Unerreichbar

unerreichbar

(Denkmal des Programmierers vor der Technischen Universität Irkutsk mit der aktuellen Absperrung aufgrund der Pandemie)

Vor meiner Tür steht der Nachbar. Im Arm trägt er meine schöne Katze. Die Katze vagabundiert durch das Treppenhaus, macht Besuche, liegt auf fremden Sesseln. Am liebsten besucht sie die Studentinnen der Polizeihochschule. Die jungen Frauen haben eine Schwäche für die „deutsche Katze“, und die Katze hat eine Schwäche für die russische Polizei. Mein Nachbar erinnert sich an den Deutschunterricht in seiner Schule. Er begüßt mich auf Deutsch und verabschiedet sich auf Russisch von der Katze. Die Katze ist „своя“ (gehört zu uns), Menschen erreichen diesen Status hier in Sibirien möglicherweise nie. Wären wir nicht gerade Zeugen eines allgemeinen Wahnsinns, würde ich Pflaumenkuchen backen und den Nachbarn damit bewirten. Ich würde ein Extrablech für die Studentinnen reservieren, deutscher Kuchen hat in Irkutsk einen guten Ruf.

Jetzt überlege ich, ob ich die Katze desinfiziere. Wie desinfiziert man eine Katze? Ich bitte den Nachbarn nicht in meine Küche und koche ihm keinen Kaffee. Ich schaffe es gerade noch, freundlich zu grinsen. Er grinst schräg zurück. Wir vergewissern uns gegenseitig, dass es der liebe Gott im Moment ein wenig übertreibt. Und dass wir froh sind, dass wir nicht in Indien wohnen oder an irgendwelchen anderen Orten, wo es noch viel schlimmer ist. Schlimmer als hier in Sibirien, wohin der Zar seine Feinde evakuierte, wenn er aus politischen Gründen Hemmungen hatte, sie einfach aufzuhängen (wie zum Beispiel die Dekabristen im Jahr 1826).

Sibirien bedeutet Abstand. Wir haben die Angarra und wir haben den Baikalsee, aber nach Moskau dauert es mit dem Zug dreieinhalb Tage, das Schwarze Meer und die wundervollen Rosen von Taganrog befinden sich quasi auf einem anderen Stern. Meine Heimatstadt Berlin wurde in einen Seitenarm der Milchstraße versetzt. In meinem Kopf kreist das Wort „Gabelflug“. Aber bei geschlossenen Grenzen und Quarantäneverpflichtung in Deutschland bleibt das alles Theorie. Ich betrachte Europa auf dem Bildschirm: Belgrad in Aufruhr, Italien erneut bedroht, Deutschland im Design der Masken (inzwischen gut geeignet zum Platzieren von Parteiabzeichen und Botschaften aller Art). Leute erkennt man nicht. Die zweidimensionale Welt ist anonym.

Schon seit längerem quält mich eine tiefe Furcht, dass uns der Fortschritt mit der mechanischen Gewalt von Roboterarmen zurückwirft. Lange und mühevoll wurde darum gekämpft, Hierarchien flacher aufzufassen, die Kommunikation horizontal zu organisieren, Wissen als kollektiven Erfindungsakt zu verstehen und nicht als eingepökelte Bestände unverrückbarer Gewissheit. Während ich das virtuelle Gebäude betrete, welches mein Arbeitgeber bei einer großen Agentur angemietet hat, bin ich befremdet und fühle mich deplatziert. Irgendwann wollte ich für eine Studie die Welten von Second Life erkunden. Damals war es mir sehr schwer gefallen, einen Avatar aufzubauen, der einigermaßen widergibt, wer ich bin: nicht besonders gut aussehend, trotzdem selbstbewusst, ein wenig arrogant, eher an fließender Bewegung interessiert. In der virtuellen Lounge meines Arbeitgebers umgeben mich Projektionen einer Auslese durch Algorithmen: Niemand ist behindert, niemand ist alt, niemand ist übergewichtig, niemand hat ein erkennbares Gesicht. Es fällt beim Design der Plattform offensichtlich nicht ins Gewicht, dass menschliche Personen mit menschlichen Makeln zum Meeting eingeladen sind. Das Problem existierte bereits davor, als es noch keinen Zwang zur digitalen Einebnung gab. In den Werbebroschüren unserer Organisation herrscht dasselbe Prinzip: Angleichung der Persönlichkeit bis zur Grenze der Unsichtbarkeit, nichts, woran man sich später erinnert. Ich kann nicht sagen, dass mich diese dicke Professorin mit ihrem sympathischen Lachen inspiriert hat. Es gibt sie nicht, die dicke Professorin.

