Unerreichbar

unerreichbar

(Denkmal des Programmierers vor der Technischen Universität Irkutsk mit der aktuellen Absperrung aufgrund der Pandemie)

Vor meiner Tür steht der Nachbar. Im Arm trägt er meine schöne Katze. Die Katze vagabundiert durch das Treppenhaus, macht Besuche, liegt auf fremden Sesseln. Am liebsten besucht sie die Studentinnen der Polizeihochschule. Die jungen Frauen haben eine Schwäche für die „deutsche Katze“, und die Katze hat eine Schwäche für die russische Polizei. Mein Nachbar erinnert sich an den Deutschunterricht in seiner Schule. Er begüßt mich auf Deutsch und verabschiedet sich auf Russisch von der Katze. Die Katze ist „своя“ (gehört zu uns), Menschen erreichen diesen Status hier in Sibirien möglicherweise nie. Wären wir nicht gerade Zeugen eines allgemeinen Wahnsinns, würde ich Pflaumenkuchen backen und den Nachbarn damit bewirten. Ich würde ein Extrablech für die Studentinnen reservieren, deutscher Kuchen hat in Irkutsk einen guten Ruf.

Jetzt überlege ich, ob ich die Katze desinfiziere. Wie desinfiziert man eine Katze? Ich bitte den Nachbarn nicht in meine Küche und koche ihm keinen Kaffee. Ich schaffe es gerade noch, freundlich zu grinsen. Er grinst schräg zurück. Wir vergewissern uns gegenseitig, dass es der liebe Gott im Moment ein wenig übertreibt. Und dass wir froh sind, dass wir nicht in Indien wohnen oder an irgendwelchen anderen Orten, wo es noch viel schlimmer ist. Schlimmer als hier in Sibirien, wohin der Zar seine Feinde evakuierte, wenn er aus politischen Gründen Hemmungen hatte, sie einfach aufzuhängen (wie zum Beispiel die Dekabristen im Jahr 1826).

Sibirien bedeutet Abstand. Wir haben die Angarra und wir haben den Baikalsee, aber nach Moskau dauert es mit dem Zug dreieinhalb Tage, das Schwarze Meer und die wundervollen Rosen von Taganrog befinden sich quasi auf einem anderen Stern. Meine Heimatstadt Berlin wurde in einen Seitenarm der Milchstraße versetzt. In meinem Kopf kreist das Wort „Gabelflug“. Aber bei geschlossenen Grenzen und Quarantäneverpflichtung in Deutschland bleibt das alles Theorie. Ich betrachte Europa auf dem Bildschirm: Belgrad in Aufruhr, Italien erneut bedroht, Deutschland im Design der Masken (inzwischen gut geeignet zum Platzieren von Parteiabzeichen und Botschaften aller Art). Leute erkennt man nicht. Die zweidimensionale Welt ist anonym.

Schon seit längerem quält mich eine tiefe Furcht, dass uns der Fortschritt mit der mechanischen Gewalt von Roboterarmen zurückwirft. Lange und mühevoll wurde darum gekämpft, Hierarchien flacher aufzufassen, die Kommunikation horizontal zu organisieren, Wissen als kollektiven Erfindungsakt zu verstehen und nicht als eingepökelte Bestände unverrückbarer Gewissheit. Während ich das virtuelle Gebäude betrete, welches mein Arbeitgeber bei einer großen Agentur angemietet hat, bin ich befremdet und fühle mich deplatziert. Irgendwann wollte ich für eine Studie die Welten von Second Life erkunden. Damals war es mir sehr schwer gefallen, einen Avatar aufzubauen, der einigermaßen widergibt, wer ich bin: nicht besonders gut aussehend, trotzdem selbstbewusst, ein wenig arrogant, eher an fließender Bewegung interessiert. In der virtuellen Lounge meines Arbeitgebers umgeben mich Projektionen einer Auslese durch Algorithmen: Niemand ist behindert, niemand ist alt, niemand ist übergewichtig, niemand hat ein erkennbares Gesicht. Es fällt beim Design der Plattform offensichtlich nicht ins Gewicht, dass menschliche Personen mit menschlichen Makeln zum Meeting eingeladen sind. Das Problem existierte bereits davor, als es noch keinen Zwang zur digitalen Einebnung gab. In den Werbebroschüren unserer Organisation herrscht dasselbe Prinzip: Angleichung der Persönlichkeit bis zur Grenze der Unsichtbarkeit, nichts, woran man sich später erinnert. Ich kann nicht sagen, dass mich diese dicke Professorin mit ihrem sympathischen Lachen inspiriert hat. Es gibt sie nicht, die dicke Professorin.

Es gibt keine gescheiterten Experimente, es gibt keine körperliche Differenz, Abweichung wird herausgerechnet. Es gibt keine Darstellung der Entstehung von Wissen, keine Visualisierung dessen, was in Wirklichkeit passiert, wenn wir dem Neuen auf der Spur sind. Das ist nicht die perfekte Präsentation und der einstudierte Auftritt im knappen, grauen Kostüm. Eine eigentlich gar nicht unsympathische Angelegenheit sind die Sofortabfragen, mit denen man eine großes virtuelles Auditorium zur Mitarbeit motivieren kann. Aber auch hier stellt sich dieser Effekt ein: Das System berechnet und visualisiert die statistischen Schwerpunkte. Je mehr Nutzer eine bestimmte Antwort geben, desto größer und sichtbarer erscheint der betreffende Ausdruck. Die Abweichung verschwindet im Randbereich des unsichtbaren Nebels. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass das Neue im Sinne einer Erkenntnis zum ersten Mal im Zentrum des Maistreams auftritt. Eigentlich dürfte es technisch kein Problem darstellen, auch die Randzonen einzubeziehen. Dazu fehlt jedoch der Wille und die Bereitschaft, die Abweichung mit Relevanz auszustatten. Das ist keine Frage der Digitalisierung. Das existierte bereits davor. Giordano Bruno wäre gar nicht erst aufgefallen.

Die Rückkehr zu vertikalen Strukturen lässt sich ebenfalls mit technischen Erfordernissen begründen. Ich denke jedoch, dass man mit den technischen Instrumenten das abbilden kann, was bereits im Konzept angelegt ist. Jeder kann nachvollziehen, warum bei einem sehr großen Meeting nicht jedes Gesicht präsent ist. Trotzdem ist es bedenklich, wenn ich mich als Teilnehmerin in einem dunklen Becken mitten in einem Schwarm wiederfinde, dessen Mitglieder nicht identifizierbar sind. Natürlich kann sich der Schwarm außerhalb des offiziellen Informationsstroms in parallelen Vernetzungen idividualisieren, aber das ändert nicht viel an dem Problem. Diejenigen, denen die Kontrollmacht über das Ereignis zugestanden wird, befinden sich wie in der Kirche in der Position des isolierten, unerreichbaren Senders.

Jede Frage und jede Reaktion im Chat (blöder Ausdruck, der eigentlich das Gegenteil von dem meint, worum es geht) wird durch Türhüterinstanzen gefiltert. Ich bin anwesend und werde rechnerisch über meine Zugangsdaten erfasst (und vermutlich auch ausgewertet), aber meine Teilhabe wird außerhalb der reinen Reaktion jeder weiteren Dimension beraubt. Wäre es eine anonyme Fernsehübertragung, würde ich es ausschalten. Aber es geht um die Diskussion sehr wesentlicher Voraussetzungen meiner Arbeit in einer Zeit großer, globaler Verunsicherung. In dieser Situation wäre die Sichtbarkeit meiner Kolleginnen und Kollegen – ebenso wie auch meine eigene Sichtbarkeit – für mich von großer Bedeutung. Es wäre ein professioneller Umgang, diese Art von Bedürfnissen im Vorfeld zu ergründen und ihnen in der technischen Umsetzung eine Verwirklichung zu ermöglichen. Üblicherweise funktioniert es umgekehrt, die Technik dient als Begründung für eine einseitig angelegte Ansprache an Stelle einer echten Diskussion. Aber hier trügt der Schein: Der Wunsch nach horizontaler Kommunikation kam bereits vor der technischen Modellierung abhanden. Erreichbarkeit im Inneren des Schwarm muss vorher für wesentlich erachtet werden und entsprechend implementiert sein.

Meine Kolleginnen und Kollegen arbeiten in den unterschiedlichsten Regionen der Welt. Sehr viele von ihnen sind in der gleichen Lage wie ich: Wegen der geschlossenen Grenzen sind wir mehr oder weniger freiwillig in unseren Gastländern geblieben und beobachten aus erster Hand, wie die Auswirkungen der Pandemie den Alltag an unseren Arbeits- und Wohnorten beeinflussen und verändern. Es wäre großartig gewesen, mehr darüber zu erfahren, was sich in diesen völlig anderen Umgebungen abspielt. Es ist vielleicht nötig, sich selbstständig zu vernetzen, diese Erfahrungen festzuhalten und dem Archiv der Gegenwart zur Verfügung zu stellen. Im Moment führt der Schock zu einer Erstarrung. Aber wenn es vorbei ist, werden die Details verloren gehen oder ihre Anornung ändern. Dann überformt die Gedächtnisstruktur die unmittelbare Wahrnehmung.

