Kein Baum hier

Zu altmodisch für den Zeitgeist

Derevo in Potsdam, aber demnächst vielleicht nicht mehr im Hellerau und überhaupt in Dresden

http://www.derevo.org/live/tag/video

„Derevo“ heißt Baum. Sie wurden gefeiert und die Bilder, die sie auf der Bühne erfinden konnten, hatten den Status kreativer Wunder. Sie bespielten den Müll, die Natur, die Straße. Die Figuren wohnten irgendwo zwischen dieser Erde und der Welt der Geister oder Chimären, vielleicht auch der Roboter. So richtig klar ist das bis heute nicht. Sie trugen überwiegend Schwarz, wehende, lange Gewänder oder zerschlissene Lumpen. Die aus Petersburg stammende Company brachte den unheimlichen Nebel des alten, halb verrotteten Leningrads nach Dresden, ehe Petersburg modern wurde und die Stadt Dresden zu einem Zentrum des christlichen Abendlandes.

In Dresden residierten sie im Hellerau, wo zeitgenössisches Tanztheater stattfindet, das normalerweise nicht mit Theatergeschichte assoziiert wird. Dort hatten sie ein Studio, konnten ihre Arbeiten entwickeln, fanden ihr Publikum. Wenn sie es nicht unter freiem Himmel trafen, wo ihre symbolistische Figurensprache irgendwie mit dem Wind, dem Schrott und den Krähen kommunizierte. Wie ein Baum besaßen sie Wurzeln und eine Krone, die manchmal schwankte. Ihre Vorbilder waren der russische Symbolismus, ich denke an Meyerhold und Wachtangow, wenn ich zusehe, was sie machen. Ich kann nicht sagen, dass ich das mag. Mir ist das zu viel Verpackungsmaterial um eine weder vage, noch offene Botschaft. Zu viel Übersetzung aus der Sprache des Symbolismus in das, was wirklich gemeint ist. Ich schätze es, wenn man ohne ein Wörterbuch auskommt.

Irgendetwas derartiges muss die Stadt Dresden gedacht haben, als sie dem Projekt die Förderung zunächst kürzte und später (2018) ganz einfach strich. In der Folge zog sich auch Hellerau zurück. Das Tanztheater um Anton Adasinskiy schrieb Petitionen und viele Menschen unterzeichneten.

https://www.change.org/p/kulturausschuss-für-erhalt-der-förderung-für-derevo-in-dresden/u/22422466

Noch kann man Derevo in Dresden ansehen (7.April) und es gibt Gastspiele in Petersburg, Warschau, Woronesch. Würde ich da hingehen? Vermutlich nicht, der Eindruck in Potsdam war für mich ausreichend. Trotzdem stellt sich die Frage, worin der Auftrag von Kulturförderung besteht. Die Potsdamer Vorstellung war komplett ausverkauft. Es handelt sich um anspruchsvolles Theater, das untergründig einen schwarzen Humor pflegt, der das Lebensgefühl der Zuschauerinnen/Zuschauer trifft. Ich habe mich gelangweilt, aber ich habe mich auch schon bei Tadeusz Kantor gelangweilt, der nun wirklich weder altmodisch, noch ungenügend engagiert war. Aber er war ebenfalls ein Erfinder übersetzbarer Bilder, obwohl Kantor in Bildern immer noch besser zu ertragen war, als die Wirklichkeit die er damals kodiert hat. Auch wer das ästhetisch ablehnt, wird es nicht schaffen, den Chor der Geige spielenden SS-Uniform tragenden Klezmerfiguren jemals wieder loszuwerden.

https://www.youtube.com/watch?v=VYNi_s5gymM

In Potsdam war das Publikum mit Abstand nicht so cool wie in unseren Berliner Vorführungssälen. Es war viel zu gesprächig, schon im Vorfeld irgendwie provinziell kommunikativ und gut gelaunt. Weil es so voll war, saßen die Leute einander fast auf dem Schoß. Ich habe viel Russisch gehört. Manche hatten die Kinder mitgebracht, obwohl es für die Kinder wahrscheinlich sehr viel zu fragen gab. Nach der Vorstellung (Standing Ovations) verließ die Menge den Saal in einer Wolke aus Geschwätz und Nacherleben. Die Presse war so freundlich gestimmt wie der Saal: „Tanztheater – Ungeheuer Zärtlich“.

http://www.pnn.de/potsdam-kultur/1269895/

Was macht man damit, wenn man ein Festspielhaus leitet oder Kulturförderung verteilt? Der Vorwurf gegenüber der Company lautet Mangel an Innovation. Das kann ich gut verstehen. Aber außer mir hatte in Potsdam jeder/jede im Zuschauerraum einen ausgezeichneten Abend. Und wer bestimmt, was am Ende produziert wird? Das Geld gibt den Ausschlag. Aber wer soll es erhalten? Diejenigen, die den Trend bestimmen oder auch die abwegigen, altertümlichen, sturen Projekte, die sich dem Zeitgeist genauso unbeweglich verweigern wie ein Baum inmitten der Großstadt?

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