Es gibt keine gescheiterten Experimente, es gibt keine körperliche Differenz, Abweichung wird herausgerechnet. Es gibt keine Darstellung der Entstehung von Wissen, keine Visualisierung dessen, was in Wirklichkeit passiert, wenn wir dem Neuen auf der Spur sind. Das ist nicht die perfekte Präsentation und der einstudierte Auftritt im knappen, grauen Kostüm. Eine eigentlich gar nicht unsympathische Angelegenheit sind die Sofortabfragen, mit denen man eine großes virtuelles Auditorium zur Mitarbeit motivieren kann. Aber auch hier stellt sich dieser Effekt ein: Das System berechnet und visualisiert die statistischen Schwerpunkte. Je mehr Nutzer eine bestimmte Antwort geben, desto größer und sichtbarer erscheint der betreffende Ausdruck. Die Abweichung verschwindet im Randbereich des unsichtbaren Nebels. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass das Neue im Sinne einer Erkenntnis zum ersten Mal im Zentrum des Maistreams auftritt. Eigentlich dürfte es technisch kein Problem darstellen, auch die Randzonen einzubeziehen. Dazu fehlt jedoch der Wille und die Bereitschaft, die Abweichung mit Relevanz auszustatten. Das ist keine Frage der Digitalisierung. Das existierte bereits davor. Giordano Bruno wäre gar nicht erst aufgefallen.

Die Rückkehr zu vertikalen Strukturen lässt sich ebenfalls mit technischen Erfordernissen begründen. Ich denke jedoch, dass man mit den technischen Instrumenten das abbilden kann, was bereits im Konzept angelegt ist. Jeder kann nachvollziehen, warum bei einem sehr großen Meeting nicht jedes Gesicht präsent ist. Trotzdem ist es bedenklich, wenn ich mich als Teilnehmerin in einem dunklen Becken mitten in einem Schwarm wiederfinde, dessen Mitglieder nicht identifizierbar sind. Natürlich kann sich der Schwarm außerhalb des offiziellen Informationsstroms in parallelen Vernetzungen idividualisieren, aber das ändert nicht viel an dem Problem. Diejenigen, denen die Kontrollmacht über das Ereignis zugestanden wird, befinden sich wie in der Kirche in der Position des isolierten, unerreichbaren Senders.

Jede Frage und jede Reaktion im Chat (blöder Ausdruck, der eigentlich das Gegenteil von dem meint, worum es geht) wird durch Türhüterinstanzen gefiltert. Ich bin anwesend und werde rechnerisch über meine Zugangsdaten erfasst (und vermutlich auch ausgewertet), aber meine Teilhabe wird außerhalb der reinen Reaktion jeder weiteren Dimension beraubt. Wäre es eine anonyme Fernsehübertragung, würde ich es ausschalten. Aber es geht um die Diskussion sehr wesentlicher Voraussetzungen meiner Arbeit in einer Zeit großer, globaler Verunsicherung. In dieser Situation wäre die Sichtbarkeit meiner Kolleginnen und Kollegen – ebenso wie auch meine eigene Sichtbarkeit – für mich von großer Bedeutung. Es wäre ein professioneller Umgang, diese Art von Bedürfnissen im Vorfeld zu ergründen und ihnen in der technischen Umsetzung eine Verwirklichung zu ermöglichen. Üblicherweise funktioniert es umgekehrt, die Technik dient als Begründung für eine einseitig angelegte Ansprache an Stelle einer echten Diskussion. Aber hier trügt der Schein: Der Wunsch nach horizontaler Kommunikation kam bereits vor der technischen Modellierung abhanden. Erreichbarkeit im Inneren des Schwarm muss vorher für wesentlich erachtet werden und entsprechend implementiert sein.

Meine Kolleginnen und Kollegen arbeiten in den unterschiedlichsten Regionen der Welt. Sehr viele von ihnen sind in der gleichen Lage wie ich: Wegen der geschlossenen Grenzen sind wir mehr oder weniger freiwillig in unseren Gastländern geblieben und beobachten aus erster Hand, wie die Auswirkungen der Pandemie den Alltag an unseren Arbeits- und Wohnorten beeinflussen und verändern. Es wäre großartig gewesen, mehr darüber zu erfahren, was sich in diesen völlig anderen Umgebungen abspielt. Es ist vielleicht nötig, sich selbstständig zu vernetzen, diese Erfahrungen festzuhalten und dem Archiv der Gegenwart zur Verfügung zu stellen. Im Moment führt der Schock zu einer Erstarrung. Aber wenn es vorbei ist, werden die Details verloren gehen oder ihre Anornung ändern. Dann überformt die Gedächtnisstruktur die unmittelbare Wahrnehmung.

Draußen herrscht der sibirische Sommer. Es ist heiß, niemand trägt eine Maske. Die Zahlen in Irkutsk sehen nicht gut aus. Gerade wurde die „Selbstisolation“ um zwei weitere Wochen verlängert. Jede Nacht sterben Leute in den Krankenhäusern. Am Morgen liest man es in den Blogs. Die Mauersegler kreisen über den Häusern. Die Stadt ist leer, die Leute fahren zum Strand oder auf die Datschen. Meine Katze hat einen neuen Ort erkundet. Jetzt schläft sie im Kindergarten zwischen den Kuscheltieren. Die Kinder sind begeistert. Die Erzieherin öffnet extra das Fenster, damit die Katze pünktlich zum Mittagsschlaf auftaucht. Die Maske hängt aus der Kitteltasche. Die Kinder bekommen Angst, wenn ihre Erzieherin mit der Maske vor dem Mund eine Einschlafgeschichte vorliest.

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