Draußen herrscht der sibirische Sommer. Es ist heiß, niemand trägt eine Maske. Die Zahlen in Irkutsk sehen nicht gut aus. Gerade wurde die „Selbstisolation“ um zwei weitere Wochen verlängert. Jede Nacht sterben Leute in den Krankenhäusern. Am Morgen liest man es in den Blogs. Die Mauersegler kreisen über den Häusern. Die Stadt ist leer, die Leute fahren zum Strand oder auf die Datschen. Meine Katze hat einen neuen Ort erkundet. Jetzt schläft sie im Kindergarten zwischen den Kuscheltieren. Die Kinder sind begeistert. Die Erzieherin öffnet extra das Fenster, damit die Katze pünktlich zum Mittagsschlaf auftaucht. Die Maske hängt aus der Kitteltasche. Die Kinder bekommen Angst, wenn ihre Erzieherin mit der Maske vor dem Mund eine Einschlafgeschichte vorliest.

Mit dem Kopf in der Toilettenschüssel

Neues Drama in Irkutsk

Wenn du an deinem Hochzeitstag mit dem Kopf im Toilettenbecken einschläfst, dann ist in deinem Leben etwas schief gelaufen. Egal, was du sonst noch machst, irgendwo in deinem System sitzt ein Virus, der demnächst auch den Rest von dir mit seinem Erbgut überschwemmen wird, und dann ist Schluss. Es macht Sinn, wenn du dich durch die Rohre zwängst und in der Kanalisation verschwindest. Schlimmer wird es nicht kommen, denn du befindest dich bereits weit, weit hinter der Markierung für den Brechreiz.

Das Stück heißt „Das Leben ist gut“ oder irgendwie so ähnlich, richtig genau lässt es sich nicht erfassen (Pavel Prjaschko: „Das Leben ist gut“/“Жизнь удалась“).

http://www.theatre-library.ru/files/p/pryazhko/pryazhko_2121.doc

https://henschel-schauspiel.de/de/person/1910

Im Russischen gibt es einen Hauch von Dynamik, der in der Übersetzung verschwindet. Es beginnt mit einem katastrophalen Horizont von Langeweile und Demütigung durch einen bleigrauen Alltag. Wenn man den Text liest, hält man es eigentlich kaum aus: sie reden schmutzig, sie wälzen sich herum, es ist hoffnungslos, es gibt nicht den geringsten Grund, sich mit ihnen zu befassen. Es ist weder innovativ, noch spannend, noch sonst irgendetwas. Es ist ganz einfach furchtbar.

Draußen schneit es bei Minus zwanzig Grad. Ich denke, dass ich zu Hause bleibe. Hier habe ich wenigstens die Katze. Ich denke an den Bus, der mich mit Leuten zusammenbringt, die möglicherweise genauso leben. Ich sehe in meiner warmen Wohnung in den Spiegel und frage mich, ob es mir tatsächlich besser geht. Wahrscheinlich ja. Mit einem Kaffee in der Hand ganz gewiss. Aber es gab in meinem Leben auch die Zeit, da wäre der Strudel der Klospülung so etwas wie ein Zitat aus der Bibel gewesen: Die Paradiesflüsse münden in ihrer Majestät am letzten Ort unserer Bestimmung (1.Mose 2,11).

Dann fahre ich doch ins Theater und es gibt keinen Grund zur Reue. Auf dem Weg durch die tief verschneite Stadt gerate ich in einen Spielzeugladen, eine vergoldete Insel der Träume. Lange stehe ich mit der Verkäuferin vor dem Regal. Wir wählen ein winziges „Townhouse“ (Таунхаус), wohl eher unsere Vison von einem Paradies, als das der Kinder. Die ahnungslosen Kinder wissen ja nicht, was ihnen später blüht. Das Nest für das glückliche Leben, der Trost, die Entschädigung für das, was die verabscheuenswerte Wirklichkeit niemals hinbekommt.

So ähnlich ist dann einige Meter weiter im Theater. Das Theater befindet sich im Keller, nicht größer als eine Wohnküche. Auf der Holzbank drücken die Nachbarn rechts und links gegen die Schultern. Es ist nicht gerade das, was wir unter einem Theater verstehen. Das besitzen sie hier in Irkutsk durchaus, die wohlhabenden Kaufleute haben sich vor einhundertzwanzig Jahren eine Kopie der Mailänder Skala in ihr „Sibirisches Paris“ setzen lassen. Dort starrt man mit offenem Mund auf die Leuchter an der Decke. Im Gegensatz dazu ist das Neue Drama ein familliärer, einfacher Ort, ein Ort der Nähe, jeder kennt die anderen, sie kennen sogar mich, diese Ausländerin, die sich an den „nicht so deutschen“ Orten herumtreibt.

Warum machen sie dieses Stück? Es ist das dritte Stück in relativ kurzer Zeit, dass sich mit katastrophalen Familienbeziehungen abgibt. Ein anderes aus dieser Reihe („Illusionen“ von Wyrypajew) wird auch in Deutschland gespielt, angeblich entstand das Stück für das Theater in Chemnitz. Es hat einen mittellangen Bart, die Uraufführung war 2011.

https://henschel-schauspiel.de/de/meldung/407

https://www.youtube.com/watch?reload=9&v=nBQHaCMrlA0

Hier ist das Thema die Lüge als Grundlage von Ehe- und anderen Beziehungen. Männer- und Frauenrollen sind eher offen und lassen den Darstellern sehr viel Raum. Man könnte sie geschlechtsneutral besetzen. Mir hätte das besser gefallen, aber so war es nun einmal nicht gemeint. Aber was ist das, was gemeint war? Im Unterschied zu den anderen beiden Stücken besuchen wir eine heile Welt irgendwo in den USA (Aussage des Autors) – aber warum? Was machen wir dort? Protagonisten, über die wir sonst nichts erfahren, haben ein Leben lang gelogen. Die Grundlage der Existenz ist so etwas wie eine Eisscholle, von der man jetzt schon weiß, dass sie sich im Sommer auflöst und ohne Probleme durch die Kanalisation verschwindet. Ist das der gemeinsam Nenner?

Ich sage, dass das Leben gut ist. Und dann kotze ich auf meiner Hochzeit und schlafe mit dem Kopf im Inneren einer Kloschüssel meinen Rausch aus. Ich denke, dass ich meine Frau geliebt habe, und dann entdecke ich, dass das zu keinem Zeitpunkt der Fall war. Ich glaube, dass das Leben irgendeinen Sinn enthält, und dann schenkt mir jemand eine Mütze mit dem falschen Verschluss, und der Rest bricht um mich herum zusammen („Kedy/Turnschuhe“ von Ljuba Strischok). Drei Stücke, alle in etwa zehn Jahre alt, bringen eine bestimmte Art von Pest auf die Bühne. Diese Pest hatte auf ihrer Reise in die Provinz keinerlei Eile, aber jetzt ist sie da. Was genau sind die Symptome?

Hier in Ostsibirien scheint der innere Zusammenhalt eine zentrale Größe zu sein. Es gibt ein „Wir“, welches Zugewanderte ausschließt, sich selbst positiv bestätigt und zumindest zum Teil auch die Freundlichkeit im Umgang aus der Stabilität der Abgrenzung bezieht. Mir macht das im Alltag zum Teil erheblich zu schaffen. Aber was passiert, wenn sich im Inneren der Schutzbunker alles auflöst und die ewige Gemeinschaft zu irgendeiner Brühe verkocht, wo man die Knochen nicht mehr von den Zwiebeln unterscheiden kann? Dann wird das Leben wirklich schwierig.

Dann braucht es Ideologie, um durchzuhalten. Und das haben diese Stücke alle drei nicht einmal im Ansatz: Sie sind nicht einmal oberflächlich ideologisch kandiert. Da sitzt man eingezwängt zwischen den anderen in diesem Theaterkeller und draußen weht der Schneesturm. Und was haben diese Nachbarn in ihren Köpfen? Und der Busfahrer? Und die Zahnärztin? Und die Schauspielerin da vorne, die das in einer Weise spielt, dass es gar nicht auffällt, dass sie gerade ihren Beruf ausübt? Woher kommt das? Sollte man vielleicht überhaupt zu Hause bleiben und die Badezimmertür verriegeln und Kopfhörer aufsetzen? Oder einen Ego-Shooter in der Badewanne spielen? Das wäre dann wieder die Einstiegsfrage und die Essenz des glücklichen Lebens: Der Schlaf mit dem Kopf im Klo.

Andere Ortszeit: Papa liebt die Lebensmittel in der Heimat

„Sportschuhe“ im Drama-Studio Irkutsk

Fünf Stunden Flug aus Moskau sind fünf Stunden Flugzeugverpflegung und fünf Stunden mit dem Atem des Nachbarn im Gesicht und der zusammengedrückten Frisur der Dame im Vordersessel nahezu in der eigenen Plastiktasse. Tief unten brannte in diesem Sommer die Taiga. Maria Wolkonskaja, die Frau des Dekabristen Sergei Wolkonski, benötigte für den Weg von Moskau nach Irkutsk unfassbare 21 Tage. Sie reiste im Schlitten, ohne angemessene Verpflegung, nur hin und wieder trank sie Tee, wenn der Samowar in irgendeiner Poststation gerade geheizt war. Damals und auch heute reist man nicht nur durch den Raum, man durchquert außerdem, für alle Sinne unverkennbar, die Dimension der Zeit. Die ersten Lebensmittel auf dem Boden schmecken nach einem anderen Jahrzehnt. Oder sogar nach einer anderen Welt, die dort, wo man herkommt, vollkommen unbekannt ist.

