse“ (Таунхаус), wohl eher unsere Vison von einem Paradies, als das der Kinder. Die ahnungslosen Kinder wissen ja nicht, was ihnen später blüht. Das Nest für das glückliche Leben, der Trost, die Entschädigung für das, was die verabscheuenswerte Wirklichkeit niemals hinbekommt.

So ähnlich ist dann einige Meter weiter im Theater. Das Theater befindet sich im Keller, nicht größer als eine Wohnküche. Auf der Holzbank drücken die Nachbarn rechts und links gegen die Schultern. Es ist nicht gerade das, was wir unter einem Theater verstehen. Das besitzen sie hier in Irkutsk durchaus, die wohlhabenden Kaufleute haben sich vor einhundertzwanzig Jahren eine Kopie der Mailänder Skala in ihr „Sibirisches Paris“ setzen lassen. Dort starrt man mit offenem Mund auf die Leuchter an der Decke. Im Gegensatz dazu ist das Neue Drama ein familliärer, einfacher Ort, ein Ort der Nähe, jeder kennt die anderen, sie kennen sogar mich, diese Ausländerin, die sich an den „nicht so deutschen“ Orten herumtreibt.

Warum machen sie dieses Stück? Es ist das dritte Stück in relativ kurzer Zeit, dass sich mit katastrophalen Familienbeziehungen abgibt. Ein anderes aus dieser Reihe („Illusionen“ von Wyrypajew) wird auch in Deutschland gespielt, angeblich entstand das Stück für das Theater in Chemnitz. Es hat einen mittellangen Bart, die Uraufführung war 2011.

https://henschel-schauspiel.de/de/meldung/407

https://www.youtube.com/watch?reload=9&v=nBQHaCMrlA0

Hier ist das Thema die Lüge als Grundlage von Ehe- und anderen Beziehungen. Männer- und Frauenrollen sind eher offen und lassen den Darstellern sehr viel Raum. Man könnte sie geschlechtsneutral besetzen. Mir hätte das besser gefallen, aber so war es nun einmal nicht gemeint. Aber was ist das, was gemeint war? Im Unterschied zu den anderen beiden Stücken besuchen wir eine heile Welt irgendwo in den USA (Aussage des Autors) – aber warum? Was machen wir dort? Protagonisten, über die wir sonst nichts erfahren, haben ein Leben lang gelogen. Die Grundlage der Existenz ist so etwas wie eine Eisscholle, von der man jetzt schon weiß, dass sie sich im Sommer auflöst und ohne Probleme durch die Kanalisation verschwindet. Ist das der gemeinsam Nenner?

Ich sage, dass das Leben gut ist. Und dann kotze ich auf meiner Hochzeit und schlafe mit dem Kopf im Inneren einer Kloschüssel meinen Rausch aus. Ich denke, dass ich meine Frau geliebt habe, und dann entdecke ich, dass das zu keinem Zeitpunkt der Fall war. Ich glaube, dass das Leben irgendeinen Sinn enthält, und dann schenkt mir jemand eine Mütze mit dem falschen Verschluss, und der Rest bricht um mich herum zusammen („Kedy/Turnschuhe“ von Ljuba Strischok). Drei Stücke, alle in etwa zehn Jahre alt, bringen eine bestimmte Art von Pest auf die Bühne. Diese Pest hatte auf ihrer Reise in die Provinz keinerlei Eile, aber jetzt ist sie da. Was genau sind die Symptome?

Hier in Ostsibirien scheint der innere Zusammenhalt eine zentrale Größe zu sein. Es gibt ein „Wir“, welches Zugewanderte ausschließt, sich selbst positiv bestätigt und zumindest zum Teil auch die Freundlichkeit im Umgang aus der Stabilität der Abgrenzung bezieht. Mir macht das im Alltag zum Teil erheblich zu schaffen. Aber was passiert, wenn sich im Inneren der Schutzbunker alles auflöst und die ewige Gemeinschaft zu irgendeiner Brühe verkocht, wo man die Knochen nicht mehr von den Zwiebeln unterscheiden kann? Dann wird das Leben wirklich schwierig.

Dann braucht es Ideologie, um durchzuhalten. Und das haben diese Stücke alle drei nicht einmal im Ansatz: Sie sind nicht einmal oberflächlich ideologisch kandiert. Da sitzt man eingezwängt zwischen den anderen in diesem Theaterkeller und draußen weht der Schneesturm. Und was haben diese Nachbarn in ihren Köpfen? Und der Busfahrer? Und die Zahnärztin? Und die Schauspielerin da vorne, die das in einer Weise spielt, dass es gar nicht auffällt, dass sie gerade ihren Beruf ausübt? Woher kommt das? Sollte man vielleicht überhaupt zu Hause bleiben und die Badezimmertür verriegeln und Kopfhörer aufsetzen? Oder einen Ego-Shooter in der Badewanne spielen? Das wäre dann wieder die Einstiegsfrage und die Essenz des glücklichen Lebens: Der Schlaf mit dem Kopf im Klo.

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