Bezogen auf die Kultur (und hier vor allem auf das Theater) fällt dieser Unterschied besonders stark ins Gewicht. Man könnte jeder Flugstunde (und dem mit ihr verbundenen Zeitunterschied) in etwa ein Jahr an kultureller Entwicklung zuordnen. Das Trägheitsmoment der provinziellen Verweigerung ist dabei gar nicht mitgerechnet. Auch nicht der grundsätzlich andere Blick auf das Phänomen „Kultur“: Während Maria Wolkonskaja die Taiga mit einem auf den Schlitten gebundenen Klavichord durchquert, wird sie selbst zur Astronautin. Die Grenze zwischen Nichtkultur und Kultur umschließt sie wie eine Kapsel. Nichtkultur ist hier auf eine andere Weise real, nicht nur durch die Präsenz der Wälder. Sie lauert in jedem Zwischenraum, unter jeder Treppenstufe, neben den Straßenbahngleisen und im Schatten der Universität. Und natürlich dort, wo Menschen zusammenkommen, essen, trinken, über Pläne sprechen.

Irkutsk besitzt einen wunderbaren botanischen Garten. Auch dieser Garten existiert im Inneren einer Kapsel. Ihn umgibt eine Übermacht an unstrukturierter Zersetzung, die nicht einmal vor Beton oder Eisenträgern haltmacht. Ich frage mich, welche Art von Heldentum erforderlich ist, um in dieses diffuse Chaos das blühende Paradies eines englisch-russisch-koreanischen Gartenwunders zu implementieren. Zeitfressend, zeitlos schön und wahrscheinlich in ein zwei Jahren zersetzt und weggefressen, wenn der Widerstand auch nur kurzfristig nachlässt. Stalin hatte da wie so oft seine spezifischen Pläne, aber glücklicherweise keinen Erfolg. Die Kapsel hielt es aus.

Nichts zu wollen, ist hier auf eine andere Weise normal. Der Text für das Stück, über das ich schreibe, entstand in Petersburg (Autorin: Ljuba Strizak). Die erste Präsentation erfolgte 2012 in Moskau als szenische Lesung im Teatr Doc. Keine Kostüme, keine feste Rollenzuschreibung, als zentrales Accessoire diente das Telefon. Es zwang die Figuren, zu sprechen, zu lesen, Pläne umzuwerfen, pausenlos, ohne Aussicht auf irgendeine Art von Ankunft. Das passte damals gut zu Moskau. Hier in Irkutsk hat jede Ankunft eine geradezu materielle Konsistenz. Man braucht sich gar nicht vor Augen zu halten, was ein erneuter Aufbruch mit sich bringt. Bezogen auf kulturelle Erscheinungen braucht man von hier aus eine Art Raumanzug. Und das mit den Lebensmitteln wird kompliziert.

https://pluggedin.ru/open/recenziya-na-kedy-centr-dramaturgii-i-reghissury-kedy-narkotiki-i-rok-n-roll-10322

https://gogolcenter.com/we/lyuba-strizhak/

So viele andere Dinge werden problematisch, wenn man in einem Raumanzug herumläuft: reden, spucken, Gesichter erkennen, gemeinsames Saufen, Sex. Kein Wunder, dass Papa wie ein Tennisball gegen die Wand springt, als er endlich wieder daheim ist. Daheim bedeutet wohl in Irkutsk, dass alles andere sehr weit weg ist. Schrecklich dieser Zwang zu Kultur und Verzicht. Freiheit heißt, sich in der eigenen Wohnung als Hauschwein über den Teppich zu wälzen. Das ist so etwas wie eine Anteilhabe am tieferen Sinn des Lebens. Man kann auch Polonaise tanzen, rassistische Witze erzählen, die Ökologiebewegung verarschen oder einfach in den Bus kotzen. Es fühlt sich gut an.

Das Srück „Kedi“ (Sportschuhe) kommt in Irkutsk im Theaterstudio „Novaja Drama“ auf die Bühne, wie in Moskau in einem Keller, vollgestopft mit enthusiastischen Leuten.

https://centr-novaya-drama.timepad.ru/event/1093493/

https://vk.com/novayadrama

Offensichtlich ist es dort egal, wer Regie führt. Man findet nirgends einen Namen, aber ich habe ihn gesehen. Er saß direkt neben mir, es war die Premiere, er war mit der ganzen Seele auf der Bühne bei seinen Spielern. Der Raum ist winzig, nicht nur für das Publikum, das mit angezogenen Beinen aufeinander hockt, auch auf der Bühne kann man sich eigentlich kaum bewegen. Während der Szene, in der die Rückkehr des Vaters zelebriert wird, fasst mir die Platzangst an mein Herz. Aber es kommt noch wesentlich schlimmer. Das Ensemble, offensichtlich die Schauspielstudenten eines Jahrgangs gemeinsam mit den bereits bekannten Darstellern des Studios, drängelt und quetscht sich in seiner Gesamtheit zwischen den Wänden, als wäre das eine überfüllte Zelle in irgendeinem Untersuchungs-Isolator nach irgendeinem schrecklichen Ereignis. Hier erübrigt es sich, über derartige Ereignisse noch irgendwelche weiteren Worte zu verlieren.

Sie sehen ziemlich cool aus, ein wenig übertrieben cool für eine Stadt wie Irkutsk. Es gab im Vorfeld einen Aufruf in den sozialen Netzwerken, Kleidung beizusteuern. Das Publikum hat offensichtlich reagiert. Somit drängelt sich eine Truppe geradezu übercooler Gestalten unter einem aufgehängten Fahrrad, flucht, raucht, hängt herum, nur die Moskauer Hektik stellt sich einfach nicht ein. Da hilft auch der Teppich aus Musikfetzen nicht weiter. An dieser Stelle hakt es, das Trägheitsmoment der Zeitreise erweist sich als unüberwindbar.

Es gibt sogar eine Handlung. Eigentlich heißt es in der Stückbeschreibung, dass die Handlung überflüssig sei, aber sie schleicht sich in Irkutsk in die Dialoge, setzt Fett an und wird unangemessen aufdringlich. Da ist eine junge Frau. Da ist der Protagonist, der hat ihr ein Kind gemacht. Da sind die hoffnungslos katastrophalen Eltern, Stiefeltern, Schwiegereltern und noch irgendwelche weiteren Gestalten, die vielleicht einfach zum Team gehören und auch dabei mitarbeiten möchten, den knappen Raum irgendwie zuzustopfen. Der Protagonist hat einen Freund, der heiratet die schwangere Frau, warum ist nicht so ganz verständlich. Die Männer haben Ziele oder gerade keine Ziele, was immerhin auch ein Zustand ist. Die Frauen sind schwanger oder auch nicht, was eigentlich egal bleibt.

Insofern entspricht die Aufführung sehr genau der inneren Haltung hier in Irkutsk. Ich bin jedoch nicht sicher, dass sie damit absichtsvoll etwas auf die Bühne gebracht haben, das ihnen ansonsten fern liegt. Es riecht ein wenig nach dem verräterischen Nebensatz, der mehr sagt, als die ganze einstudierte Rede. Man bräuchte ein paar Fotos aus meiner Universität: So, wie sie da herumlaufen, werden sie noch die kommenden dreihundert Jahre im Viktorianischen Zeitalter verharren. Wobei es damals ebenfalls aufrührerische Weltenwechsler gab, die uns bis heute in Atem halten. Und das ist dann auch die nie versiegende Quelle der Hoffnung. Im letzten Bus, der bis raus an den Stadtrand verkehrt, sitzen die echten Jäger der Nacht. Die würden auch im Dschungel der Großstadt die nahegelegene Zukunft erreichen.

Schrödingers Gott

Priester werden – Zeitgenössisches Theater in Moskau

http://teatrdoc.ru/events.php?id=245

Manche Menschen mögen Hunde, andere mögen Katzen. Manche fahren lieber nach Petersburg, die anderen sind lieber in Moskau. Ich habe Moskau schon immer gemocht. Das ist inzwischen die Geschichte einer längeren Zuneigung: Meine erste Reise fand 1974 statt, damals pilgerten wir noch in das GUM, wo es Schallplatten von den Beatles gab und das berühmte russische Parfüm „Krasnaja Moskwa“ umgab unsere Lehrerinnen wie ein luxuriöser Mantel. Moskau hat seitdem unendlich viele Metamorphosen erlebt. Die alten, klassischen Parfüms kann man inzwischen wieder kaufen. Da ich jetzt selbst eine Lehrerin bin, benutze ich eins davon, und das macht mich ausgesprochen glücklich.

https://www.fragrantica.com/news/Krasnaya-Moskva-or-Red-Moscow-by-Novaya-Zarya-504.html

Als Teenager war ich von der Stadt erschlagen. Es war die größte Stadt, die ich kannte und riesiger, als alles, was in meinem Kinderkopf Platz fand. Inzwischen habe ich in Schanghai gearbeitet, aber Moskau ist noch immer das, was ich mir unter einer echten Großstadt vorstelle. Vielleicht auch, weil niemand wirklich weiß, wie viele Leute dort eigentlich leben. Weil alles flüchtig ist, und es dennoch Ecken und Winkel gibt, in denen die Zeit eingefroren ist und dieselben Großväter im Unterhemd mit ihren alten Katzen aus den Fenstern schauen.

Der Bundestag hat in Berlin für seine Ausschüsse ein Gebäude errichtet, in dem ohne Probleme mehrere Hubschrauber gleichzeitig herumfliegen können. Vielleicht kann man dort in näherer Zukunft eine Zeltstadt für die inzwischen obdachlos gewordenen Familien einrichten. Dann müssen sich die Miethaie der Stadt nicht mehr anhören, dass sie Menschenfresser sind. Und die bedürftige Mittelschicht kann Heizkosten sparen, denn der Bundestag lässt seinen überdachten Repräsentationsacker ohnehin klimatisieren. In Moskau denkt man sich die Metro als Parallele. Aber anders als in den überwiegend leeren Hallen unserer einheimischen Demokratie schieben sich täglich und stündlich endlos viele Menschen durch das unterirdische Paradies der Moskauer Metro. Das ist vielleicht der Grund, warum man Moskau immer wieder Rastlosigkeit bescheinigt. Im Gedränge der Moskauer Umsteigebahnhöfe einfach stehen zu bleiben, ist gefährlich und vielleicht auch schlicht unmöglich. Gluchowski beschreibt die Metro als unterirdisches Reich, zerfallen in Einzelterritorien rivalisierender Stämme. Tatsächlich fließt sie und mischt die Ströme der Stadt zu einer unüberschaubaren Suppe. Aber Gluchowskis Romane spielen auch erst nach dem Ende der uns bekannten Welt.

In diesem Beitrag geht es eigentlich um Theater. Das wirklich Irrsinnige, das ich tatsächlich nicht verarbeiten kann, besteht im Auseinanderfallen der Zeit an ein und demselben Ort. In Berlin schützen die Wände aus Waschbeton die Parlamentarier vor der Wirklichkeit, die hinter dem Bahnhof Friedrichstraße beginnt. Was da in dem als „demokratisch“ und „transparent“ konzipierten Gebäude stattfindet, gehört vielleicht tatsächlich eher in das Reich der Romane von Gluchowski.

https://www.wired.de/article/der-science-fiction-autor-dmitri-gluchowski-glaubt-nicht-dass-wir-2029-chips-im-kopf-haben

Dort gibt es mehr Wände als Brücken und alle hängen sie in einem Spinnennetz aus Machthunger und kaum einer schafft es, den eigenen Egoismus zu überwinden. Das reale Moskau bietet als Bezugspunkt riesige Einkaufszentren, die so ebenso leer sind, wie das „Paul-Löbe-Haus“. In einem davon, hat sich das Dokumentartheater von Jurij Schechvatov eingenistet, als Gast von NOL Project/Moskau.

Ich stelle mir das in Berlin vor: Oben neben dem Raum für Staubsauger und Klopapier gibt es eine Bühne. Jeden Abend betreten etwa fünfzig Personen das gesicherte Gelände, um gemeinsam über die ausgesperrte Gegenwart nachzudenken und tatsächlich darüber zu sprechen, wie man mit ihr umgeht. Aber hier hakt es aus. Das wird so nicht passieren, es sei denn, sie öffnen das Gebäude tatsächlich für die wohnungslose Durchschnittsbevölkerung der Stadt.

https://www.bundestag.de/besuche/architektur/loebehaus/nutzung/nutzung/198898

https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/volksinitiative-in-berlin-der-mann-der-die-deutsche-wohnen-enteignen-will/23897432.html

In Moskau streife ich notgedrungen an Luxusgeschäften und merkwürdigen Sporteinrichtungen vorbei, verliere die Orientierung in einem kostenlosen Toilettenpalast, blicke ratlos über endlose Reihen von sinnlosen Läden in mehreren fast menschenleeren Etagen. Der Weg war erstaunlich kurz, ich habe es gut gefunden. Nun schlage ich die Zeit tot. Vor wenigen Minuten bin ich durch ein Wohnviertel aus den 70ern gerutscht, eisiger Wind, alte Frauen mit Einkaufstasche und Hündchen. Aus kleinen Lebensmittelläden sickert warmes Licht, rauchende Verkäuferinnen stehen im Schnee. Wenn ich nach dem Einkaufszentrum frage, stöhnen sie und zucken mit den Schultern. Aber als es im Zwielicht auftaucht, ist es ganz nah. Riesig, strahlend und fremd. Eingeflogen von sonstwoher, aber sie haben guten Kaffee. Und der Kellner ist sympathisch und sehr freundlich.

Wie bei einer Matrjoschka schält sich aus dem Inneren des minimalistischen Theaters eine weitere Welt, diesmal jedoch nur noch flüchtig, virtuell, im Spiel verankert. Es ist der innerste Kern in der vielschichtigen Täuschung von Baba Yaga: Realität ist nur noch eine Behauptung. Außen der Umkreis des sozialistischen Wohnungsbaus (natürlich längst privatisiert), dazwischen eingepflanzt das Raumschiff des Konsums, in dessen oberster Schicht das kleine zeitgenössische Theater und in dessen Herz (wie im Herz des Hasen) die Welt von vier jungen Männern, deren persönliches Ziel darin besteht, orthodoxer Priester zu werden. Das spielt das Kollektiv im modernen Moskau, in einer der größten Städte der Welt. Es ist extrem sympathisch. Es gibt die Bekundung von Solidarität mit den Kolleginnen und Kollegen, die in Schwierigkeiten stecken. Es gibt ein junges, absolut aufgeschlossenes Publikum. Es hat einen Anflug von Existentialismus. Tatsächlich erblicke ich in den Händen einer Frau einen Band von Sartre.

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Es ist weniger ein Drama und eher eine Performance. Die Priesterschüler werden von Frauen dargestellt, sehr gute Performerinnen (oder doch eher Schauspielrinnen? Stanislawskischule?) Warum will ein junger Mann in dieser Gegenwart in der Welt von Kirche und Glauben leben? Es gibt keine sensationellen, zitierfähigen Sprüche. Es gibt ein langsames, sich immer neu erfindendes Fließen von Möglichkeiten, von Abweichung und Rückkehr in Hauptstrom. Es ist eine Beobachtung und keine Bewertung, verfremdet durch das Vortragsform der Frauen. Vielleicht ähnelt es der tatsächlichen Lebensweise des Priesters irgendwo draußen in der Provinz: Kinder taufen, Texte vortragen, Tote begleiten, auf Familienfeiern sitzen und zum Essen genötigt werden. Vodka trinken und zuhören, bis es nicht mehr geht. Die Litanei als Lebensgerüst und als weitere Schale zur Abwehr des immer weniger kontrollierbaren Außen. Einmal wird es demonstrativ gesagt: Es geht um den Wunsch nach einem System, das stark genug ist, um zu schützen. Der schwarze Priestermantel als Symbol: Wieder und wieder zusammengefaltet wird er im Ritual die Haut sein, die das Innen vom Außen trennt, das Normale abschneidet und das Innere isoliert. Eine persönliche Echokammer aus Stoff. Wenn sie dann zusammensitzen und gemeinsam trinken, öffnet sich das Kleidungsstück ein wenig, aber nicht genug, damit es abfällt.

Können Maschinen lügen? Lügt Claas Relotius?

Ist die Lüge etwas, das der Mensch dem Algorithmus voraus hat?

Auch die Wahrheit eignet sich zum Lügen. Automatische Nachrichtenerzeugung generiert den Text ausnahmslos aus den sogenannten Fakten. Literatur lügt immer und transportiert doch oft genug die erlebte oder gefühlte Wahrheit. Und die professionellen Journalisten? Schreiben die im Gegensatz zu den Schriftstellern normalerweise über die Wahrheit? Ist so etwas überhaupt zu leisten? Auch Journalisten treffen gezwungener Maßen eine Auswahl. Ohne das Prinzip der Verdichtung entsteht in keiner Umgebung ein lesbarer Text. Die Einfügungen, die aus der normgerecht amputierten Anordnung wieder lebendige Ereignisse werden lassen, gehen im Regelfall auf das Konto der Leser. Wenn es dann knirscht, weiß der Leser möglicherweise mehr als der Autor. Aber worüber eigentlich? Über eine selbst geleistete Forschungsarbeit oder über die eigene Krankheit oder über das Vorkommen früheisenzeitlicher Schwerter, die man selbst im Nebel der sächsisch-brandenburgischen Moore illegal ausgräbt?

Claas Relotius hat so getan, als ob er neben einer äußerst seltsamen Frau im Bus fuhr, als diese ihrer Lebenserfahrung einen weiteren Todestrakt hinzufügen wollte. Und später hat er den Eindruck erweckt, dass er mit ihr gemeinsam diese fragwürdige Reise bis zum Ende geteilt hat. Er hat uns das Erlebnis einer Hinrichtung vorgegaukelt, ohne das Gebäude selbst auch nur betreten zu haben. Es gibt ein Problem mit der Authentizität. Es gibt eine Lücke zwischen dem „das hätte so passieren können“ und dem „das ist tatsächlich so passiert“. Und weiter? Ist das, was ich sonst so lese, in irgend einer Hinsicht realer? Wenn ich den Spiegel in die Hand nehme, fesselt mich der Teil über die Wissenschaft. Von Physik oder von Endokrinologie habe ich nicht die geringste Ahnung. Ich lese und denke, dass ich etwas lerne. Aber wenn es um Sprache geht oder gar um mittelalterliche Geschichte, dann verlässt mich das Vergnügen. Diese Fächer habe ich studiert. Dann knirsche ich mit den Zähnen. Tiefer Ärger erfasst mich bei oberflächlichen, dem Klischee verhafteten Beiträgen über Länder, in denen ich gelebt habe: Serbien, Litauen, Russland. Ist das, was der Spiegel hier immer wieder verbreitet, eine Form von Wahrheit?

Geht es möglicherweise gar nicht anders? Was mache ich denn selbst, wenn ich an meinem neuen Wohnort (Irkutsk am Baikalsee) die Kamera auf Dinge und Situationen richte, von denen ich glaube, dass sie bei meinen Freunden Interesse wecken? Fotografiere ich die großzügig ausgestatteten Räume im Sprachenzentrum oder das mehr als zeitgemäße Kundenmanagement in der Bank? Ich fotografiere die Straßenbahn, die seit neunzig Jahren unverändert durch den Schnee fährt und die alten Frauen, die aussehen, als wären sie von Anfang an dabei. Das schafft Aufmerksamkeit. Das mit der Bank ist unmarkierter Alltag, denkbar in Barcelona, Schanghai oder Belgrad.

Wäre Claas Relotius ein Schriftsteller, hätte er möglicherweise ebenso viele Preise gewonnen und könnte sie nun ohne Schwierigkeiten behalten. Das Problem sind nicht die Texte, das Problem ist das Etikett. Ehrlich gesagt beruhigt mich die Information, dass es im Spiegel eine sogenannte Dokumentation gibt, überhaupt nicht. Wenn dort professionelle Mitarbeiter die Farbe der Steine in irgendwelchen Gebirgen überprüfen, wird der allgemeine Unsinn dadurch zwar unangreifbarer, aber keineswegs richtig. Ein wenig erhebt sich die Frage, ob es überhaupt noch Leute gibt, die von einem Artikel in den führenden Medien „Wahrheit“ erwarten. Was ist diese Wahrheit anderes, als das Zusammentreffen mit dem, was man vorher bereits gewusst hat?

Ist Relotius vielleicht trotz allem ein ziemlich guter Autor? Für meinen Geschmack ganz sicher ein wenig zu grell, aber in jeder Hinsicht erfolgsberechtigt? Man könnte seine Reportagen sammeln und als Band von Kurzgeschichten veröffentlichen oder als Band von etwas, was sie tatsächlich sind: fiktive Texte im Textformat der politischen Dokumentation. Wenn ich einen Verlag besitzen würde, dann wäre das für mich ein Anlass, Geld zu investieren. Ich würde die Texte kaufen. Das mit der Frau, die regelmäßig zu Hinrichtungen reist, wäre die Vorlage für ein spektakuläres Drehbuch. Vielleicht passiert das noch. Die Erfindung der Idee und die Recherche der möglichen Wirklichkeitsverankerung einer solchen Idee hätten den Erfolg verdient. Auch wenn sich das hier wie Spott liest, meine ich es zumindest teilweise ernst. Ein guter Text unter der falschen Überschrift wird in unseren Augen zum Bastard. Aber es bleibt ein guter Text.

Was der Spiegel gerade vorführt, ist die Vorlage für eine Doku, die wir uns in zehn Jahren ansehen werden. Mir stehen die Haare zu Berge, wenn ich mir vorstelle, wie es ist, in der Zukunft dort zu arbeiten. Es muss reißerisch sein, es muss faktisch richtig wirken, es muss als Ware verkäuflich bleiben und es muss in einer Atmosphäre aus Misstrauen und Kontrolle zu seiner Reife finden. Das ist für mich der komplette Alptraum. Mein Institut hat den Spiegel abonniert. Ich nehme an, dass der Umschlag in Zukunft deutlich nach Schweiß riecht.

 

 

Geisterstunde am Alexanderplatz

Verschwundene Mönche und vergessener Sozialismus: „Rot oder Tot“ in der Klosterstraße

https://www.theaterdiscounter.de/stuecke/rot-oder-tot

http://www.caromillner.com/eleganz-aus-reflex/

Wenn man sich in der Klosterstraße mit dem Rücken an die Betonwand lehnt, hinter der es zum Theaterdiscounter und auch zu den Studios von Constanza Macras geht, blickt man auf die zugebaute Rückwand der ehemaligen Einkaufspassage in der Spandauer Straße. Dort befand sich das Traumland der DDR. Englischer Tee und trockener Weißwein aus Frankreich. Hemden, Röcke, Stiefel. Dort habe ich als junge Frau in den winddurchwehten Durchgängen Schlange gestanden, um einen Blick auf die Objekte meiner Begierde zu werfen. Und hin und wieder habe ich ein Fünftel meines Monatgehaltes als Krankenschwester dorthin getragen, um mit einem Paar italienischer Sandalen herauszuspazieren. Heute rasen die Autos vorbei und die Einkaufsströme fließen von Saturn zu Alexa. Damals, in dieser anderen Galaxie, hatte der einzelne Gegenstand einen nahezu rituellen Wert. Das eine Hemd aus dem Jahr 1974, bei dem dann eines Tages der rechte Ärmel abriss. Die unbezahlbaren Schuhe, in die der eifersüchtige Kater gepinkelt hat, sodass man sie auf die Straße stellen musste, bis sie irgendjemand geklaut hat.

War das schlimm? War das ein Grund, die verdammte DDR zu verlassen und nach Westberlin zu ziehen? War das der Grund für den Abbruch all meiner Beziehungen aus der Jugend? Nein. Auf keinen Fall. Obwohl mir Hemden, Röcke, Stiefel wichtig waren und ich lange darüber nachgedacht habe, wie sie aufgetrieben werden konnten, gab das nicht den Ausschlag. Wäre ich in einem bettelarmen, aber offenen Land dabei geblieben und bereit gewesen, einen Job in irgendeiner entfernten Provinzschule anzutreten? Vielleicht, vermutlich ja. Gestern stand ich zwischen den Ruinenwänden der Klosterkirche, wo natürlich nicht die geringste Spur der Bettelmönche zurückblieb, und starrte durch den Nachthimmel auf die mutierten Machtsymbole aus der Zeit von Walter Ulbricht. Fernsehturm, Hotel Stadt Berlin, der Alexanderplatz mit seinen inzwischen verbauten Achsen. Ich kam aus einem für mein Verständnis verstörenden Stück. Die DDR als spieltheoretischer Ansatz, als Projektionsfläche für einen Gegenentwurf zu dem Jetzt, in dem wir leben. Das ist für mich nicht selbstverständlich. Daran habe ich hart zu nagen.

Es hat mir als Theater gefallen. Sehr reduziert, auch an die siebziger Jahre angepasst, an den Stil der Bühne als Labor und an den strengen, kontrollierenden Blick von Bertolt Brecht aus dem Himmel der theatertheoretischen Autorität. Es riecht ein wenig nach Grotowski. Ausgerichtet auf das Thema, ohne Firlefanz, ohne Spiegelfläche für irgendein subjektives Hineingleiten in die Abgründe von Persönlichkeit oder Seele. Absolut spaßfrei, kein Video, keine bunten Lampen, Musik ausschließlich als zeitgenössisches Dokument. Und das war schlimm genug. Ich habe die traurigen Opfergesänge von Bettina Wegner noch nie ertragen, und wenn ich damals aus Pflichtbewusstsein mit in diesen Kirchen gestanden habe, ging es mir gar nicht gut. Kirche, Kerzen und Bettina Wegner und draußen die Stasitypen – daraus errechnet mein Kopf Stagnation und komplette Beschränkung des Denkens. Das war das eigentliche Problem: die Unfähigkeit, das intellektuelle Rattenloch zu verlassen.

Das Stück beginnt damit, dass die Figuren darüber diskutieren, ob es Sinn macht, eine Mauer zu errichten. Es war ein seltsames Erlebnis. Das hätte tatsächlich zu einem authentischen Reenactment gepasst, vorausgesetzt, es hätte jemals eine Diskussion im Vorfeld des Mauerbaus gegeben. Wo genau gab es die? Oder gab es keine und Ulbricht hatte einen Traum, den er dann von Honecker umsetzen ließ? Haben die in ihren mehrfach versiegelten Geheimnisräumen die Frage des Mauerbaus diskutiert? Hat es unter der Hand Hinweise gegeben? Ich weiß, dass mein Vater tief in der Nacht auf einen Lastwagen stieg, um irgendwo in eine Kaserne einzuziehen und später eine Straße zu sperren – aber welche Straße? Und mit welchen Vorstellungen in seinem Kopf, der ja immerhin nicht zum ersten Mal einen Helm trug. Ich habe keine Ahnung.

Es ging um Brasch und um Wegner. Es ging um Generationenzerwürfnisse innerhalb der Führungsschicht der DDR. Man liest es später nach: Ja, es gab einen bewaffneten Putsch. Honecker hat Ulbricht mit Waffengewalt aus dem Amt entfernt. Die Auffassungen von der Zukunft waren nicht dieselben. Entwickelte sozialistische Gesellschaft als reales Ziel oder Weitermarsch in eine leuchtende Fata Morgana von Kommunismus? Es wirkt so unfassbar absurd aus der heutigen Perspektive. Gleichzeitig ist es aktuell, denn es spielt wie in einem Uhrwerk die Varianten der inneren Zersetzung durch, die jede Machtstruktur am Ende auflöst. Am Ende war es dann völlig egal, weil es absolut niemanden interessierte. Nachdem 4,5 Millionen an Wahlhilfe aus der CDU an die von ihr unterstützte „Allianz für Deutschland“ geflossen waren (Resultat: 48 Prozent), kommen einem die 2,9 Prozent für das Neue Forum wie ein unpassendes Gewürz in der Suppe der deutschen Zukunft vor, sei es nun West oder Ost.

http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/202873/letzte-volkskammerwahl

Bin ich inzwischen eine alte Frau, eine Zeitzeugin mit einem Erinnerungsapparat, der den Status der Bewahrungswürdigkeit verdient? Was bewegt ein Kollektiv von jungen Theaterleuten, diesen Erinnerungspilz als eigene Vergangenheit zu simulieren? Macht das nun eher Hoffnung oder ist es ganz einfach gespenstig? Neben mir saßen zwei Frauen, denen wurde zwischendurch ganz offensichtlich übel: „Diesen selben Mist habe ich auf der Parteischule hundert Mal gehört. Das bringt mich ganz einfach zum Kotzen.“ Sie irren sich. Es ist nicht derselbe Mist, wenn man ihn auf der Parteischule hört und wenn er fünfzig Jahre später in einem Theaterexperiment erklingt. Es ist nicht die gleiche Zukunft.

http://www.nd-archiv.de/ausgabe/1971-05-04

Kein Baum hier

Zu altmodisch für den Zeitgeist

Derevo in Potsdam, aber demnächst vielleicht nicht mehr im Hellerau und überhaupt in Dresden

http://www.derevo.org/live/tag/video

„Derevo“ heißt Baum. Sie wurden gefeiert und die Bilder, die sie auf der Bühne erfinden konnten, hatten den Status kreativer Wunder. Sie bespielten den Müll, die Natur, die Straße. Die Figuren wohnten irgendwo zwischen dieser Erde und der Welt der Geister oder Chimären, vielleicht auch der Roboter. So richtig klar ist das bis heute nicht. Sie trugen überwiegend Schwarz, wehende, lange Gewänder oder zerschlissene Lumpen. Die aus Petersburg stammende Company brachte den unheimlichen Nebel des alten, halb verrotteten Leningrads nach Dresden, ehe Petersburg modern wurde und die Stadt Dresden zu einem Zentrum des christlichen Abendlandes.

In Dresden residierten sie im Hellerau, wo zeitgenössisches Tanztheater stattfindet, das normalerweise nicht mit Theatergeschichte assoziiert wird. Dort hatten sie ein Studio, konnten ihre Arbeiten entwickeln, fanden ihr Publikum. Wenn sie es nicht unter freiem Himmel trafen, wo ihre symbolistische Figurensprache irgendwie mit dem Wind, dem Schrott und den Krähen kommunizierte. Wie ein Baum besaßen sie Wurzeln und eine Krone, die manchmal schwankte. Ihre Vorbilder waren der russische Symbolismus, ich denke an Meyerhold und Wachtangow, wenn ich zusehe, was sie machen. Ich kann nicht sagen, dass ich das mag. Mir ist das zu viel Verpackungsmaterial um eine weder vage, noch offene Botschaft. Zu viel Übersetzung aus der Sprache des Symbolismus in das, was wirklich gemeint ist. Ich schätze es, wenn man ohne ein Wörterbuch auskommt.

Irgendetwas derartiges muss die Stadt Dresden gedacht haben, als sie dem Projekt die Förderung zunächst kürzte und später (2018) ganz einfach strich. In der Folge zog sich auch Hellerau zurück. Das Tanztheater um Anton Adasinskiy schrieb Petitionen und viele Menschen unterzeichneten.

https://www.change.org/p/kulturausschuss-für-erhalt-der-förderung-für-derevo-in-dresden/u/22422466

Noch kann man Derevo in Dresden ansehen (7.April) und es gibt Gastspiele in Petersburg, Warschau, Woronesch. Würde ich da hingehen? Vermutlich nicht, der Eindruck in Potsdam war für mich ausreichend. Trotzdem stellt sich die Frage, worin der Auftrag von Kulturförderung besteht. Die Potsdamer Vorstellung war komplett ausverkauft. Es handelt sich um anspruchsvolles Theater, das untergründig einen schwarzen Humor pflegt, der das Lebensgefühl der Zuschauerinnen/Zuschauer trifft. Ich habe mich gelangweilt, aber ich habe mich auch schon bei Tadeusz Kantor gelangweilt, der nun wirklich weder altmodisch, noch ungenügend engagiert war. Aber er war ebenfalls ein Erfinder übersetzbarer Bilder, obwohl Kantor in Bildern immer noch besser zu ertragen war, als die Wirklichkeit die er damals kodiert hat. Auch wer das ästhetisch ablehnt, wird es nicht schaffen, den Chor der Geige spielenden SS-Uniform tragenden Klezmerfiguren jemals wieder loszuwerden.

https://www.youtube.com/watch?v=VYNi_s5gymM

In Potsdam war das Publikum mit Abstand nicht so cool wie in unseren Berliner Vorführungssälen. Es war viel zu gesprächig, schon im Vorfeld irgendwie provinziell kommunikativ und gut gelaunt. Weil es so voll war, saßen die Leute einander fast auf dem Schoß. Ich habe viel Russisch gehört. Manche hatten die Kinder mitgebracht, obwohl es für die Kinder wahrscheinlich sehr viel zu fragen gab. Nach der Vorstellung (Standing Ovations) verließ die Menge den Saal in einer Wolke aus Geschwätz und Nacherleben. Die Presse war so freundlich gestimmt wie der Saal: „Tanztheater – Ungeheuer Zärtlich“.

http://www.pnn.de/potsdam-kultur/1269895/

Was macht man damit, wenn man ein Festspielhaus leitet oder Kulturförderung verteilt? Der Vorwurf gegenüber der Company lautet Mangel an Innovation. Das kann ich gut verstehen. Aber außer mir hatte in Potsdam jeder/jede im Zuschauerraum einen ausgezeichneten Abend. Und wer bestimmt, was am Ende produziert wird? Das Geld gibt den Ausschlag. Aber wer soll es erhalten? Diejenigen, die den Trend bestimmen oder auch die abwegigen, altertümlichen, sturen Projekte, die sich dem Zeitgeist genauso unbeweglich verweigern wie ein Baum inmitten der Großstadt?

Algorithmen und Redaktion: Maschinengesteuerte Zensur beim „Freitag“?

Das Bild zeigt ein paar Sicherungskästen im Stasigefängnis in Hohenschönhausen. Manchmal versuche ich mir vorzustellen, wie es in einem Zensurbüro unter Stalin/Hitler aussah oder auch nur in der entsprechenden Abteilung bei der Staatssicherheit. Bei Telepolis gibt es so ein Bild, es sieht nicht schön aus. Es geht um das neue Netzwerkdurchsetzungsgesetz, ein hässliches Monstrum. Man mag es gar nicht fassen:

https://www.heise.de/tp/features/Bundestag-winkt-Zensurgesetz-durch-3760024.html

Was haben die menschlichen Zensoren in der Vergangenheit getan, während sie in den Büchern blätterten, die andere später nicht lesen durften? Geraucht und Kaffee getrunken? Darüber nachgegrübelt, warum es immer so stinkt, wenn eine ganze Abteilung in der Pause Kohlsuppe löffelt? Was ist da drin im Wirsingkohl, dass man später am eigenen Gestank erstickt? Ich kenne keine Fotos der Schreibtische im KGB, aber ich denke, dass es sie gibt. Bücher gibt es. Zensurbehörden schreiben Kulturgeschichte: Literaturgeschichte, Theatergeschichte, Geschichte der Presse. Der Gegenentwurf heißt Meinungsfreiheit: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstatttung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“ (Grundgesetz, Artikel 5)

Wir wissen, dass es für die Freiheit der Berichterstattung kommerzielle Beschränkungen gibt, die seit jeher dazu geführt haben, dass der Verkaufswert auf den Stellenwert von Nachrichten Einfluss ausübt. Große Nachrichtenagenturen berichten nicht ohne Grund seltener über die Innenpolitik in Afrika als über europäische und amerikanische Angelegenheiten. Hat sich hier durch die Mitwirkung von Algorithmen sehr viel geändert? Prinzipiell eher nicht, in der Durchführung sicher doch. Machen Algorithmen beim Zensieren das Gleiche wie Menschen oder gibt es tatsächlich eine neue Qualität? Ist ein „Fehler“ bei der Arbeit eines Texterkennungs/Textbewertungsdienstes wie „Deep Text“ von Facebook ein notwendiger Schritt auf dem Weg zu einer größeren Sicherheit unserer Persönlichkeitssphäre oder ein Hinweis auf einen unsichtbaren gotischen Schacht in eine Gruft mit unseren eigenen Gebeinen?

https://www.heise.de/tr/artikel/Ins-NetzDG-gegangen-3966586.html

https://www.wired.com/story/instagram-launches-ai-system-to-blast-nasty-comments/

https://code.facebook.com/posts/181565595577955/introducing-deeptext-facebook-s-text-understanding-engine/

Mich selbst hat es auf wirklich lächerliche Weise erwischt. Meine letzte Kritik aus der Berliner Volksbühne hat es nicht an den digitalen Wächtern des „Freitag“ vorbei geschafft und wurde kurzzeitig in den Arrest gesperrt. Inzwischen ist der Blogeintrag freigeschaltet, aber es bleibt die Frage, was da los war. Mir setzt die Verunsicherung zu. Ich schreibe schon eine Weile in der Community beim „Freitag“ mit, hielt das Blatt für ein linkes Presseorgan, das mir hilft, abseits vom Mainstream wichtige Impulse zu finden. Gerade jetzt steht dort das Thema Digitalisierung im Mittelpunkt und wird einer kritischen Betrachtung unterzogen. Aber was geschieht bei der Beobachtung der Bewegungen innerhalb der dem eigenen Blatt angeschlossenen Blogs? Gibt es hier eine maschinengesteuerte Vorzensur, die technisch nicht weit genug vorangetrieben ist, um eine (nicht relevante, nur ästhetisch motivierte) Theaterkritik von echter Hassrede oder hasserfülltem Kommentar zu trennen? Was eigentlich ist das? Nicht zu publizierender Inhalt innerhalb der Blogs?

Meine Kritik befasste sich mit einer Inszenierung von Susanne Kennedy. Das Stück heißt „Die Selbstmordschwestern“. Meine Vermutung war, dass eine Häufung von selbstmordbezogener Lexik zum Auslösen einer Sicherheitswarnung geführt hat. Es war wirklich keine gute Nachricht, dass im „Freitag“ so etwas zum Einsatz kommen könnte. Ein paar übermüdete Praktikanten wären mir sympathischer gewesen. Heißt das vielleicht, dass es im „Freitag“ keinerlei Berührungsängste gibt und dass man dort auch Nachrichten von Systemen verfassen lässt? Ich habe nachgefragt und sehr schnell eine Antwort erhalten. Aber meine Verunsicherung ist nicht zurückgegangen: Am Ende der Nachricht steht der Vermerk, dass der Inhalt vertraulich sei, vermutlich ebenfalls ein anonymes Formular, maschinengeneriert wie ein Serienbrief. Damit darf ich jedoch nicht posten, was mir geantwortet wurde. Und warum nicht? Wünscht die Redaktion keine Diskussion über die Digitalisierung der eigenen Kontrollmechanismen für eingereichte Texte? Benutzt man maschinelle Vorzensur, möchte jedoch vermeiden, dass es öffentlich bekannt ist?

Ich habe Semiotik studiert und maschinelle Spracherkennung gehört für mich zu den ganz großen Herausforderungen meiner Fachrichtung. Ein Teil meiner Persönlichkeit beneidet die Leute, die bei Facebook und anderswo mit so etwas befasst sind. Das ist der technische Aspekt der Sache. Zensur empfinde ich jedoch als Angriff und stufe sie als abscheulich ein. Und das sehe ich uneingeschränkt als Grundsatz. Maschinengesteuerte Zensur verzerrt das Ganze ins Absurde. Es ist lächerlich, solange man mit einer Theaterkritik hängen bleibt und nicht wirklich etwas zu sagen hat, das innerhalb kürzester Zeit kommuniziert werden soll.

https://netzpolitik.org/2018/algorithmen-regulierung-im-kontext-aktueller-gesetzgebung/#

Farbenkitsch mit Konsequenz

Suicide Sisters“ von Susanne Kennedy an der Voklsbühne

https://www.volksbuehne.berlin/de/programm/792/die-selbstmord-schwestern/3057

Für Susanne Kennedy beginnt das Problem in dem Moment, wenn eine Person die Bühne betritt und „Ich“ sagt. Hier findet sie eine Gemeinsamkeit für sich selbst und Ersan Mondtag. Beide weigern sich die Grundvoraussetzung der Verkörperung (Inkarnation) der Rolle durch den lebendigen Schauspieler/die lebendige Schauspielerin hinzunehmen. Das Theater begibt sich auf eine Zeitreise in die längst verlassene Welt der Tempel und Rituale. So etwas kann ich als Zuschauerin durchaus auch in der Umgebung einer sogenannten postdramatischen Inszenierung antreffen: In einem Restaurant werden Übergangsriten für tote Tagesküken vollzogen, Orpheus organisiert die Bewegung durch eine grenzzerstückelte Oberfläche, man erinnert sich an sich selbst, als wäre man gerade gestorben und betrachtet das eigene Ableben im Rückblick.

https://www.youtube.com/watch?v=DlwCfG4FQMg

Die postdramatische Repräsentation lebt von der Semantik der Dinge. Die Akteure weigern sich, das zu tun, was das Lehrpersonal in der Schule von Stanislawski oder Brook von einem Schauspielschüler/einer Schauspielschülerin verlangt. Entweder können sie es ganz einfach nicht, weil ihnen das entsprechende Studium fehlt oder sie verkörpern niemanden und werden in ihrer natürlichen Persönlichkeit herangezogen, vorgestellt, eingebunden, denunziert. Je nachdem, ob es um die eigene Person des jeweiligen Kollektivmitglieds geht oder um eine von außen importierte Person, empfinde ich Respekt vor der Ausstellung eines inneren Zustandes, mit dem man souverän auf der Ebene des Materials umspringt, oder winde mich in verzweifeltem Fremdschämen für einerseits schockierenden Narzismus oder andererseits enthemmte Ausnutzung einer fremden Lebenswirklichkeit für den eigenen künstlerischen Erfolg.

Weder Mondtag, noch Kennedy arbeiten mit Experten/Zeitzeugen von der Straße. Beide haben jedoch eine Gemeinsamkeit mit der performativen Szene: die unglaublich hohe Bewertung von Bühnenbild und Ausstattung. Bei Mondtag wird diese oft atemberaubende Installation im wahrsten Sinne des Wortes bespielt. Durch Masken und choreografierte Bewegungsabläufe wird jede Form von Naturalismus oder „Verkörperung“ unterdrückt, dabei jedoch keineswegs wirklich erledigt. Es bricht in den Zwischenräumen durch, dann entsteht eine (für mich) geradezu atemberaubende Spannung zwischen der Konzeption und dem physisch präsenten, menschlichen Akteur. Bei Susanne Kennedy ist der schmale Korridor dieser Konfrontation verlassen. Sie setzt auf die Verschiebung in Richtung Avatar. Gestern im Publikumsgespräch nach den „Suicide Sisters“ wurde sie nach ihrer Einstellung zur Arbeit mit Puppen gefragt. Das lehnt sie ab. Sie denkt in Richtung „Roboter“. Was hat man sich da vorzustellen? Der Unterschied liegt wohl im Grad der Formalisierung. Puppen werden bewegt oder die Installation bewegt sich um die Puppen herum. Wenn dies „Puppenspieler“ tun, ergibt sich das alte Problem der Repräsentation. Wenn es durch ein technisch vermitteltes Regelsystem geschieht, haben wir ein Programm. Dann entfällt Verkörperung als Kategorie. Der Algorithmus hat das Theater erreicht.

Das ist absolut zeitgemäß. Wenn man einen besonders böswilligen Blick auf Stanislawski wirft, entdeckt man in seinen Studienbüchern auch nichts anderes als einen Algorithmus, der lebendige Menschen in Darsteller verwandelt. Wenn ich als Zuschauerin „Die Arbeit des Schauspielers an der Rolle“ gelesen habe, komme ich auch am Deutschen Theater nicht mehr auf die Idee, dass dort echte Charaktere auf der Bühne ihre Angelegenheiten austragen. Es braucht einen Schlüssel, eine Gebrauchsanweisung. Der Unterschied besteht vielleicht darin, dass ich mir zu einem naturalistisch gespielten Theaterstück irgendwie irgendeine Meinung bilden kann, immerhin habe ich in meinem Leben schon einige Seifenopern oder Tatortfolgen gesehen. Bei Ersan Mondtag bleibt mir ganz einfach die Luft weg. Bei Susanne Kennedy war ich gestern zunächst vollkommen ratlos. Die erste Stunde war wie ein Schwimmausflug über den Atlantik. Es gab die starke Motivation, den Ort zu verlassen. Ich hätte mich wesentlich wohler gefühlt, hätte ich an einem öffentlichen Ort gestanden, jederzeit frei, mich davonzumachen. Dann wäre ich vermutlich geblieben. So gab es ganz einfach keinen Ausweg. Das Haus war ausverkauft. Achthundert Personen verfolgten in absoluter Stille das farbenprächtige Treiben vorn am zeitgenössisch überladenen Medientempel. Keine Bewegung, keine Gespräche, kein Lachen. Ein heiliges Ritual mit einem nicht besonders sympathischen Avatar als Reiseleiter. Man kann das bei der Kritik nachlesen. Das kann negativ klingen.

https://www.berliner-zeitung.de/kultur/theater/-selbstmordschwestern–das-altar-theater-der-susanne-kennedy-in-der-volksbuehne-29879128

Ich mag keine übermächtigen Bilder. Es passt mir nicht, wenn am Ende ein rotes Licht flackert, das irgendwie das Herz/die Seele/das ewige Licht symbolisieren soll. Ich mag keine Musik, die mich wie Bühnenrauch umnebelt. Ich mag keine Farbenspiele, die mir wie ein Trip vorkommen. Ich habe eine starke Abneigung gegen Totenbücher: Tibet, Isis, Mayas, egal. Ich will nicht, dass mir irgendeine verzerrte Stimme vorschreibt, was ich auf meiner letzten Reise alles zu unterlassen habe. Wer weiß, vielleicht verunglücke ich auf dem Rückweg mit dem Fahrrad, dann habe ich ein Problem. Ich mag keine Youtube Videos. Ich mag keine visuelle Reise durch den Wald, wenn der Wald die Ewigkeit ersetzen soll. Für die Ewigkeit gibt es keine Bilder. Ich habe dagesessen und nicht mitgeklatscht. Wenn es eine Installation gewesen wäre, wäre ich nach einigen Stunden zurückgekehrt. So war es erst einmal vorbei.

Dann kam das Gespräch. Vielleicht ist das für ein Theaterlaboratorium normal. Bei Boris Charmatz gab es das Gespräch vor der Vorstellung, so wusste man, warum dort das Requiem von Mozart zu hören war. Es hatte einen Sinn und ohne diesen Sinn wäre es Kitsch gewesen. Mit dem Schlüssel im Kopf war es großartig und aufregend. Die „Suicide Sisters“ liefern den Schlüssel erst im Anschluss. Ich war nicht darauf vorbereitet, dass sich die menschlichen Figuren auf der Altarbühne am Ende als Männer präsentieren. Der Abspann gehörte semantisch zwingend zum Stück. Ich hatte zwar die Einführung gelesen, nicht jedoch den Roman von Eugenides. Im Gespräch stellte Johanna Höhmann als Dramaturgin den Kontext zur Verfügung. Und Susanne Kennedy erklärte ein wenig die Grundprinzipien ihrer Arbeit: Zunächst entwickelt sie eine Art Maschine, dann wird die Maschine während der Proben getestet. So macht das alles Sinn. Auch der Kitsch, den eine Maschine wahrscheinlich in der Art von Yandex oder Google genau in dieser Qualität zusammengefiltert hätte. Mit der gleichen Unausweichlichkeit, mit dem gleichen Defizit an Alternativen oder Notausgang. Gegen dieses Prinzip gab es eigentlich nur zwei Verstöße: die kotzende Figur, die dem Sterben den Glorienschein abnimmt und die zaghafte, fast ungewollte Liebkosung mit einer Bürste. Daran werde ich mich wohl auch nach einigen Jahren noch erinnern.

Schubot/Gradinger: Yew

Beifuß rauchen – bis der Alltag mit dem Nebel fortzieht: Kritik

 

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/spielplan/2018-01/angela-schubot-jared-gradinger-yew/3648/

Wie wäre das, wenn wir Bäume wären und keine Menschen? Könnten wir friedlich oben über dem Rosengarten mit den Blättern rauschen, bis nach etwa 700 Jahren der Wind die Erlaubnis bekäme, uns sanft in den Schlamm zu schieben? Dann würden die Eichhörnchen ihren roten Schwanz wie einen Besen in die Höhe halten und Späne und Staub aus der Luft auf den Waldboden fegen, wo von irgendwelchen Rosenblüten schon längst jede Spur ausgewaschen und gelöscht wäre. Es bliebe die Familie der Pflanzen: Birke, Beifuß, Brennnessel, Eibe. Die Welt ohne uns, das leere Raunen des Wetters.

Vielleicht. 1967 schrieb Renate Rasp einen Roman, in dem die Eltern versuchen, den Sohn zu umzuerziehen, bis er ein Baum ist. Das war eher schrecklich. Ich habe nächtelang davon geträumt. Sie haben ihn ausgezogen und eingepflanzt, Wind und Regen sollten den Rest besorgen. Und es hat nicht einmal funktioniert: Am Ende hängt ein willenloser Fettkloß in einem Sessel, keine Natur, aber auch keine Menschlichkeit.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46196255.html

Von Berbeli Wanning gibt es einen klugen Essay zu diesem Text:

http://www.komparatistik-online.de/index.php/komparatistik_online/article/view/162/122

Schubot/Gradinger benennen ihr Stück nach dem ältesten Nadelbaum Europas. Die Eibe, das Relikt aus der Eiszeit, steht in der Landschaft und um sie herum wächst und vergeht das verschiedenartige Grünzeug aus den unterschiedlichsten Jahrhunderten und Jahrtausenden. Ich habe das nicht gewusst. Während der Vorstellung habe ich mir einen großen, Schatten spendenden Baum gedacht, nicht dieses lebensgefährlich giftige Nadelgehölz mit seinen knallroten Beeren. Die Eibe, der Totenbaum der Kelten, symbolisiert in der Mythologie den Wahrnehmungsverlust für Grenzen und den Übergang in die Anderwelt. Das passt eher zu einem Ethnobotaniker wie Wolf Dieter Storl und weniger zum Erwartungshorizont des zeitgenössischen Theaters.

https://archive.org/stream/WolfDieterStorlPflanzenDerKeltenATVerlagDeutschDINA5/Wolf-Dieter Storl_Pflanzen der Kelten_AT-Verlag_deutsch_DIN A5_djvu.txt

Gesehen habe ich sowohl den Baum aus meiner Phantasie als auch den Giftbaum, der unsere Wahrnehmungsfähigkeit verschiebt. Elisabeth Nehring charakterisiert die Arbeiten von Schubot/Gradinger auf den Seiten des Goethe Instituts als Experimente mit der Entgrenzung des Körpers. Es geht um den Versuch des Unmöglichen, um eine Bilderreihe aus einer nahezu biologischen Entwicklungssequenz.

http://www.goethe.de/kue/tut/cho/cho/sz/gra/deindex.htm

Es war wie in einem Park, wenn man nur noch die Wolken sieht und die Zeit beginnt, sich auszudehnen. Wie sieht man in einem abgeschlossenen Theaterstudio die Bewegungsmuster des Himmels? Darin bestand die Magie des Abends. Keinerlei Dekoration, ein paar Lautsprecher. Das Publikum füllt den Raum und verteilt sich wie die Gehölze in einem Wald. Einige treffen die Entscheidung, lieber ein Tier zu sein. Die Pflanzen verzweigen sich,kriechen über den Boden, wachsen. Die Tiere lauern. Die Performer entwickeln sich in ihrer gegenseitigen Verklammerung zu einem vagabundierenden, bipolaren Gebüsch. Mal macht es halt, dann rollt es weiter. Es lehnt sich an fremde Stämme, lagert im Schatten fremder Blätter. Es erstaunt mich selbst, wie gelassen ich dieser Art von Annäherung entgegensah. Es war tatsächlich wie im Wald: ohne dramatische Spannung, aber dennoch absolut intensiv. „Sehr atmosphärisch und auch angenehm, das Alles.“ Um es mit den Worten eines anderen Bloggers (Andre Sokolowski) zusammenzufassen.

https://www.freitag.de/autoren/andre-sokolowski/yew-von-angela-schubot-jared-gradinger

Und dann war da noch der Beifuß. Das habe ich vorher nicht einmal geahnt. Dieses Straßenkraut, das auch in der Großstadt den Rinnstein bewohnt wie Tauben, Stadtratten und wir selbst, gehört zu interessantesten Pflanzen, über die unsere traditionelle Pflanzenmedizin verfügt. Man kann es in die Badewanne schütten, man kann die Linsensuppe damit würzen, man kann es rauchen. Wahrscheinlich genügt es schon, sich nach dem Regen darin zu wälzen und die unerträgliche Last der hundertfach vermittelten Existenz zwischen den Pflastersteinen zu zerreiben.

http://magischepflanzen.de/beifuss/

Und was passiert? Man entwickelt Stücke wie dieses „Yew“ (Eibe). Sehr empfehlenswert, in jeder Hinsicht.